Es ist das Leben, das die Gedichte schreibt. Jene, die uns zutiefst berühren, weil sie von all den Dingen erzählen, die wir nicht wieder gut machen können. Das ist auch bei Volker Sielaff so, Dichter aus Dresden, der auch schon mal den Lessing-Preis bekam. Und 2022 das London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Was ihm Begegnungen ermöglichte, die sonst im Dichterleben eher nicht drin sind.

Wenn auch nur über die Orte, an denen sie lebten – Sylvia Plath, Frank O’Hara, Yeats und Samuel Johnson. Wahlverwandtschaften. Und natürlich London, wie es der Dichter sieht.

Mal aus der Flugzeugperspektive, mal in kleinen Parks unterwegs. In den Docklands und im Niemandsland der „Isle of Dogs“. Oder auf der Fitzroy Road, die dem London-Kapitel in diesem Band den Titel gab. Ein Band, der den Dresdner Autor vielseitig zeigt. Manchmal auch zur gebundenen und gereimten Form neigend. Da, wo er spielt mit dem Stoff und dem Leser.

Manchmal sind Gedichte einfach nur einvernehmliche Spiele zwischen Autor und Leser. Ein Fangspiel, das aus dem Vollen schöpft. Und dabei nicht nur den Yeti herbeizitiert, der natürlich keine der ihm gestellten Fragen beantwortet.

Aber berührend werden die von Sielaff für diesen Band ausgewählten Gedichte, weil er auch den Schatten seiner Jugend nachspürt. Gleich im Gedicht „Weiße Handtasche“ ist es seine Mutter, der er – zu spät natürlich, wie das immer so ist – Gerechtigkeit zukommen lassen will. So einfühlsam, wie das wohl erst möglich ist, wenn wir die Kindheit loslassen. Was nicht jedem gelingt. „Sie war eine gute Partie, als mein Vater / sie kennenlernte: schlank, das Haar, dunkel, glich sie einer spanischen Infantin ….“

Wer kann das als Sohn sehen (lernen), wenn er die Eltern nur abgearbeitet, müde und gealtert kennt? Und sich selbst an ihnen abgearbeitet hat, als würden sie einen daran hindern, sich selbst zu finden in der Welt? „Ich habe / ihr oft unrecht getan, vergaß / wie schön sie einmal gewesen …“

Alles, was sie besaß

Allein dieses Gedicht ist eine lange Besprechung wert. Weil es etwas erzählt, was Kinder oft nicht zulassen, nicht sehen wollen. Es könnte zu schmerzhaft sein, wenn am Ende nur die weiße Handtasche bleibt. In der die Mutter das Haushaltsgeld verwahrte und ihre alten Liebesbriefe. „In dieser Handtasche war alles, / was sie im Leben besaß.“

Vielleicht sollte man die Leben der Eltern wirklich nicht einfach entsorgen. Sondern – vielleicht zu spät – wenigstens die Gelegenheit wahrnehmen, sie in ihren Lebensträumen zu begreifen, ihrem Jungsein. Denn manchmal merken wir dann, dass wir viel mehr gesehen haben und verstanden, als wir uns je getraut hätten auszusprechen.

Auch bei den Tanten, über die Sielaff in „Gewittertasche“ schreibt, bei denen er unterkam, als seine Mutter schwer krank wurde. Bis zu dem Tag, an dem nicht einmal mehr ein Abschied möglich war. Natürlich geht es um Trauern – in dem Gedicht „Derrick“ genauso wie in „Trauern“. Denn Trauer gehört auch zum Jungsein. Denn da lernen wir auch, was Verlust bedeutet.

Und sei es nur die extravagante Mitschülerin, die alle bewunderten, oder das leere Schulhaus, das schon deshalb präsent ist, weil es die Mutter war, die diese Schule putzte. „Sie wollte nicht ewig nur / die Frau des Bürgermeisters sein.“ Ein ganzes Kapitel voller Gedichte widmet Sielaff seiner Jugend.

Mit Verlusten und den Stunden des Lernens. Und Büchern. Denn hier begann ja der Weg zum Schreiben, zum Umgang mit Sprache und Geschichten. Die Begegnung mit den Unsterblichen, die einen ein Leben lang nicht loslassen. Und einem auch immer wieder die Frage stellen: Willst du das wirklich? Dich so hingeben, alles riskieren?

Gehört werden

Denn wirklich groß werden literarische Texte nur, wenn man wirklich die Schichten erreicht, an denen uns das Leben berührt, aufwühlt – und die Füße wegreißt. Weshalb sich Sielaff im Kapitel „Tu einen Tiger in deinen Traktor“ recht ausgiebig mit dem Dichten und dem Dichtersein beschäftigt. Und den Todesarten der Berühmten, die manchmal nur deshalb noch im Gedächtnis der Heutigen sind, weil sie jung und dramatisch gestorben sind.

Das Phänomen kennt nicht nur die Rockmusik. Das war schon lange literarisches Thema, bevor die erste E-Gitarre zerkloppt wurde. Die literarischen Helden-Geschichten sind voll davon – von Dichtern, die sich totsoffen, ertranken, sich umbrachten. Manchmal erst durch ihren Tod berühmt wurden, während das, was sie zu sagen hatten, nicht einmal die Verleger noch interessierte.

Aber das Thema bewegt Sielaff. Denn wer schreibt, will wahrgenommen werden. Sonst gibt es keine Erfüllung, sondern nur das Gefühl, ins Leere zu reden. Da geht es den Dichtern wie den Malern, denen er in diesem Kapitel gleich mehrere Gedichte widmet – von van Gogh bis Munch. Denn dahinter steckt auch die Frage: Wie kann sich einer treu bleiben? Erst recht, wenn er in die Dunstkreise der Mächtigen gerät wie Horaz? Wie schnell wird einer zum musealen Objekt? Will man das? So ausgehängt werden wie die Gemälde im Museum?

Die Fülle der Worte

Kein Wunder, dass Sielaff zwar diese nachdenklichen Texte schreibt, aber immer wieder auch zum Spielen einlädt, wie in „Dritte mystische Aubergine (Mutabor)“. Wo er im Grunde einen Teppich aus Bildern ausbreitet, mit geradezu in den Stoff verwebten Reimen, die das Ganze klingen lassen. Und die Leser gleichzeitig daran erinnern, dass unsere Sprache tatsächlich so klingen kann. Wenn wir es zulassen und die Fülle der Worte zulassen, aus denen sich eine schillernde Welt ergibt.

Eine Erinnerung daran, dass weder unsere Welt noch unsere Sprache karg sind oder so armselig, wie sie uns in den Nachrichten oft dargeboten werden. Aber für den Reichtum braucht man offene Augen und offene Ohren. Offene Sinne für das flimmende Wortwerk in unserem Kopf, das immerfort arbeitet.

Armer Mensch, bei dem es nicht mehr arbeitet.

Fantasie ist unser Leben. Wir haben die ganze Welt im Kopf. Und da wundert es nicht, dass Sielaff die Spannbreite ausreizt zwischen all den Abschieden, die uns täglich ins Haus wehen („Das letze Einhorn. / Das letzte Abendmahl. Der letzte Zug.“), und den Begegnungen, die uns mit allen Fasern daran erinnern, dass wir doch nicht allein sind: „Liebe zum Boofen mit dir allein im Isergebirge.“ Finale einer opulenten Liebeserklärung an die ganze turbulente Welt.

Und weit und breit kein Yeti. Den braucht eigentlich keiner. Auch weil viele Fragen gar keine Antwort brauchen. Sondern davon erzählen, dass wir noch auf den eigenen zwei Beinen durchs Leben laufen.

Volker Sielaff „Fragen an der Yeti“, Voland & Quist, Berlin und Dresden 2026, 22 Euro.

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