ÖPNV ist etwas Schönes. Aber er rechnet sich am besten dort, wo viele Leute wohnen und das Netz dicht ist. Aber wie geht es Bewohnern der Leipziger Ortsteile, die gern Bus, Straßenbahn und Flexa nutzen wollen, aber dann vor der kniffligen Frage stehen, wo sie jetzt eigentlich ein Ticket dafür herbekommen sollen? Ein Problem, das gerade in Engelsdorf die Gemüter der älteren Menschen beschäftigt.
Weshalb der Ortschaftsrat Engelsdorf einen Antrag schrieb, der OBM solle in Engelsdorf Einzelhändler ansprechen, damit sie wieder Tickets verkaufen.
Eigentlich ein ganz kleiner Antrag, der am 28. Januar in der Ratsversammlung aber dann doch eine vehemente Diskussion auslöste. Denn solche Probleme haben auch andere Ortsteile. Und es sind gerade die älteren Bewohner dieser Ortsteile, die sich irgendwie ausgegrenzt fühlen. Früher war das nicht nur einfach, sondern selbstverständlich, dass es im Ort eine oder mehrere Verkaufsstellen gab, die dann auch LVB-Fahrscheine verkauften.
Aber ganz offensichtlich ist dieses Netz im Lauf der Jahre ausgedünnt. Zumindest scheint es in Engelsdorf noch einen Postshop zu geben, der LVB-Tickets verkauft. Aber er ist wohl öfter geschlossen. Und dann haben gerade Senioren ein Problem, erst recht, wenn sie mit Smartphones und digitalen Ticketautomaten nicht zurechtkommen.
Es ist also eine Geschichte, die von Veränderungen erzählt, die schneller kommen, als mancher ältere Mensch noch umlernen kann.
Flexa nur mit App?
Da bauen die LVB zwar ihr Flexa-System aus und versorgen immer mehr Ortsteile mit diesem Ruf-Shuttle. Aber wie kann man es nutzen, wenn man kein Ticket hat und im Fahrzeug keins verkauft wird? Oder kann man Flexa überhaupt nur benutzen, wenn man die entsprechende Move-App der LVB auf seinem Smartphone hat, wie es der Ortsvorsteher von Hartmannsdorf-Knautnaundorf, Matthias Kopp, in die Diskussion warf? Da sind dann ältere Menschen, die mit der Technik ohnehin hadern, erst recht aufgeschmissen.
Im Verwaltungsstandpunkt wird zwar ausführlich erklärt, dass sich die LVB intensiv darum bemühen, Vertragshändler in den Ortsteilen zu finden, die Tickets verkaufen. Aber selbst das ist ein bürokratisches Abenteuer, wie SPD-Stadtrat Andreas Geisler aus eigenem Erleben in Lindenthal berichten konnte. Das Verfahren ist so kompliziert, dass es kleine Händler abschrecken könnte. Andere Händler wiederum melden sich bei den LVB und bekommen Absagen.
Es scheint wirklich nicht einfach zu sein. Weshalb der Ortschaftsrat Engelsdorf für den OBM gleich eine Liste mit möglichen Händlern aufgeschrieben hat, die er in Engelsdorf ansprechen könnte. „Wir haben auch schon mit all diesen Händlern gesprochen“, erklärte SPD-Stadträtin Anja Feichtinger, die den Antrag auch als Mitglied des Ortschaftsrates vorgestellt hatte.
Was wieder die Frage aufwarf: Wer wird hier eigentlich beauftragt? Soll der Oberbürgermeister selbst alle Läden in Engelsdorf abklappern? Also quasi zum Boten der LVB werden. Zumindest interpretierte OKM Burkhard Jung diesen Antragspunkt so, dass er an die LVB-Geschäftsführung herantreten solle, um diese dazu aufzufordern, den Ticket-Kauf auch für ältere Menschen in den Ortsteilen (wieder) zu ermöglichen.
Das sollte eigentlich im eigenen Interesse der LVB liegen. Vielleicht wird ja der Beschluss vom 28. Januar als Auftrag verstanden, die Suche nach Vertragspartnern in den Ortsteilen am Stadtrand zu verstärken und es gerade älteren Menschen wieder leichter zu machen, an Tickets für die LVB zu kommen.
Auch wenn der Beschluss dann relativ knapp ausfiel, doch der Antrag aus Engelsborf bekam die dafür nötige Mehrheit mit 28:22 Stimmen bei 13 Enthaltungen.
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Es gibt 3 Kommentare
Genau daran krankt Deutschland – jedem muss es immer recht gemacht werden. Alte Zöpfe abschneiden, damit es auch mal vorwärts geht.
Smartphones gibt es seit Jahrzehnten, das Internet auch. Die heutigen Rentner hatten genug Zeit, sich entsprechend mit der digitalen Zukunft auseinanderzusetzen.
Dazu gibt es genügend Hilfsangebote, die mit der Technik vertraut machen. Müsste man dann halt mal tun und sich kümmern. Zeit ist ja da.
Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass ich an den Automaten im Fahrzeug kein Ticket bekomme.
Die Apps setzen praktisch ein aktuelles Google- oder Apple-Endgerät mit umfassendem Mobilfunkvertrag voraus. Ein universelles Webfrontend für den Nahverkehr gibt es meines Wissens nicht. Die DB betreibt zwar noch ein klassisches Webportal, aber Tickets müssen auf A4 vorgelegt werden und die Bahncard gibt es praktisch auch nur noch in der App.
Wenn ich im Ausland Urlaub mache, dann muss ich für mobiles Surfen Zusatzpakete buchen. Die LVB setzt das von den Internationalen Gästen der Stadt nun also voraus.
Zweite Zahlungsoption sind NFC-Karten (kontaktloses Bezahlen, Ticketkauf offenbar stets ohne PIN-Eingabe). Wer Sorge hat, dass Unbefugte mit der Karte bezahlen könnten oder unbemerkt Daten abzugreifen, dem wird u.a. von der Verbraucherzentrale empfohlen, die Funktion des kontaktlosen Zahlens deaktivieren zu lassen oder die Karte wenigstens in einer Aluminiumhülle zu verwahren. Bis zur Sperrung einer gestohlenen oder sonst verlorenen gegangenen Karte könnten Unbefugten Kleinbeträge wie Tickets mutmaßlich beliebig oft begleichen. Deshalb ist das Abschalten der NFC-Funktion für Zweitkarten (z. B. eine Kreditkarte mit zusätzlichem Kreditrahmen) dringend zu empfehlen. Wenn Sie die ungewöhnlichen Buchungen erst auf dem Kontoauszug entdecken, können schon beachtliche Schäden aufgelaufen sein. Wer die Möglichkeit hat, sollte aus Sicherheitsgründen zu ApplePay oder GooglePay via Smartphone greifen.
Wer keinen Zugang zu den Diensten VISA oder MASTERCARD hat (z. B. viele Richter des Internationalen Strafgerichtshofes), ist vom kontaktlosen Zahlen ausgeschlossen. Wer diese Dienste freizügig nutzt, stärkt deshalb diese Monopolisten und die systemische Abhängigkeit vom US-Finanzsektor.
Darum versuche ich, solche (Gelegenheits-)Fahrten – so weit es geht – zu vermeiden. Hinzu kommt, dass es im Leipziger Westen noch die Verkehrsunternehmen RegioBus und PNVG gibt, die Tickets mit Bargeld im Fahrzeug vertreiben und sonst keine Verkaufsstellen betreiben.
Die Automaten an Haltestellen wie Markranstädt Schkeuditzer Straße oder Leipzig, Lindenauer Markt gehören der LVB und verkaufen ausschließlich Tickets für den LVB-Raum. Diese Automaten kennen Haltestellen im übrigen MDV-Raum nicht, wenngleich die MDV-Tickets zu Zielen im LVB-Raum natürlich auch von diesen MDV-Unternehmen anerkannt werden.
Die Schwierigkeit, verbundübergreifend Tickets oder Preisauskünfte zu erhalten, gibt es nach wie vor, wenn auch die Zahl der Betroffenen dank Deutschland-Ticket zurückgegangen ist. Das Versprechen mancher Parteien, sachsenweit einen großen Tarifverbund zu schaffen, ist in weite Ferne gerückt. Für Wenigfahrer ist das D-Ticket unwirtschaftlich. Durch das Abo-Modell mit Kündigungsfrist bis zum 10. des Vorminats häufig selbst für Urlaubsreisende. Der Grundpreis liegt dadurch für Kurzentschlossene bei 126 Euro. Ein Online-Kauf des D-Tickets wird zwar angeboten, ist aber durch Personenbindung mit Authentifizierung etc. weitaus aufwendiger als der Kauf eine einfachen Tickets.
Für die LVB standen sicherlich geringe Investitions- und Betriebskosten im Vordergrund, doch die Abschaffung der alternativen Bargeldzahlung (zur Not eben direkt beim Fahrer) widerspricht der Funktion der Daseinsvorsorge. Die Gleichstellungs-, Senioren- oder Behindertenbeauftragten müssten sich gerade für solche Kundengruppen stark machen.
Es ist gut, dass der Ortschaftsrat noch mal auf die Problematik aufmerksam gemacht hat. Für Händler lohnt sich dieser Ticketverkauf aber nicht mehr.
Der Einzelticketverkauf ist mit dem D-Ticket massiv zurückgegangen und die meisten Menschen können einen Automaten bedienen bzw. ein Ticket digital kaufen und tun das auch.
Die Zielgruppe ist also eine sehr, sehr klein und die fährt dann auch nur selten mal mit den Öffis.
Da die Tickets aus den Automaten der LVB noch entwertet werden müssen, könnten die Älteren auch mit ihren Mitmenschen an der Haltestelle sprechen und diese bitten ihnen eine Anzahl X ausgeben zu lassen. Dann hätten sie auch noch ein paar Tickets für die nächsten Fahrten. Die Kommunikation mit den Mitmenschen unterscheidet sich auch nicht so wesentlich vom Verkaufsgespräch am Kiosk, sodass das auch möglich sein müsste und ich vermute mal, dass das in der Praxis bereits auch geschieht.