Am Ende hat man fast vergessen, was Dr. Gesine Märtens ganz am Anfang zur Debatte über den Literaturhaus Leipzig e. V., seine Rolle und die Bedeutung des Lesens gesagt hat. Dass Literatur nämlich kein Luxus ist, sondern ein Grundnahrungsmittel an Menschlichkeit, das „Geduld, Genauigkeit und Hingabe“ erfordert. Eigenschaften, die in einer von „Social Media“ aufgeschäumten Zeit gerade allüberall den Bach runtergehen. Aber wer redet schon von Menschlichkeit, wenn eine Kommune gerade finanziell in die Knie geht?
Die Grünen-Stadträtin Gesine Märtens hatte den Antrag zur Rettung des Literaturhaus Leipzig e. V. zusammen mit Mandy Gehrt (Die Linke), Pia Heine (SPD) und Ralf Pannowitsch (BSW) gestellt. Pia Heine verriet in der Debatte auch gleich noch ihr Lieblingsbuch aus der Kindheit: Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, in dem es ja um die Bedeutung von Fantasie und gut erzählten Geschichten in unserem Leben geht. Und auch Ralf Pannowitsch erinnerte daran, welche zentrale Rolle die Literatur für die Buchstadt Leipzig spielt.
Im Antrag selbst hatten alle vier darauf hingewiesen, wie gering in Leipzig tatsächlich die institutionelle Förderung für Literatur ist:
„Leipzigs Ruf als ‚Buchstadt‘ gründet auf einer lebendigen Literatur-, Verlags- und Buchhandelslandschaft. Das Literaturhaus Leipzig ist seit über 30 Jahren ein zentraler Akteur dieser Szene – als Plattform für Autorinnen, Vermittler literarischer Debatten und Brückenbauer zwischen Kultur, Wissenschaft und Stadtgesellschaft. Doch während andere deutsche Literaturhäuser (z. B. in München, Berlin oder Hamburg) seit Jahrzehnten institutionell gefördert werden, finanziert sich das Leipziger Haus bisher aus seinem Vermögen.
Diese Mittel werden 2026 aufgebraucht sein. Die institutionelle Förderung ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, um Leipzigs literarisches Erbe zu bewahren, neue Zielgruppen zu erschließen und die Vernetzung von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zu stärken. Sie kommt der gesamten Stadtgesellschaft zugute, von Schülerinnen bis zu Verlagsgründerinnen.“
Und: „Die geforderten 205.000 € entsprechen etwa 0,05 % des Leipziger Kulturetats (2025: etwa 420 Mio. €) und sind eine kostengünstige Investition in die kulturelle Infrastruktur. Zum Vergleich: Das Literaturhaus München erhält über 1 Mio. € jährlich.
Fazit: Die institutionelle Förderung ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, um Leipzigs literarisches Erbe zu bewahren, neue Zielgruppen zu erschließen und die Vernetzung von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zu stärken. Sie kommt der gesamten Stadtgesellschaft zugute, von Schülerinnen bis zu Verlagsgründerinnen.“
Hilferuf in schwierigen Zeiten
Das Problem, dass ausgerechnet jetzt Probleme bei der Finanzierung des Vereins auftauchen, der seit 30 Jahren Literaturveranstaltungen vor allem im Haus des Buches organisiert, ist, dass nach 30 Jahren das Vereinsvermögen aufgebraucht ist. Eine besondere Rolle – darauf wies Ralf Pannowitsch in seiner Rede hin – spielte dabei die Nullzins-Phase ab 2015.
Die Arbeit konnte nicht mehr aus den Vermögenszinsen finanziert werden. Das Vermögen selbst musste angegriffen werden. Und dass dieses Vermögen bald aufgebraucht sein würde, darüber informierte der Verein auch die Stadt frühzeitig.
Nur konnte diese – auch aus rechtlichen Gründen – den Verein nicht einfach in die institutionelle Förderung übernehmen, solange sich dieser selbst finanzieren konnte. Doch in diesem Jahr gehen die Mittel zur Neige. Vorsichtshalber hat der Verein seinen Mietvertrag im Haus des Buches gekündigt. Während gleichzeitig Briefe und Unterstützerzuschriften aus ganz Deutschland eintrudelten. Wer mit Literatur zu tun hat, der sieht auch von Weitem, welche wichtige und letztlich unersetzliche Rolle der Verein in Leipzig spielt.
Nur kam der Hilferuf zur für Leipzig allerungünstigsten Zeit. Denn die Stadt steckt in der schwersten Finanzklemme ihrer jüngeren Geschichte. Und eigentlich darf sie gar keine zusätzlichen Ausgaben außerhalb des mit Ach und Krach genehmigten Haushalts auflegen.
Was also tun? Die AfD-Fraktion machte es sich ganz einfach und beantragte, das Geld solle bei den soziokulturellen Zentren der Stadt zusammengespart werden. Was natürlich bei anderen Stadträten die Frage aufkommen ließ, ob die AfD-Fraktion hier mit dem Feigenblatt Literaturförderung nicht einfach ihre alten Vorstöße gegen Kulturinstitutionen wie das Conne Island wiederholt.
Aber knallhart gab sich auch CDU-Stadtrat Falk Dossin, der von „Verantwortung und Prioritäten“ redete, da Leipzig ja nun einmal nicht mehr Geld ausgeben dürfe. Kein Wort von Literatur oder ihrer Rolle für die Stadt. Aber so tickt Leipzigs CDU.
Aber was tun? Nach einem ersten Vorschlag aus dem Kulturdezernat, das Literaturhaus künftig aus Einnahmen aus der Tourismusförderung mitzufinanzieren, stieß bei den Antragsteller/-innen auf strikte Ablehnung. Auch die SPD-Fraktion stellte sich quer und versuchte mit einem Antrag zu erreichen, dass es keine Minderung der Förderung für den Tourismus geben dürfe, wie auch SPD-Stadtrat Andreas Geisler beschwor.
Den Antrag konnte er zurückziehen, denn diesen Passus hatte das Kulturdezernat in einer Neufassung des Verwaltungsstandpunkts gestrichen. Was natürlich trotzdem die Frage aufwirft? Woher soll das Geld kommen, wenn Leipzig keine zusätzlichen Ausgaben tätigen darf?
Im März soll es noch einen Vorschlag geben
Das soll jetzt noch im März in einer eigenständigen Verwaltungsvorlage thematisiert werden, kündigte das Kulturdezernat in seinem Verwaltungsstandpunkt an. Weshalb die CDU-Fraktion versuchte, die Abstimmung zum Literaturhaus auf die März-Ratsversammlung zu verschieben. Aber die würde erst nach der Buchmesse stattfinden.
Weshalb Gesine Märtens darauf beharrte, dass der Antrag unbedingt noch vor der Buchmesse behandelt werden sollte. Und da die Verwaltung einen Lösungsvorschlag in Aussicht stellte, warb Märtens denn auch für den Verwaltungsstandpunkt.
Der freilich auch die Schwierigkeit andeutete, in der klammen Finanzsituation der Stadt eine Lösung für den Literaturhaus e. V. zu finden. „Der Stadtrat nimmt zur Kenntnis, dass aufgrund der aktuellen finanziellen Lage der Stadt Leipzig keine zusätzlichen Mittel im Ergebnishaushalt des Kulturamtes bereitgestellt werden können. Aktuell wäre eine Förderung nur zulasten anderer freier Kulturträger möglich. Weiterhin ist zu beachten, dass durch das Dezernat Kultur die Vorgaben des Haushaltskonsolidierungskonzeptes (HSK) erfüllt werden müssen.“
„Der Ratsversammlung wird bis Ende des 1. Quartals 2026 eine Beschlussvorlage zur Förderung des Literaturhaus Leipzig e. V. ab 2027 vorgelegt“, hatte das Kulturdezernat in Aussicht gestellt. Es aber auch an eine Bedingung geknüpft: „Die Förderung soll unter der Voraussetzung erfolgen, dass das Literaturhaus bis Sommer 2026 ein Konzept vorlegt.“
Diese Bedingung musste der Verein ja bislang nicht erfüllen, weil er sich aus Eigenmitteln finanzierte. Da ging die Kritik von CDU-Stadtrat Falk Dossin ganz offensichtlich an den simplen Tatsachen vorbei. Und irgendwie hat der – dann doch ziemlich aufgebrachte – Stadtrat Thomas Kumbernuß (Die PARTEI) wohl auch recht, dass sich Dossin mit der Materie nicht wirklich beschäftigt hat.
Und nun? Auch OBM Burkhard Jung betonte, dass man mit dem Literaturhaus Leipzig e. V. vor einer schwierigen Aufgabe steht. Aber dass man im Interesse der Buchstadt eine Lösung finden müsse, auch wenn er deutlich machte, dass eine institutionelle Förderung für den Literaturhaus Leipzig e. V. eine Ausnahme bleiben müsse und nicht Schule machen dürfe.
Aber die Debatte machte eben auch deutlich, wie wichtig die Buchstadt und die lebendig erlebte Literatur für den Großteil aller Stadträte sind. Es geht nicht nur um einen schmückenden Titel für die Stadt, sondern um all die Dinge, die Gesine Märtens in ihrer Rede beschworen hat.
Und das spielt auch in der Politik eine Rolle und unterscheidet Politik, der es auch um Inhalte geht, von der gefühllosen Härte reiner Kassenwarte. Während der AfD-Antrag gleich mit 12:45 Stimmen in der Versenkung verschwand, bekam die Vorlage des Kulturdezernats, die für März einen Lösungsvorschlag in Aussicht stellte, mit 45:11 Stimmen bei 7 Enthaltungen eine deutliche Mehrheit.
Ob die Lösung dann ebenfalls Zustimmung findet, wird dann wohl die März-Ratsversammlung zeigen.
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