Das fünfte MACHN-Festival fand am 3. und 4. Juni in der Baumwollspinnerei Leipzig-Plagwitz statt. Bereits das dritte Jahr in Folge waren auch wir dabei und haben mit verschiedensten Menschen gesprochen. In den nächsten Tagen werden wir über Innovationen, Startups, Produkte und Ideen berichten, auch andere Akteure werden zu Wort kommen.
In diesem Jahr begann MACHN anders als im Vorjahr, die Eröffnung „Welcome to Machn26“ wurde auf den Marktplatz im Freigelände verlegt. Der Grund war wahrscheinlich, dass um 10.00 Uhr Robert Habeck auf der MACHN Stage zum Thema „Wie gelingt Lust auf Veränderung – und wie nimmt man Menschen dabei mit?“ sprechen sollte. Wie abzusehen füllte sich die Halle, sobald sie geöffnet wurde. Das Interesse an Habeck war größer als das an der Eröffnung.

Obwohl der Redner pünktlich da war verzögerte sich der Beginn, weil noch zu viele Menschen am Einlass zum Festivalgelände anstanden. Dann ging es etwa 15 Minuten verspätet los, Moderatorin Beatrice von Braunschweig begrüßte das Publikum, heizte die Stimmung nochmal an und kündigte dann Robert Habeck an.
Die Keynote
Habeck legte auch gleich los, mir stellte sich die Frage: Holt der Mann zwischendurch auch mal Luft? In der Transkription ist zu sehen, er redet weitgehend ohne Punkt und Komma, sagt aber kluge Dinge. So wenn er darauf hinweist, dass rechtspopulistische Tendenzen nicht ein Problem einzelner Länder und/oder Regierungen sind. So wie hier:
„Damals habe ich gesagt, Freiheit steht unter Druck von außen, ich habe damals an Putin und Russland gedacht. (…) Jedes Land glaubt und das sieht man besser, wenn man von außen kommt, es liegt an seinen eigenen Problemen. Aber ich will gleich ganz kurz sagen, warum das irgendwie nicht sein kann. Als die Ampel in der Regierung war, dachte man es liegt an der Ampel oder es liegt an zu viel Klimaschutz oder an der falschen Migrationspolitik oder an Wärmepumpen. Nun aber ist die Ampel nicht in der Regierung und der Rechtspopulismus in Deutschland sozusagen ‚all time high‘, würde ich sagen, obwohl die Ampel abgewählt ist.“
„… aber ich sagte schon, guckt nicht immer nur nach Deutschland, das gleiche gilt für Frankreich, das gleiche gilt für Großbritannien muss man auch ernüchternd sagen, dass von dem Zorn gegenüber der Ampelregierung oder bestimmten Dingen, ich habe sie eben gerade aufgezählt, inzwischen ein Zorn droht zu werden gegen ‚die da oben‘. Die Frustration scheint mir in dem Land so groß zu sein, dass es inzwischen irgendwie, egal es sind alle gleich, die kriegen sowieso nichts hin, alle weg!“
Aber er macht auch Hoffnung, es ist nie die „letzte Patrone“ der Demokratie, oder der „entscheidende Moment“ eines Politikers oder einer Regierung. Es geht immer weiter und Veränderungen, auch zum Positiven, sind möglich.
Woran liegt es also? Es liegt wohl an den negativen Folgen der Globalisierung, wenn man Habeck folgt. Ja, es gibt positive Entwicklungen, auf die er hinweist: „Die Globalisierung hat der Welt geholfen, im Prinzip sind mehr Menschen reicher geworden, haben mehr Menschen Zugang zu Gesundheitssystemen, zu Bildungssystemen, zu sauberem Wasser und viele Krankheiten sind zurückgegangen.“

Aber: „In vielen reichen Gesellschaften ist der Preis dafür, dass die Güter, die global gehandelt werden können, und das sind vor allem Güter die im ländlichen Raum produziert werden, landwirtschaftliche Produkte oder Energieprodukte oder Miningprodukte, also Erze, Mineralien die abgebaut werden können, die sind in den entwickelten Gesellschaften in die Rückenlage gekommen und die Menschen die in diesen Berufen arbeiten. Deswegen gibt es eben diesen Kultur-Clash-Down mit den Leuten im ländlichen Raum, die fühlen sich erstmal ökonomisch bedroht und das sind sie auch in der Tat.“
Das merken wir uns mal für später, wenn es nochmal um den ländlichen Raum geht.
Damit kommt ökonomischer Druck und Sorge vor dem Verlust des Ansehens und Respekts für viele Menschen dazu, nicht nur im ländlichen Raum. Auch Standorte für die „Commodity Goods“, die Wirtschaftsgüter, die in der Industrie erzeugt werden sind, zum Erschrecken der etablierten Produzenten, austauschbar geworden.
„Auf einmal, zum Erschrecken der deutschen Automobilindustrie und der deutschen Politik, können gute Autos auch woanders gebaut werden und Solarpaneele und Batterien und Halbleiter und so weiter und so fort. Das heißt, der Druck auf die Ökonomie in den etablierten Berufen und Branchen macht nicht da halt, wo er vor 10 oder vor 15 Jahren war. (…) Auf einmal sind die entwickelten Güter des deutschen Maschinenbaus Teil einer austauschbaren Ökonomie.“
Was hat das alles mit den anwesenden Gründerinnen und Gründern, Innovatorinnen und Innovatoren zu tun? Ich überspringe einen großen Teil seiner Ausführungen, am Schluss sagt er:
„Die Frage ist: Hat Deutschland und Europa da noch industriell und ökonomisch einen Anteil oder geht alles weg aus Europa? Und damit liegt der Ball voll in Eurem Feld. Natürlich sind die Solarpaneele aus China im Moment einmalig günstig, aber vielleicht schafft irgendjemand von Euch oder irgendjemand, der zuhört, die nächste Generation der Solarpaneele, die viel kleiner, viel leichter an, die leistungsfähiger sind. Eine Batterie, die nicht nur allein auf Lithium beruht. AI-Systeme die das Stromnetz und das Einspeisen und Ausspeisen noch schneller, noch besserer, noch sicherer machen. Denkt daran, dass wir Sicherheitssysteme in dem ganzen Bereich brauchen, weil natürlich Energie jetzt selbst zu einem Kampfthema geworden ist. Ein Riesenbereich tut sich auf, aber es ist nicht der Bereich von Verbrennungsmotoren oder Gasturbinen. Diesen Wettlauf wird Europa und Deutschland nicht gewinnen. Deswegen, weil das so klar an die Wand geschrieben ist, wohin die Reise geht, haben wir in Deutschland und Europa einen Riesenbedarf an Innovationen, an Startups, an Kongressen wie diesen, wo man sich Mut macht und an dem Mut, nach vorne zu gehen. Danke, dass es Euch gibt.“
Das war eine Ansage an die Anwesenden, die das augenscheinlich auch als solche verstanden und mit Applaus quittierten. Es lohnt sich auf jeden Fall die Rede anzuhören, nicht nur wenn man ein Startup gründen will.
Der Schönheitsfehler
Es gab einen Schönheitsfehler bei dem Panel, dieser begann gleich zu Anfang des zweiten Teiles. Hannah Suppa, die Chefradakteurin der LVZ, sollte nach der Ankündigung durch Beatrice von Braunschweig „Eure Fragen entgegennehmen und in ein moderiertes Gespräch geben“. Das fand leider nicht so statt, die Fragen die Frau Suppa stellte waren ihre eigenen und, vorsichtig gesagt, waren sie etwas tendenziös.

Bereits eingangs sprach sie von einem „Wohlfühltermin“ und fragte sich laut, wie denn das Publikum in Wurzen, Torgau oder Oschatz reagiert hätte. Vielleicht hätten einige von denen die obigen Ausführungen zum ländlichen Raum tatsächlich verstanden. Später ging es immer wieder um den ländlichen Raum und um die Ampel-Zeit. Waren das Fragen der typischen MACHN-Teilnehmerinnen und Teilnehmer, oder einer spekulativen LVZ-Leserschaft?
Mittendrin sagte Habeck, scheinbar bei aller Eloquenz leicht genervt: „Ich weiß nicht, ob der Sinn dieser Veranstaltung ist, nochmal über die Ampel zu reden.“ Aber er sprach zu den aufgeworfenen Fragen und begründete auch damalige Entscheidungen.
Es fiel dann einer dieser Sätze, die man vielleicht im Gedächtnis behalten sollte. Als Hannah Suppa etwas Positives hören wollte, kam:
„Wir werden das Klima retten. Die Frage ist: Ist Deutschland dabei das Klima zu retten? Aber die Welt wird das Klima retten.“
Es gab noch Fragen aus dem Publikum, die kann man im Video nachhören.
Machen wir Schluss, allerdings nicht ohne die letzte Frage, die Habeck gestellt wurde. Erwartbar war, dass er sich zu einer eventuellen Rückkehr auf die politische Bühne äußern musste. Er nahm es mit Humor:
„Die Realität ist ja nicht eine Regierung oder eine Form, wie ich sie mir wünschen würde und wo ich auch wahrscheinlich Lust hätte mitzumachen. Sondern die Regierung, die ist wie sie ist. Und wenn sie mich jetzt fragen: Hast Du Lust mit Friedrich Merz, Jens Spahn und Markus Söder zusammen zu regieren? Sage ich: Mein Leben ist gerade gut, warum soll ich das tun?“

Schade, Robert Habeck gab nach der Keynote keine Interviews, das ist aber irgendwie verständlich und er sah auch etwas erschöpft aus. Vielleicht beim nächsten Mal.
Fazit: Alles in allem eine Keynote, die es in sich hatte. Viele Gedanken und Ideen, die man weiter verfolgen kann, mitunter auch mit einem kritischen Blick. In den nächsten Artikeln geht es dann um einzelne Akteure, Startups und Ideen bei MACHN26.
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