„Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ Den Satz sagt zwar Goethes Faust, als er den Pakt mit Mephisto eingeht. Aber der hätte auch auf Franz Hodjaks neuestem Aphorismen-Band stehen können. Denn wenn einer über 80 ist und sich seinen kritischen Kopf bewahrt hat, dann schaut er auch aufs eigene Irren und Fehlen mit aufmerksamerem Blick. Und auf das menschliche Treiben ringsum ohnehin.
Denn dann steht einem die Endlichkeit dieses Lebens immerfort vor Augen. Der ganze Körper mit seinem Knacken überall erinnert einen daran, dass er nur für eine gewisse Zeit funktioniert. Und dass wir am besten vorher leben sollten, bevor der Tod das ganze Treiben beendet. Manchmal ganz tröstlich.
Denn nicht der Tod ist das, was uns wirklich Angst macht, sondern das Sterben. Andere fürchten sich auch vor dem Älterwerden und rennen Gespenstern von ewiger Jugend hinterher. Und richten dabei jede Menge Schaden an. An sich selbst und an der Welt. Die uns im Grunde nur erträgt.
Denn die Welt, wie sie ist, braucht uns Menschen gar nicht. Sie wäre auch ohne uns da. Genauso wie Zeit und Ewigkeit. Nur dass dann keiner da wäre, der sich die ganze Zeit den Kopf zermartert über Sinn und Zweck und höhere Berufung. Dabei gibt es gar keine. Wir sind hineingeworfen in diese Welt.
Und statt das Beste draus zu machen und Leben und Liebe zu nehmen, wie sie uns geschenkt werden, rennen wir wie die Blöden, füllen die Stunden mit Dingen, die irgendwer erwartet oder uns aufschwatzt. Aber wir halten nicht inne, um den Moment so zu nehmen, wie er ist.
Wo der Hund begraben liegt
Selten begegnet einem dann so ein Lebenskünstler aus Siebenbürgen, der seit 1992 in Deutschland lebt und die Welt aus der Perspektive des Taunus betrachtet und ganz offensichtlich seine Tage dazu nutzt, all das in komprimierter Form zu notieren, was ihm beim Nachdenken über Leben und Ewigkeit so durch den Kopf geht. Auch als Selbstermahnung. Wir lassen uns ja so leicht anstecken von den dämlichen Einflüsterungen von Zeitgenossen, die uns einreden wollen, wir würden bis jetzt nicht genug rotieren.
„Das beste Mittel, das Leben zu ertragen, ist, es gut zu finden.“ So schreibt das Hodjak hin. Wahrscheinlich auch immer wieder als Selbstermunterung. Es gibt ja solche Tage, an denen einem gar nichts Spaß macht und man nur den ganzen Groll auf die Welt irgendwie loswerden möchte. Obwohl es nur unser eigenes Unbehagen ist. „Genau genommen, liegt der Hund jeden Tag woanders begraben“, notiert Hodjak.
Und man merkt: Hier schreibt einer, der auch sein eigenes Irren und Verfehlen nicht ignoriert. Der um Holz-, Um- und Abwege weiß. Und die Sackgassen des Lebens, in denen man landet, wenn man immer nur stur geradeausläuft. Und dann stehen wir da und wüten. Manchmal mit verheerenden Folgen: „Die Wut ist immer einen Schritt kurz davor, einen Schritt zu weit zu gehen.“
Da nimmt sich einer selber ernst. Und kennt seine eigenen Schwächen, die einem im Alter erst recht in den Kopf kommen. Denn dann sind wir nicht mehr jung und übermütig. Denken aber immer öfter daran, wo wir im Leben Bockmist gebaut haben. Mancher will sich ja am liebsten nicht erinnern. Und lernt so auch nichts aus seinem Leben und seinen Fehlern. Denn Fehler zu machen gehört zum Leben. Davor ist niemand gefeit. Aber immer wieder dieselben Fehler machen, das ist die Strategie der Dummen und Erinnerungslosen.
Glatteis im Kopf
Aber Hodjak lebt nun einmal auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts, in dem man den dreisten Dummheiten der mächtigeren Mitmenschen nicht ausweichen kann. Sie drängen sich überall auf.
Und so sieht man den Dichter auch manchmal verzweifeln an den Borniertheiten der Gegenwart: „Bei Glatteis im Kopf passieren die meisten Unfälle.“ Manche seiner Aphorismen lesen sich wie längst vertraute Wahrheiten. Man nickt und sieht bestätigt, was man sich immer schon dachte. Manche aber sind frech und frisch und kehren das Vertraute einfach mal um. Und dann schaut man perplex in den Spiegel: „Um zu wissen, wie ein Trottel denkt, muss man selbst einer sein.“
Das ist das Herzerwärmende an Hodjaks Aphorismen: Dass er nie vergisst, dass einer auch als gestrenger Betrachter der Außenwelt nicht gefeit ist davor, selbst Blödsinn zu denken und anzustellen. Sich jeden Tag aufs Neue zu irren. Also gibt es auch den abgewandelten Faust-Spruch: „Es irrt der Mensch, so lange er lebt und weit darüber hinaus, indem er seine Irrtümer weiter vererbt.“
Manchmal ist das Leben nichts anderes als die Summe all unserer Irrtümer. Und manchmal können wir froh sein, dass uns das große Glück verfehlt hat und wir mit lauter kleinen Unglücken unseren Frieden schließen müssen. Oder mit Hodjak gesagt: „Das Unglück ist ein verunglücktes Glück.“
Da fängt man an, über all die netten Sprüche mit Glück drin nachzudenken. Und unsere Wünsche fürs Glücklichsein. Als wenn man sich das wünschen könnte und nicht lieber froh sein sollte, dass unsere Wünsche sich nicht erfüllen. „Das Glück ist überheblich. Nur das Unglück lässt mit sich reden“, schreibt mit Hodjak einer, der es wissen muss. Misstraut den Glücksmomenten! „Es läuft wie geschmiert. Das macht es verdächtig.“
Das elfte Gebot
Denn wenn man alt ist, weiß man, dass es nach dem Glück immer weitergeht. Meistens sehr rumpelig und anders als gedacht. Das Leben holt einen auf den Boden der Tatsachen zurück. Ganz zu schweigen von den seltsamen Erwartungen einer buntplakatierten Werbewelt, die uns lauter faule Versprechen macht. „Das elfte Gebot ist das Sonderangebot.“
Es klingt, als hätte Hodjak da nur die schönen Anklänge der deutschen Sprache ertappt, die manchmal zeigen, wie doppeldeutig Wörter sein können. Aber es steckt meist auch eine sehr nüchterne Sicht auf die mit falschen Versprechen aufgepeppte Gegenwart darin.
„Nie ist wirklich Frieden, immer ist nur nach dem Krieg.“ Und woran liegt es? Unter anderem daran, dass wir ein Gedächtnis wie ein Sieb haben oder auch gar nicht wissen wollen, wie es vorher zum großen Kladderadatsch kam. Hodjkak: „Jede Vergangenheit hat mehrere Vergangenheiten, und wir tun so, als hätten wir mit keiner etwas zu tun.“
Da weiß einer, wie leicht er selber fehlbar ist. Und legt es uns ans Herz, es auch sehen zu wollen. Und dabei nicht zu verzweifeln, sondern froh zu sein, wenn uns der Zufall mit der Nase draufstößt, dass wir nicht immer nur im alten Trott verharren müssen. Sondern auch was lernen dürfen im Leben. Mit Beulen und Blessuren. Bis zum nächsten Mal, wenn uns die Wirklichkeit mit Überraschung daran erinnert, dass wir endlich sind. In jeder Beziehung.
Franz Hodjak „Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen“, Sisifo/Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, 19,95 Euro.
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