In Afrika sind die Buchstaben versteckt: Neue Aphorismen von einem Leipziger Philosophen

Was macht man eigentlich mit all diesen Einfällen den ganzen Tag? Dem, was einem so in den Kopf kommt beim Spazierengehen am See, beim Pausenmachen im Café, beim Plaudern mit den Kindern vorm Schlafengehen? - Klar. Die meisten Leute haben das Problem nicht. Sie haben gar keine Zeit für solche müßigen Gedanken. Sascha Heße hat sie und nutzt sie.
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Und der 35-jährige Philosoph legt hier nun sein viertes Büchlein mit diesen kurzweiligen Einfällen oder auch mal längeren Erörterungen vor. So wie es halt kommt. Da ist er ein später Verwandter von Georg Christoph Lichtenberg, der seine Einfälle in „Sudelbüchern“ festhielt. Einige davon reineweg schräg, andere ernst und tiefsinnig, manche aber auch genial und mit Witz auf den Punkt gebracht.

Das Witzige täuscht bei Lichtenberg oft darüber hinweg, dass er Vieles bitterernst gemeint hat. Denn natürlich geht es ums Leben. Um Leben und Tod. Auch bei Heße. Aber wer denkt schon gern darüber nach? Warum versuchen denn so viele Menschen, sich komplett zu verkabeln, die Zeit mit allen Mitteln totzuschlagen? Sich in Dauerunterhaltung zu ersäufen? Ist das nicht die größte Flucht der Gegenwart? „Wir hetzen uns ab, um uns endlich langweilen zu können“, schreibt Heße. Wenn dieses „um“ denn auch stimmt. Und nicht so ein kleiner trügerischer Stolperstein ist, der aufmerksam macht: Hoppla, da stimmt was nicht.

Denn natürlich ist der Umgang mit unserer Zeit ein Zeichen dafür, wie wichtig wir uns selbst nehmen. „Jede freie Minute nutzen zu wollen – wofür auch immer – setzt das größte Missverständnis der Zeit und des Lebens voraus“, schreibt der Leipziger Philosoph in sein Heft. Nicht alles ist so schön kurz. Beim Nachdenken über „Bruder Tod“ verheddert er sich ein bisschen. Ist ja auch kein leichtes Thema. Er beginnt zu argumentieren. Das liest sich nicht wirklich aufregend. Liegt aber am Stoff, der eigentlich ein Tabu ist.
Den Tod verdrängen wir gern. Drängen ihn beiseite. Er passt nicht in unsere heutige, sehr oberflächliche Sicht auf das „Ich“. Der essayistische Ausflug zu „Bruder Tod“ ist aber auch – wie so Manches bei Heße – eine Auseinandersetzung mit viel gesagten Gedankenlosigkeiten. Man geht gern drüberweg über das heikle Thema, das besonders heikel wird, wenn wir anfangen darüber nachzudenken, wo das „Ich“ nun eigentlich herkam – und wo es hingeht, wenn wir nicht mehr sind. Was ja auch die noch viel bedrohlichere Frage einschließt: Ja, wer bin „ich“ denn eigentlich?

Mancher ist ja gar nicht. Denn um sein zu können, muss man auch mal stille sein und stehen. Heße: „Wir glauben immer, etwas werden zu müssen, und vergessen darüber, was wir sind.“

Wahrscheinlich gibt es tatsächlich längst zu wenige Leute, die sich so wie Heße aufs Sein und Denken einlassen. Die sich lieber von einem Termin zum nächsten hetzen lassen, aus einer Gedankenlosigkeit zur nächsten. Nur ja nicht zur Besinnung kommen. Das Ergebnis ist ein fatales. „Die zweite Hand wird erst dann problematisch, wenn wir aus ihr nicht mehr nur etwas haben, sondern sind.“

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Das ist das Schöne an solchen manchmal einfach wie Wortspiele wirkenden Sprüchen: Sie machen auch wieder aufmerksam darauf, dass unsere Sprache voller Sinn steckt und Manches, was wir gedankenlos nicht zusammendenken, doch zusammengehört. Die Sprache bildet unsere ganze Widersprüchlichkeit ab. Wenn wir lernen, nicht immer nur Sprüche zu klopfen. Oder uns in die gerade modischen Raster fügen. „Was er tun muss, um sich wieder zu fangen? Die Geschwindigkeit drosseln, mit der er vor sich selber flieht.“

Vieles in diesem Büchlein ist eine humorvolle Erinnerung daran, dass die meisten Dinge, die unsereiner beklagt, Dinge sind, die wir ändern können. Bewusst oder suchend. Und innehaltend. Jetzt. Denn Leben, das ist unübersehbar, das ist immer jetzt. Im Augenblick. Heße: „Das Leben hat dir nichts versprochen, was es jetzt nicht hält – vielmehr hast du dir etwas vom Leben versprochen, das du jetzt nicht hältst.“

Ob dieser Bursche, der da so launig philosophierend um die Leipziger Seen spaziert, es nun bei den vier Bändchen belässt, darf wohl bezweifelt werden. Manches, was er sagt, ist schon oft gesagt – und klingt doch immer wieder wie neu. Manches klingt, als hätte es auch schon ein bärtiger Grieche vor 2.000 Jahren am Ufer des Mittelmeeres gesagt. Vielleicht ist es das, was an der Philosophie so wichtig ist: dass man sich der wichtigen Dinge immer wieder neu versichert. So lernt man sogar sich selbst wieder ein bisschen besser kennen.

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In Afrika sind die
Buchstaben versteckt

Sascha Heße, Leipziger Literaturverlag 2011, 12,95 Euro

Und auch wieder ein bisschen aufmerksamer in die tägliche Flut der Narreteien zu schauen. Was sagen wir da zum aktuellen Narr der Titelseiten? „Ein Mensch von untadeliger Gesinnungslosigkeit.“ Kürzer geht’s nicht.

Sascha Heße „In Afrika sind die Buchstaben versteckt. Aphorismen & Notate“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011, 12,95 Euro.


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