Am 24. Februar 2026 jährt er sich zum vierten Mal, der kriegerische Angriff Russlands gegen die Ukraine. Seit diesem Tag wird der Angriffskrieg von Putin-Russland mit aller Unerbittlichkeit geführt. Für viele Ukrainer/-innen begann dieser Angriffskrieg aber schon vor 12 Jahren mit der Annexion der Krim durch Russland. Inzwischen ist ziemlich klar, dass dieser Krieg den Zielen einer nationalistisch-imperialistischen Politik Russlands dient.
Das Buch von Andrey Gorkov „Für Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat“ (Köln 2025) hat mir in mancherlei Hinsicht die Augen geöffnet. In diesem Krieg geht es am allerwenigsten um die NATO. Treibender Motor ist die Putinsche Vorstellung eines Groß-Russlands, das seinen Herrschaftsbereich zumindest auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ausweiten und das sich schützen will vor dem Einfluss eines freiheitlich-demokratischen Europas.
Darum wird der Kriegsverbrecher Putin ideologisch kräftig unterstützt von der Russisch-Orthodoxen Kirche Russlands, insbesondere vom Moskauer Patriarchen Kyrill. Für ihn ist Russland „Das Dritte Rom“ und der Westen der „Inbegriff des kollektiven Antichristen“, gegen den nun ein „Heiliger Krieg“ geführt wird, „der die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und vor dem Sieg des dem Satanismus verfallenen Westen schützt“ – so eine offizielle Resolution des 25. Weltkonzils des russischen Volkes.
Dies ist eine skandalöse Verballhornung des christlichen Glaubens, die nur zu vergleichen ist mit der Nazi-Truppe „Deutsche Christen“ während des Dritten Reiches. Wo aber bleibt die klare Trennlinie des Vatikans, des Ökumenischen Rates der Kirchen und der Evangelischen Kirche gegen diese Kriegstheologie?
Inzwischen hat das diktatorische Putin-Russland in einem ebenso diktatorisch regierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, einen Verbündeten gefunden. Beide verfolgen das strategische Ziel, die Europäische Union zu zersetzen. Dass sie dabei von zwei Mitgliedsländern der EU (Ungarn und der Slowakei) unterstützt werden, ist ein Beleg für die langfristig angelegte Zerstörungsstrategie von Putin-Russland und Trump-Amerika.
Nach seinem Amtsantritt vor über einem Jahr hat Trump sogenannte Friedensverhandlungen über die (nicht mit der) Ukraine initiiert und an sich gezogen. Sein Ziel ist, sich mit Putin über ein Ende des Krieges zu verständigen. Dabei hat Trump versucht, die europäischen Länder von Verhandlungen fernzuhalten. Die Folge: Der Angriffskrieg wird seitens Russlands mit sich steigernder Heftigkeit geführt – insbesondere durch die systematische Zerstörung der Energieversorgung und Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung. Womit allerdings weder Putin noch Trump gerechnet haben:
Der ungebrochene Widerstand der Bevölkerung der Ukraine gegen den Versuch Russlands, die Ukraine als souveränes Land auszulöschen und gewaltsam in ein Groß-Russland zu integrieren.
Die Bereitschaft der EU und Großbritanniens, die Ukraine militärisch, politisch und finanziell zu unterstützen und die eingestellten Lieferungen von Waffen aus den USA auszugleichen.
Derzeit ist aber noch nicht klar, ob die EU und insbesondere Deutschland sich der Tatsache bewusst sind, dass der Zangengriff von zwei imperialistischen Systemen, in den Europa geraten ist, die eigentliche Herausforderung für Europa darstellt. Hinzu kommt, dass die NATO als Machtfaktor zunehmend ausscheidet, da Trump-Amerika gemeinsame Sache mit Putin-Russland macht.
Vor diesem Hintergrund greift es viel zu kurz, die militärische Unterstützung der Ukraine dazu zu nutzen, ein gigantisches Aufrüstungsprogramm zu initiieren, das weit über die Notwendigkeiten hinausgeht, sich jeder Kontrolle und Nachvollziehbarkeit entzieht und mit sparsamer Haushaltsführung nichts zu tun hat. Ebenso fatal ist es, propagandistisch eine Kriegsstimmung (hierfür steht das völlig abwegige Wort „kriegstüchtig“) in der Bevölkerung zu erzeugen.
Beides nämlich erweist sich als kontraproduktiv für die eigentliche Verteidigungsleistung, die Europa und Deutschland zu bewältigen hat: die Verteidigung und den Ausbau der freiheitlichen, rechtsstaatlichen, sozial ausgerichteten Demokratie. Um es auf den Alltag herunterzubrechen: Die dramatischen finanziellen Engpässe, in die derzeit Kommunen geraten sind, haben ihre Ursache auch darin, dass seit einigen Jahren Milliarden Euro in die Aufrüstung fließen (und niemand weiß, wo die Waffen eines Tages landen und wofür sie eingesetzt werden).
Wenn aber nun marode Räumlichkeiten und versiffte Toiletten in Schulen zum sichtbaren Zeichen dafür werden, wie derzeit Politik gewichtet, dann darf sich niemand darüber wundern, dass sich Bürger/-innen von der Demokratie ab- und rechtsnationalistischen Parteien zuwenden, die diese Diskrepanz schamlos ausnutzen.
Wer also die Ukraine unterstützen und den militanten Autokratismus bekämpfen will, der muss sich vor allem für Lebens- und Bildungsbedingungen einsetzen, die Vertrauen in ein soziales, demokratisches Miteinander in der Ortschaft herstellen. Die Bereitschaft, die Ukraine in ihrem Kampf um ihre Souveränität und Freiheit zu unterstützen, wird eben nicht durch eine Strategie der Kriegsertüchtigung erzielt, sondern nur durch eine den Menschen zugewandte, überzeugende Politik vor Ort.
Dass zum Einsatz für die Ukraine auch die Modernisierung und der Ausbau der Bundeswehr gehören, will ich gerne konstatieren. Auch ist für mich die (Wieder-)Einführung der Wehrpflicht kein Knackpunkt – zumal ich strikt gegen ihre Aussetzung war. Denn eine Berufs- bzw. Freiwilligenarmee ist immer der Gefahr ausgesetzt, zum Sammelbecken rechtsextrem gesinnter Menschen zu werden. Außerdem sollte sich jeder 18-Jährige Mensch mit der Frage auseinandersetzen, ob er den Wehrdienst leistet oder sich für die Kriegsdienstverweigerung entscheidet.
Doch die derzeit fast diskussionslose Ausgabe von Irrsinns-Beträgen für Rüstungsgüter ist eine gefährliche Sackgasse. Sie ist für mich der Beweis dafür, was passiert, wenn Politik nicht vom Prinzip der grundsätzlichen Gewaltlosigkeit ausgeht, sondern militärische Gewalt als naturgesetzlich gegeben ansieht. Die gesellschaftspolitischen Auswirkungen sind gefährlich.
Der traurig-dramatische 24. Februar sollte Anlass sein, dass wir in Europa und insbesondere in Deutschland die Überschriften ändern und alles dafür tun, dass rechtsnationalistische Autokraten in den Ländern der EU keine Chance haben, die Ukraine in ihrer Souveränität erhalten bleibt und Europa sich aus dem Zangengriff zwischen Putin-Russland und Trump-Amerika befreit.
Auf dieser Grundlage müssten die Länder Europas eigenständig eine Friedensstrategie entwickeln, die den Angriffskrieg eher heute als morgen beendet – wohlwissend, dass dies eine Herkulesaufgabe ist.
Christian Wolff, geboren am 14. November 1949 in Düsseldorf, war 1992–2014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langjähriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater für Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors: https://wolff-christian.de/Â
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