Das Rückgrat der Wirtschaft ist die Energiebereitstellung, mit möglichst kostengünstiger und ausreichender Zurverfügungstellung von Energie. Energie – das wäre Strom aus erneuerbaren Energien oder fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas oder Kohle und Atomenergie. Dabei sind wir in Deutschland hochgradig abhängig bei Energieimporten von fossiler Energie, deren Verarbeitung aber hohe Kohlendioxidbelastung bedeutet.
Dieser CO₂-Ausstoß soll möglichst kurzfristig reduziert werden. Deshalb wird auf eine befristete Zeit bis 2038 noch Braunkohle als Energielieferant in Tagebauen abgebaut.
Als einheimischer und kostengünstiger Energielieferant werden seit Anfang der 2000er Jahre die erneuerbaren Energien wie Windkraft-, Solar- und Biomasseanlagen ausgebaut. Damit wird die Abhängigkeit von Importen aus Diktaturen oder von undemokratischen Staaten gemindert. Aber das zentralisierte Energieverteilsystem von Großkraftwerken hin zu vielen kleinteiligeren Energieerzeugern und Abnehmern muss grundlegend umgebaut werden.
Bleibt noch die Atomenergie. Warum kommt aber jetzt gerade wieder die Diskussion auf zur erneuten Nutzung von Atomenergie in Deutschland?
Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 wurde in Deutschland durch die damalige konservative Regierung unter Kanzlerin Merkel der Ausstieg aus der Atomenergieerzeugung beschlossen. Die noch betriebenen Atomkraftwerke wurden dann 2023 endgültig stillgelegt, denn sie hatten ihre Endlaufzeit erreicht und hätten grundlegend umgebaut werden müssen, entsprechend den neuesten technischen Richtlinien und wegen sicherheitsrelevanter Erfordernisse.
Der Ukraine-Krieg zeigte, wie verwundbar gerade Atomkraftwerke (AKW) sind. AKWs zu betreiben bedeutet, auch die Endlagerung von tausende Jahre lang strahlendem Atommüll zu gewährleisten. Dabei sind Atommüll nicht nur die Kernbrennstäbe, sondern auch die tausenden Tonnen an Beton und Einbaumaterialien für die Atomreaktoren. Die Suche nach einem Endlager für den Atommüll in Deutschland wird sich noch mindestens über 30 bis 40 Jahre hinziehen, falls überhaupt ein „gesichertes“ Endlager gefunden wird.
Ein technologisches Heilsversprechen
Warum kommt diese Debatte gerade durch bestimmte Kreise und Personen aus der CDU/CSU?
Anscheinend brauchen die konservativen Kräfte ein technologisches Heilversprechen und wollen die AfD damit vor sich hertreiben. Immerhin sind im Herbst noch in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen. Die konservativen Parteien haben sich bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2025 in eine Anti-Grüne und Anti-Linke Diskussion verrannt und müssen jetzt neue und andere Argumente für die zukünftige Energiesicherheit liefern.
Diese konservativen Ideologen und Medien gehen wohl auch davon aus, dass die Risiken der Atomkraftnutzung von vielen Menschen inzwischen vergessen oder den jüngeren Menschen nicht bekannt sind. Die großen Demonstrationen gegen Atomkraft liegen schon mehr als 15 bis 20 Jahre zurück. Und es geht wohl auch um das Einwerben von Forschungsgeldern und Fördermitteln für neue kleinere AKWs (Mini-AKW) oder für den zukunftsträchtigen Fusionsreaktor.
Die entsprechenden Forschungseinrichtungen und Start-ups dafür haben zum großen Teil in Bayern ihre Niederlassung oder ihren Firmensitz. Von Fachleuten wird zudem die Nutzbarkeit von Fusionsreaktoren erst in 40 bis 50 Jahren erwartet, da noch zu viele technische Probleme zu lösen sind.
Für den Betrieb ist es irrelevant, ob Atomkraft als Mini-Atomkraftwerk oder als konventionelles AKW genutzt wird. Diese AKWs müssen finanziert und es müssen Standorte gefunden werden. Diese AKWs müssen über staatliche Fördermittel gebaut, über Subventionen betrieben und versichert werden. Die AKWs benötigen zum Betrieb Brennstäbe, die importiert werden müssen, und sie benötigen viel Kühlwasser, was nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht. Schon gar nicht in den zunehmend trockenen Sommern.
Auch Mini-AKWs müssen zum Bau und Betrieb subventioniert werden, benötigen Brennstäbe und jederzeit Kühlwasser. Und sie müssen möglichst sicher gegen jegliche Kriegseinwirkungen, Hackerangriffe oder Computerausfälle gebaut werden. Durch diese Kleinteiligkeit steigen die Kosten für den Bau und Betrieb von Mini-AKWs noch stärker als bei konventionellen AKWs. Und konventionelle AKWs waren schon ein Kompromiss zwischen Leistung zur Stromerzeugung und Aufwand bzw. Kosten zum Bau und Betrieb. Denn es ging schon immer um eine Optimierung der Aufwendungen, der Leistungsfähigkeit und der Sicherheit.
Denn wenn diese Großkraftwerke ausfallen, fallen zentrale Energielieferanten für große Gebiete und Wirtschaftsbereiche aus. Wie anfällig AKWs für Angriffe jeder Art und Bedienungsfehler sind, zeigten die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren und die Beschädigungen des AKW Saporischschja im Ukraine-Krieg.
Bei Mini-Atomkraftwerken (Small Modular Reactors-SMR) gibt es derzeit weltweit nur Versuchs- bzw. Testreaktoren oder Visionen.
Die Zahlen aus dem aktuellen Weltstatusbericht zur Nuclear Industry stützen das Versprechen der Mini-AKWs bislang nicht. In der gesamten westlichen Welt ist derzeit kein einziger SMR im Bau. Nur in China und Russland laufen je zwei SMR-Module. Selbst dort sei unklar, wie gut sie funktionieren, sagt Mycle Schneider, unabhängiger Berater und Hauptautor des Weltstatusberichts zur Nuclear Industry. Viele Projekte seien bislang vor allem „Powerpoint-Reaktoren“, also Vorhaben auf dem Papier.
Atomstrom ist nicht wettbewerbsfähig
Laut Christian Kühn, Präsident des BASE, ist die Wettbewerbsfähigkeit der Mini-AKWs bei der Stromproduktion weltweit bisher nicht gegeben. Dazu kämen große finanzielle und sicherheitliche Fragezeichen. Denn auch kleine Reaktoren bergen Risiken. Derzeit sprächen „wirtschaftliche Erwägungen eher gegen eine weite Verbreitung von SMRs“, so die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit.
Selbst in den USA ist nur ein SMR im Bau, der seit gut einem Jahr errichtet wird und dessen geplante Inbetriebnahme von 2028 auf 2030 verschoben werden musste.
Auch bei den europäischen Atomkraftwerken zieht sich gerade das Symptom der ständigen Bauzeitverlängerung und Kostenexplosion seit vielen Jahren durch – seien es die beiden Neubau-AKWs in Großbritannien oder in Finnland – mit Bauzeiten von 10 bis 15 Jahren und einer Verdopplung der Baukosten um Milliarden Euro.
Die Stromkosten aus AKWs können nur durch die massive Subventionierung der Baukosten für AKWs auf einigermaßen erträglichem Preisniveau gehalten werden. Im DIW-Wochenbericht wird vermerkt: „Entgegen ursprünglicher Erwartungen ist der Bau von Kernkraftwerken über die Jahrzehnte nicht günstiger geworden, vielmehr stiegen die Kosten (pro Kilowatt (kW) Leistung) kontinuierlich an.“
Es bestehen viele Fragen zum Thema: Wo und wie sollen die radioaktiven Rückstände der AKWs für tausende Jahre sicher entsorgt werden? Wir haben in Deutschland heute nach 20 Jahren noch kein Konzept für ein Atommüll-Endlager und es soll noch einmal so lange dauern, bis ein schlüssiges Konzept Bestand hat. Mal ganz abgesehen von den Bauzeiten und Kosten für ein Atommüll-Endlager für und in Deutschland.
Woher soll das Uran für die AKWs kommen – aus Russland oder Kasachstan oder Niger? Wollen wir in Deutschland wieder derartige unsichere und fragwürdige Abhängigkeiten?
Nicht versicherbare Risiken
Aus der aktuellen Entwicklung ergeben sich weitere Fragen: Wenn die Atomkraft für einige Politiker so interessant ist, warum will keiner der großen internationalen Versicherungsunternehmen die Risiken für den Bau von SMR oder gar großen AKWs übernehmen? Warum müsste die EU die Entwicklung dieser Reaktoren mit 200 Millionen Euro absichern? Wo sind denn die Investoren, die so fest an die Zukunft dieser angeblich so fortschrittlichen Energieform glauben, dass sie ernsthaft Kapital riskieren?
Auch die Rekonstruktion oder Erneuerung von bestehenden AKW ist keine Alternative, da diese AKW auf den neuesten technisch-technologischen und sicherheitstechnischen Stand gebracht werden müssten, was unheimlich kompliziert wäre, manchmal gar nicht mehr möglich wäre und zudem mindestens genauso teuer wäre wie ein Neubau.
AKW sind Megaprojekte, höchst komplexe, einzigartige Anlagen mit riesigem Koordinierungsbedarf zwischen allen Beteiligten. Die technischen und Sicherheitsanforderungen werden immer umfassender, denn die Sicherheitsrisiken durch Erdbeben, Trockenzeiten wegen der Kühlung oder Überschwemmungen sind zu berücksichtigen und die Bedrohung von außen nimmt ständig zu. Zum einen die Bedrohung durch Computerfremdeingriffe oder zum anderen die Verletzbarkeit durch Drohneneinsätze, gezielte Anschläge oder Bombardierungen.
Die technischen Anforderungen und Standards an das eingesetzte Material, den hochwertigen Stahl und den Mengen an qualitätsgerechten Beton und an die Verarbeitung werden immer höher. Damit steigen auch die CO₂-Belastung und die Kosten. Das führt immer wieder zu Umplanungen, zu terminlichen Verzögerungen und unerwarteten Kostensteigerungen, zu Bauzeiten von 15 bis 20 Jahren und länger und zur Kostenexplosion. Das heißt, wenn man jetzt beginnt zu planen, würde ein großes AKW erst ca. nach 2050 zur Verfügung stehen und ein SMR auch erst 2045–2050.
In diesen 20 bis 25 Jahren bis 2045/2050 haben wir dann schon lange die erneuerbaren Energien, die erforderlichen Stromverteilnetze und die Speicheranlagen ausgebaut und das zu weitaus geringeren Kosten – siehe aktuelle Studie zur Wertschöpfung von EE bis 2033 des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult (IW Consult), deren Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt und im April 2026 veröffentlicht wurde.
Bleibt also noch die Frage, warum jetzt diese abgehobene, abstruse Diskussion zur Atomkraftnutzung erfolgt und ob sich ein Gedanke daran überhaupt noch lohnt?
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