Gäbe es unterwegs keine Geschichten zu entdecken, wären auch Wanderrouten ziemlich langweilig. Selbst wenn die Weinhänge locken und man unterwegs in nette Gastwirtschaften einkehren kann. Wirklich spannend werden auch Weinstraßen erst, wenn man unterwegs aus einer Geschichte in die andere gerät. Und die Sächsische Weinstraße hat etwas zu bieten. Auch wenn sie durchs kleinste Weinanbaugebiet Deutschlands führt – aber immerhin 90 Kilometer an der Elbe – von Pirna bis Dießbar-Seußlitz. Und schon in Pirna geht es los mit „Geschichte und Geschichten bei fast jedem Schritt zu entdecken“.

Das erinnert dann schon fast an den Sächsischen Weinwanderweg, der 2004 eingeweiht wurde.

Die Sächsische Weinstraße gibt es schon seit 1992. Und auch Heike Hentschel kann dabei nur auswählen, welche Geschichten von unterwegs sie erzählt. Denn hier ballt sich nun einmal sächsische Geschichte. Letztlich sogar Geschichte Sachsens (bzw. der Markgrafschaft Meißen) von Anfang an, bis ins Jahr 929, dem Ursprungsjahr der Meißner Burg, die Heike Hentschel natürlich auch im Kapitel „Die Wiege Sachsens“ berührt.

Aber später erst. Denn in Pirna geht es los mit der berühmten Stadtansicht von Pirna, die Canaletto 1768 gemalt hat. Und die die Pirnaer bis heute dazu animiert, immer wieder genau das auf ihrem Marktplatz nachzustellen, was Canaletto gemalt hat.

In Pirna begegnet man freilich auch jenem berühmten Johann Tetzel, der in Luthers Zeit als Ablassprediger berühmt wurde und damit den Wittenberger Theologieprofessor derart verärgerte, dass er seine berühmten Thesen wider den Ablasshandel 1517 an die Kirchentür nagelte.

Mit bekannten Folgen. Aber Tetzels Geburtshaus gibt es tatsächlich noch. Und wer sich so eingestimmt hat, der ist eigentlich nur noch gespannt, welche höchst sächsischen Geschichten ihm auf der Sächsischen Weinstraße noch begegnen werden.

Nächste Station also: Pillnitz, wo man der unglücklichen Gräfin Cosel begegnet, aber auch dem Komponisten Carl Maria von Weber, der hier – in sächsischer Idylle – seinen berühmten „Freischütz“ komponierte. Nicht weit davon ist das Plätzchen zu finden, wo auch Richard Wagner in der ländlichen Stille die Ruhe fand, um seinen „Lohengrin“ zu komponieren.

Schillers Freude

Aber wie das mit Geschichten so ist: Sie fließen nicht einfach in eine Richtung. Sie springen hin und her. Haben Querverbindungen, die einen auf einmal wieder flussaufwärts führen – in diesem Fall zur Festung Königstein. Nicht weil die zur Weinstraße gehört, sondern weil dort das Riesenweinfass von August dem Starken zu sehen ist. Wenn auch nur als Replik.

Erwähnt werden muss das schon. Bevor es wieder auf die Weinstraße zurückgeht nach Dresden-Loschwitz, wo man niemand anderem begegnet als einem gewissen Friedrich Schiller, der hier als Gast von Christian Gotfried Körner (zu dessen Hochzeit er ja gerade das „Lied an die Freude“ geschrieben hatte) an seinem „Don Carlos“ weiterarbeitet und sich besser aufgehoben fühlte als in dem winzigen Bauernhaus in Gohlis, wo er zuvor Zuflucht gefunden hatte.

Dass Schiller hier in Dresden-Loschwitz auch noch eine unglückliche Liebe erlebte (er war mal wieder nicht standesgemäß), macht das Schicksalhafte dieser Reise an der Elbe deutlich. In einem Weinanbaugebiet, das zwar mindestens 850 Jahre Geschichte aufweisen kann, aber Ende des 19. Jahrhunderts auch durch die Reblaus in eine tiefe existenzielle Krise geriet.

Auch das wird erzählt, während mitten in den grünen Weinhängen Persönlichkeiten wie Karl August Lingner (Stichwort: Hygienemuseum), Karl May (der in Radebeul die Villa Bärenfett zum Lebens- und Arbeitsmittelpunkt machte) oder Henning August von Bredow auftauchen, der im frühen 19. Jahrhundert den sächsischen Champagner aus der Taufe hob.

Autobauer und Nonnen

Der trinkfreudige Kurfürst Johann Georg von Sachsen darf in Hoflößnitz nicht fehlen. Und schon gar nicht die Wackerbarths, deren berühmtes Schloss heute geradezu ein Wahrzeichen des sächsischen Weinanbaus ist. Hier erzählt Heike Hentschel auch die Geschichte vom Raugrafen August Josef Ludwig von Wackerbarth, der es tatsächlich fertigbrachte, Gut Wackerbarth zweimal zu kaufen und wieder zu verlieren.

In Coswig begegnet man einem der ersten sächsischen Autobauer, namens Emil Nacke, und in Meißen natürlich nicht nur dem alten Markgrafen auf dem Burgberg, sondern auch Sachsens berühmtester Frauenrechtlerin Louise Otto Peters.

Und in Diesbar-Seußlitz endlich lädt ein ehemaliges Nonnenkloster zum Besuch ein und der Geschichte eines harten Felsbrockens, der jahrhundertelang Diesbar von Seußlitz trennte. Bis der hemmende Klotz einfach abgetragen und verwertet wurde.

Eine Geschichte also vom Zueinanderfinden ganz zum Schluss, wenn die Autorin die kleine Reise auf der Sächsischen Weinstraße in den Seußlitzer Weinstuben beendet.

Und trotzdem die Gewissheit bleibt, dass hier noch mehr Geschichten zu finden sind. Dass dieses Büchlein aber ein richtiger Appetitmacher ist, einfach mal selbst loszuziehen, um so ein schönes Stück Sachsen kennenzulernen, in dem sich auch gleich noch zentrale Punkte der sächsischen Geschichte dicht aneinanderreihen.

Vielleicht sogar wegen des Weins, der hier schon zu Bennos Zeiten angebaut wurde. Und zumindest in einigen Orten am Wegesrand auch im Wappen zu finden ist. Erinnerung daran, dass es in Sachsen eigentlich immer um das Genießen ging. Um die Freude am Leben. Und die Zuversicht, dass nach harten Arbeitstagen ein Gläschen Wein das Gemüt wieder zum Lächeln bringen kann.

Heike Hentschel Wahre Geschichten entlang der Sächsischen Weinstraße Tauchaer Verlag 2026, 12 Euro.

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