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Streifzüge durch das Osterzgebirge: Was man in einer 800 Jahre alten Montanregion tatsächlich alles entdecken kann

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    Der Titel klingt brav: „Streifzüge durch das Osterzgebirge“. Aber was der Sax-Verlag hier großformatig und reich bebildert vorlegt, ist kein idyllischer Wanderführer durch das Osterzgebirge, sondern eine kompetente Einladung in den Ostteil jener Region, die 2019 den UNESCO-Weltkulturerbe-Titel bekommen hat, auch wenn es erst einmal nur nach jeder Menge Bergbau-Relikten klingt, dieses „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“.

    Geplant hatte der Verlag das Buch über das Osterzgebirge schon länger. Denn so viele Verlage gibt es in Sachsen nicht, die sich ernsthaft mit den sächsischen Regionen beschäftigen und daraus professionelle Bücher machen, die Laien genauso viel geben wie Leuten, die sich in Geologie, Landesgeschichte oder auch Wirtschaftsgeschichte schon gut auskennen. Was nutzt aber der ganze Stolz der Sachsen auf ihr Land, wenn keiner darüber schreibt und zeigt, was daran wirklich so faszinierend ist?

    Irgendwann wundert man sich natürlich nicht mehr, dass die üblichen Sachsen-Reiseführer alle immer wieder dasselbe erzählen. Einer übernimmt vom anderen die üblichen zehn oder 20 „Must see“, macht ein paar neue Fotos und glaubt, der Welt wieder ein Geschenk gemacht zu haben. Nicht einmal ahnend, dass es wieder nur das eine abgelatschte, immer gleiche Prozent des Sehenswerten ist, das da neu geschmirgelt wurde und den Ruf verfestigt, dass Sachsen eben jenes heimelige König-August-Weihnachtsland ist, das in die Märchenliga von Schloss Schwanstein und Rothenburg ob der Tauber gehört, aber nicht ins Hier und Jetzt.

    Gerd-Rainer Riedel (Autor) und Horst Feiler (Fotograf) sind zwar wirklich durch die Region gestreift, die sie hier vorstellen. Aber ihnen geht es nicht so sehr darum, auf Stülpners Spuren zu wandern oder denen Wallensteins oder Casanovas, obwohl alle drei Erwähnung finden. Sie stellen tatsächlich in einer verblüffenden Ordnung all das vor, was dieses Osterzgebirge (mitsamt dem tschechischen Teil des UNESCO-Weltkulturerbes) ausmacht. Was mehr ist als die Schaubergwerke, Hütten, Hämmer und anderen technischen Denkmale, die heute noch zu besichtigen sind und von 800 Jahren Bergbau in dem an Erzen reichen Gebirge erzählen.

    Das seinen Namen übrigens erst 1589 bekam – vom Wittenberger Professor Petrus Albinus. Bis dahin wurde das 700 bis 900 Meter hohe Rumpfgebirge meist als Böhmerwald oder Miriquidi (Schwarzwald) bezeichnet. Eine Erinnerung daran, dass Sachsen (oder besser: die damalige Markgrafschaft Meißen) noch bis weit ins 12. Jahrhundert hinein von dichten und dunklen Wäldern bedeckt war, die kaum ein Weg durchquerte.

    Gelichtet wurden die Wälder erst mit der beginnenden Besiedelung der fruchtbaren Täler und dem Silberbergbau, der im 12. Jahrhundert begann und die sächsischen Markgrafen und späteren Kurfürsten reich machte und mächtig. Und hier entstand mit Freiberg auch die größte Stadt des sächsischen Mittelalters.

    Schon diese wenigen Fakten genügen, um zu zeigen, wie sehr es sich lohnt, einfach mal hinzufahren. Riedel und Feiler zeigen, was es alles zu sehen gibt, nicht nur zu besichtigen. Denn wenn man weiß, was man da sieht, sieht man mehr, dann bekommt so eine Landschaft Geschichte, entpuppen sich faszinierende Landschaftsdetails als Zeugen uralter geologischer Prozesse oder jüngerer menschlicher Tätigkeit.

    Deswegen beginnen sie den Band mit „Bergen und Aussichten“. Da weiß der Leser sofort, welches die wichtigsten Landmarken sind, wo hinauf man wandern kann, um die besten Aussichten zu finden. Und logischerweise folgen dem die markanten Ausflugsziele in den Tälern und Niederungen: die wichtigsten Flüsse (Zschopau, Freiberger Mulde und Flöha), die Talsperren und Seen (von denen die meisten von Menschen geschaffen sind, einige davon schon die ersten Zeichen des Bergbaus, über den man später noch viel mehr erfährt). Und mit dem Georgenfelder Hochmoor überschreitet man erstmals die Landesgrenze zu Tschechien, was dann im folgenden Teil noch öfter geschehen wird.

    Denn den Feuchtbiotopen folgen dann – auch historisch und technisch erläutert – all die Zeugnisse des Bergbaus, die man oft sogar bei Führungen und Bergfahrten selbst erleben kann. Ja, wir sind hier mitten in jener Welt der Bergleute und Bergparaden, die meistens zu Weihnachten das Bild von sächsischer Heimeligkeit bestimmen. Das Steigerlied eröffnet ja sogar das Buch. Aber die konkreten technischen Denkmale rühren eine ganz andere Saite an – die der Begeisterung für Technikgeschichte.

    Denn man erlebt nicht nur, wie Bergwerke belüftet und entwässert wurden, man findet die Reste des ältesten Schiffshebewerks in Deutschland, schaut in riesige Erdkrater wie die Altenberger Pinge, lernt die Arbeitsbedingungen der Bergleute in den verschiedenen historischen Epochen kennen und erfährt im Besucherbergwerk „Vereinigt Zwitterfeld“ in Zinnwald, dass es auch unter Tage echte Landesgrenzen gibt. Natürlich begegnet man Goethe, der sich die Bergbauregion um Altenberg auch mit eigenen Augen beschauen wollte, und erfährt in Zöblitz, wo der Serpentin abgebaut wurde, aus dem einst Leuchter und andere Kunstwerke gedrechselt wurden.

    Womit man schon einmal weiß, wo der sächsische Reichtum aus der Erde geholt wurde. Was systematisch zum nächsten Kapitel führt – all den Bergstädten, die auf dieser Grundlage entstanden und teils reich und prächtig wurden – wie natürlich Freiberg mit Schloss Freudenstein und Otto dem Reichen auf dem Obermarkt, der auch in Leipzig stehen könnte. Denn noch vor Freiberg soll er ja Leipzig das Stadtrecht verliehen haben.

    Andererseits: Dass er den Beinamen „der Reiche“ erhielt, hat mit dem Silberbergbau bei Freiberg zu tun. In Sachsen gehört so manches zusammen, was heute scheinbar auseinanderfällt. In Marienberg wird dann Herzog Heinrich der Fromme gewürdigt. In Altenberg schaut man dann eher etwas bedeppert in die Gegend. Denn die schöne alte Stadt wurde 1945 fast völlig zerstört.

    Gerd-Rainer Riedel macht die Existenz eines unterirdischen Rüstungswerks für die Zerstörung verantwortlich. Aber der Hauptgrund war wohl eher der Irrsinn des deutschen Rückzugs, denn hier versuchte die Heeresgruppe Mitte noch einmal, die anrückenden sowjetischen Truppen in ein Gefecht zu verwickeln – und das in den allerletzten Kriegstagen. „Am Abend des 9. Mai brach in der Stadt ein Brand aus, der sich bis zum nächsten Tag auf einen Großteil der Bebauung ausbreitete und 120 Wohnhäuser vernichtete“, liest man auf Wikipedia.

    Von der Schönheit der alten Stadt blieb nicht viel übrig. Natürlich finden sich auch das für seine Schnitzkunst berühmte Seiffen und das für seine Uhrmacher berühmte Glashütte unter den bekannten Bergstädten, die Riedel und Feiler porträtieren, bevor sie den Blätternden nach all den erstaunlich vertraut klingenden Ortsnamen auch noch die Schlösser und Burgen der Region vorstellen. Denn wo reiche Erzfunde, Straßen und Flussquerungen geschützt werden mussten, entstanden natürlich auch trutzige Burgen, in denen eben keine Ritter hausten, sondern in der Regel die Landesherren oder ihre Verwalter saßen und aufpassten, dass sich niemand am Reichtum vergriff.

    Die Region ist also auch ein lohnendes Reiseziel für alle, die solche alten Gemäuer lieben, egal, ob sie Freudenstein, Frauenstein, Scharfenstein oder Wolkenstein heißen. Der Stein im Namen deutet ja schon darauf hin, dass sie alle auf hohe Steinfelsen gesetzt wurden, oft mit bestechendem Ausblick über Land und Tal und Handelswege. Manche kann man genüsslich besichtigen, andere sind heute (wieder) in privater Hand. Aber wer Burgen verschlingen will, ist hier genau richtig, kann auf Dicke Heinriche klettern, aber auch beeindruckende Ausstellungen sehen wie etwa die George-Bähr-Ausstellung im Schlossmuseum Lauenstein.

    George Bähr ist der Architekt und Baumeister der Dresdner Frauenkirche. Im Schloss Augustusburg begegnet man dem letzten Werk des Leipziger Bürgermeisters Hieronymus Lotter und natürlich der größten Kutschenausstellung des Landes. Und im Schloss Dux auf tschechischer Seite natürlich dem durch Schiller berühmt gewordenen Wallenstein, der eigentlich Waldstein hieß, und Casanova.

    Schon bis dahin hätte man ein Programm, das jeden Urlaub in dieser Region randvoll mit Erlebnissen füllen könnte. Aber natürlich bemühen sich die hier Wohnenden, all das, was ihnen wichtig ist, auch zu sammeln.Und so folgen noch Dutzende beeindruckende Museen, in denen man die überraschendsten Entdeckungen machen kann – von Karl Stülpners oller Mütze über die alte Saigerhütte in Olbernhau-Grünthal bis zum Lohgerbermuseum in Dippoldiswalde. Auf einmal steht man mitten im ganz irdischen Schaffen und Arbeiten der Menschen in dieser Region und lernt sogar ihren Alltag kennen, der im Freilichtmuseum Seiffen in orginalen, hierher versetzen Häusern und Katen zu besichtigen ist.

    Das Finale des Bandes bilden diesmal die Kirchen, sozusagen als weihevoller Ausklang, in denen aber auch Jahrhunderte an Geschichte geronnen sind – bis hin zu den Wehrkirchen in Großrückerswalde, Dörnthal, Lauterbach und Mittelsaida, die an die Zeit der Hussiten erinnern. Aber auch an die Wehrkirchen in Siebenbürgen, die aus demselben Grund so gebaut wurden: Als wehrhafter letzter Rückzugsort der Dorfbewohner, wenn wieder einmal kriegerische Horden das Land verwüsteten. Die beeindruckenden Klöster Mariaschein und Ossegg beschließen dann die Reise – sogar richtig zünftig, denn die letzten Bilder widmet Horst Feiler der Klosterbrauerei von Ossegg (Osek), wo man sich im Freisitz das schmackhafte Klosterbier munden lassen kann und vielleicht noch einmal die beeindruckende Fülle resümiert, die man kennengelernt hat auf der Reise.

    Der Band zeigt, was für eine reiche Landschaft das Osterzgebirge tatsächlich ist und dass es hier mehr als geschnitzte Nussknacker und Weihnachtspyramiden gibt. Jeder Abstecher lohnt sich. Mal landet man in herrlichen Rokoko-Zimmern (wie im Schloss Weesenstein), mal in der Lebenswelt der Bauern, Zinngießer, Schuster und Gerber des 17. Jahrhunderts (wie im Stadtmuseum Dippoldiswalde).

    Der Ausflug von Gerd-Rainer Riedel und Horst Feiler hat sich gelohnt. Sie sind mit reicher Beute zurückgekehrt. Und noch während Verlag und Autoren am Buch arbeiteten, hatte des 20 Jahre währende Bemühen, die Montanregion zum Weltkulturerbe zu machen, Erfolg. Der Band zeigt, dass der Begriff Weltkulturerbe keine Nummer zu klein gewählt ist. Und dass man vielleicht die nächsten Gelegenheiten nutzen sollte, sich diese Montanregion in aller Ruhe mal genauer anzuschauen.

    Gerd-Rainer Riedel, Horst Feiler Streifzüge durch das Osterzgebirge, Sax-Verlag, Beucha und Markkleeberg 2020, 29,80 Euro.

    Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří ist UNESCO-Weltkulturerbe

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