Mitteldeutsche Geschichte: Wie Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt entstanden und trotzdem nie eins wurden

Für alle LeserDas Buch kommt Ihnen bekannt vor? Dürfte es auch sein. Denn es erschien erstmals 2016 in der Edition Leipzig und trifft einen Nerv. Vielleicht auch nur eine Idee, die auch Historiker immer wieder umtreibt: Wie entsteht eigentlich bei Menschen so ein Gefühl, sich einer Landsmannschaft zugehörig zu fühlen? Ein Gefühl, das sogar 1990 stark genug war, die Wiederherstellung der Länder in ihren historischen Konturen zu erzwingen?

Immerhin waren die alten Länder, wie sie bis 1952 noch existierten, von der SED aufgelöst und in im Grunde geschichtslose Bezirke verwandelt worden. Das hatte einerseits mit dem seltsamen Verständnis der SED vom „demokratischen Zentralismus“ zu tun, mit dem das Land zentral über die Parteispitze in Berlin verwaltet wurde, aber auch mit dem geradezu seltsamen Glauben, man könne auch die Wirtschaft eines Landes zentral steuern. Die Bezirke waren dazu die Schaltstellen.

Funktioniert hat dieser Unfug ja bekanntlich nicht. Aber warum wollten die DDR-Bürger dann unbedingt die alten Länder wiederhaben, die ja bekanntlich auf die noch älteren Markgrafschaften, Fürsten- und Königreiche zurückgingen, das Produkt von über 1.000 Jahren Geschichte, in denen Fürstengeschlechter erloschen, Herrschaften zuwanderten, riesige Gebiete die Landesherrschaft wechselten.

Das Volk war stets nur passiv Erleidender dieser Entwicklung. Und eigentlich spielte die Mundart, die die Menschen sprachen, ihre Verbundenheit zu Fürstenhaus und Kultur, überhaupt keine Rolle bei all diesen Veränderungen. Armeen, Erbschaften, der gute Wille von Kaisern, Geld und Bündnisse entschieden darüber, welcher Potentat sich am Ende neue Landesteile aneignete, wo neue Herrschaften errichtet wurden und wem der an seine Scholle gebundene Bauer am Ende den Zehnten zahlen musste.

Geschichte ist stets eine interpretierende Wissenschaft. Und jahrhundertelang wurde sie entlang der Königs- und Fürstenlinien erzählt. Erst in den vergangenen Jahrzehnten schauten die Historiker auch auf handfestere Dinge wie Handelsstraßen und zentrale Märkte, auf Rohstoffe und Technologien. Und da ist noch etwas, was Konturen annimmt, wenn der Erfurter Historiker Steffen Raßloff die Geschichte dreier Bundesländer als gemeinsame Geschichte erzählt.

Denn der Blick auf die mitteldeutsche Geschichte zeigt auch, welche untergründige Rolle die Geografie spielt, auch wenn das eher ein Themenfeld ist, das Raßloff kaum berührt. Was schon verwundert: Da schreibt er so ein Buch, das endlich mal die komplette Region in den Blick nimmt und nicht nur die einzelne kleine Landesgeschichte – und dann tauchen die geografischen Rahmenbedingungen nur am Rande auf, am stärksten sogar noch in der Ur- und Frühgeschichte, von der ja die vielen eindrucksvollen archäologischen Fundstellen zeigen, wie sehr die frühe Migration der Menschen durch Flüsse, Seen, Wälder und fruchtbare Böden bedingt war.

Direkte Einflüsse gab es natürlich auch durch Wildvorkommen, Klima und erreichbare Siedlungsflächen in Flussnähe, was schon einmal die ganz frühen Siedlungsstrukturen bedingte, auf denen auch später alle Herrschaftsstrukturen aufbauten. Denn diese oft an Flussübergängen angelegten Siedlungs- und Marktplätze bildeten das Grundmuster für die Handelswege, die sich schon in vorrömischer Zeit ausbildeten und auf die spätere Herrscher stets den direkten Zugriff suchten, weshalb genau hier auch die frühen Burgwarde und später die ersten Städte gegründet wurden.

Und wer heute genau hinschaut sieht, dass diese Strukturen noch immer entscheiden über wirtschaftliche Prosperität und die Lebensentscheidungen der Menschen.

Raßloff weicht schnell von dieser Erzähllinie ab. Ihn fasziniert viel zu sehr Aufstieg und Fall der mittelalterlichen Fürstengeschlechter, all der Wettiner, Ludolfinger, Askanier und ihrer Nachfahren, die sich mit der Ostexpansion des deutschen Reiches unter den Ottonen im Raum zwischen Altmark, Thüringer Wald und Erzgebirge etablierten und gegenseitig befehdeten beim Kampf um die Vorherrschaft. Und die dabei Dynastien gründeten, die bis 1918 auch in der deutschen Geschichte eine wichtige Rolle spielten, wenn auch zunehmend marginalisiert.

Denn eines erzählt Raßloffs Tour durch die Geschichte besonders deutlich: Wie sehr Landesstrukturen das Ergebnis von Machtkämpfen waren. Machtkämpfen, in denen letztlich ausschlaggebend war, wer die schlagkräftigeren Armeen aufstellen konnte und beim Befehden der Nachbarn besonders rücksichtslos vorging. Und auch wenn Raßloff bedauernd feststellt, dass die Wettiner ab dem 18. Jahrhundert nicht mehr mithalten konnten und zu einer Mittelmacht herabsanken, heißt das nicht, dass das Kurfürstentum Sachsen nicht wettbewerbsfähig war.

Eigentlich würde in so ein Buch auch ein kleines Kapitel zu Machiavelli und zum „Antimachiavell“ eines gewissen Preußenkönigs gehören, dem Regeln der Fairness völlig fremd waren und der die Chancen, sein Königreich auf Kosten Anderer zu vergrößern, hemmungslos nutzte. Am Ende wurde ein großer Teil der mitteldeutschen Landesgeschichte von einem Königreich bestimmt, das eigentlich nicht dazugehörte: Preußen.

Ob das gut oder schlecht war, darüber streiten die Historiker bis heute. Denn dass ausgerechnet Preußen am Ende die Deutsche Einheit erzwang und gestaltete, führte auf direktem Weg in das, was Eric Hobsbawm das „Zeitalter der Extreme“ genannt hat. Ganz so, als wären die Diktatoren und Kriege des 20. Jahrhunderts zwangsläufiges Ergebnis irgendwelcher historischen Gesetzmäßigkeiten, die Menschen dazu brachten, totalitär zu denken und zu handeln.

Wäre die Geschichte anders verlaufen, hätte Preußen nicht diese fatale Rolle gespielt?

Darüber kann man viele Phantasien schreiben. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass all die kleinen Grafen, Herzöge und sonstigen Erben irgendwelcher Schlösser und Domänen in Mitteldeutschland über ihr feudales Kleinklein nie hinausdachten. Bis 1918 war Mitteldeutschland jener Teil Deutschlands, in dem sich die meisten Klein- und Kleinstfürstentümer drängten – Thüringen und Sachsen-Anhalt waren berühmt dafür.

Weshalb die Historiker-Debatte über Vor- und Nachteile dieser Kleinstländer ziemlich müßig ist. Auch wenn Raßloff fest davon überzeugt ist, dass man das positiv sehen kann, denn es bescherte Mitteldeutschland einen kulturellen Reichtum, wie ihn kein anderes Stückchen Deutschland aufweisen kann. Mit Burgen und Schlössern dicht an dicht, jeder Menge kleinen Theatern und (Hof-)Kapellen. Und entsprechend vielen berühmten Dichtern und Komponisten. Und den berühmtesten Parks (Wörlitz, Bad Muskau) in ganz Deutschland.

Und die industrielle Entwicklung hat dieses Kleinklein erstaunlicherweise auch nicht behindert, denn die kam in allen drei heutigen Bundesländern in Gang, als die Region (teilweise gezwungenermaßen) Teil des Deutschen Zollvereins wurde. Aus dieser Zeit entspringt übrigens der wilde Glaube daran, man müsse nur die Zollschranken niederreißen, dann würde die Wirtschaft boomen.

Aber das wäre hier schon ein Seitenstrang, quasi ein anderes Buch über die wirtschaftliche Genese Mitteldeutschlands.

Da Raßloff freilich auf der politischen Ebene bleibt, drängt sich natürlich eher die Frage auf: Wie konnte sich in all dieser Kleinstaaterei (mal abgesehen von Sachsen) so etwas wie eine Stammesverbundenheit herausbilden, die besonders in Thüringen wirksam wurde, wo es ja die längsten historischen Traditionen bis ins legendäre Reich der Thüringer gibt, aber ab dem Hochmittelalter und der Auflösung der Landgrafschaft Thüringen quasi nie wieder ein eigenes geschlossenes Staatsgebilde.

Im Gegenteil: Nach dem Abspalten der ernestinischen von der albertinischen Linie der Wettiner, die kurz davorgestanden hatten, Mitteldeutschland in ihrem Herzogtum tatsächlich zu vereinen, begann das Teilen und Aufteilen der sächsischen Kleinst-Herzogtümer in Thüringen erst so richtig. Und in Sachsen-Anhalt, wo die Nachkommen der Askanier sich in diversen „Häusern“ behaupteten, hatte die Zersplitterung sogar nie aufgehört, mischten sich Braunschweiger und Preußen ein und waren die Stifte Magdeburg, Halberstadt und Merseburg heiß umkämpft. Und weil zuletzt die Hohenzollern hier die Oberhand behielten, wurde der größte Teil des heutigen Sachsen-Anhalt preußisch.

So steht die Region aber auch für das Versagen des deutschen Königtums, das ja bekanntlich ein Wahlkönigtum war und blieb bis 1806, in dem sich die Halbgroßen und Halbmächtigen stets bekriegten und die Riege der Reichsfürsten dafür sorgte, dass nur ja möglichst jedes alte Adelshaus erhalten blieb und sein Stückchen Land behauptete. Dieses Zuspätkommen Deutschlands bei der Herausbildung einer Nation hat ja die Rolle Preußens als militärischer Reichseiniger erst ermöglicht. Und das in einer Zeit, in der die feudalen Herrschaften schon lange nicht mehr zur Entwicklung der Wirtschaft passten.

Und trotzdem wirkt – wie Raßloff feststellt – untergründig all die Zeit so ein Verbundensein mit, fühlen sich die einen (obwohl in dutzende Grafschaften und Herzogtümer geteilt) als Thüringer, die anderen als Sachsen und die Sachsen-Anhalter bis heute eher zusammengestückelt. Da passte dann die Rumpelpolitik in Sachsen-Anhalt ab 1990 durchaus ins Bild. Obwohl man diese Suche nach einer Politik, mit der sich ein ganzes Land identifizieren kann, auch als sehr modern und heutig interpretieren kann. Als hätte Sachsen-Anhalt mit 30 Jahren Vorlauf schon durchgemacht, was auf Thüringen, Sachsen und Brandenburg erst mit den Wahlen von 2019 zukommen würde.

Natürlich hat Raßloff sein Buch noch einmal überarbeitet und um die neueren Entwicklungen ergänzt. Entwicklungen, die man zwar benennen kann. Aber kann man sie auch schon einordnen? Liegt ihnen etwas Gemeinsames zugrunde, eine Art Urboden, in dem sich immer wieder eine vertraute Spur abzeichnet? Oder sind die Definitionen als Sachse, Thüringer oder Anhaltiner eher nur hilfreiche Korsetts für die Suche nach einer Verortung, die das farblose Wort Mitteldeutschland einfach nicht bietet? Brauchen Menschen also so eine Art Färbung der Wolle, eine regional bedingte Unterscheidung von den anderen bunten Schafen in der Herde?

In gewisser Weise tendiert Raßloff zum Ja und hält auch vernünftige Diskussion zu einem Bundesland Mitteldeutschland gegen dieses Regionalgefühl für völlig chancenlos.

„Landesbewusstsein“ nennt er das und verweist auf die Neugründungen Sachsens ausgerechnet auf der Albrechtsburg in Meißen und Thüringen auf der Wartburg, also an Orten, die zum Gründungsmythos der alten Feudalherrschaften gehören.

Kann es sein, dass Politik das nur zu gern nutzt, immer wieder auflädt und damit erst das gemeinsame Framing schafft, das Werbeagenturen und Fernsehsender nur zu gern immer wieder bedienen? Wie sehr ist dieses Geschichtsbild eigentlich ein Kunstprodukt? Und wie sehr braucht man dieses Kunstprodukt? Etwa wenn man an den Magdeburger Weg denkt, sich einfach mal als „Otto-Stadt“ zu vermarkten?

Als beziehe man sein Selbstverständnis aus den Heldengeschichten einer längst vergangenen Zeit, obwohl auch Raßloff den drei Bundesländern bescheinigt, dass sie wirtschaftlich eigentlich (wieder) gut aufgestellt sind. Sie haben zwar seit 1990 zusammen über 2 Millionen Einwohner verloren. Aber einige Städte – wie Leipzig, Dresden oder Jena – sind aufgeblüht, während ländliche Regionen sich erschreckend leerten. Auf einmal sind die alten Grundstrukturen der Handelswege und Knotenpunkte wieder sichtbar, entwickeln sich, wurden zu „Leuchttürmen“.

Wäre da nicht der fehlende Nachwuchs, könnte man meinen, da haben sich bewährte Strukturen wieder stabilisiert, Strukturen, die dieses Gebiet an Elbe und Saale seit Jahrtausenden haben blühen lassen und die es zu einem Ort gemacht haben, an dem Menschen gern siedelten, arbeiteten und Zukunft bauten. Auch wenn die Großbauten der Gegenwart alle eine Nummer zu groß zu sein scheinen für ein Gebiet, das sich schwertut, sich als Eines zu denken.

Die alten Selbstbilder grenzen auch ab, sorgen für Disharmonien und ein zuweilen nervendes „Nur wir allein“, wo eigentlich mal Teamwork gefragt wäre, so nach 1.000 Jahren Klein-Klein. Könnte man meinen. Aber Geschichte ist immer offen. Und zumindest Eines zeigt Raßloff: Dass es die eine Rote Linie zur mitteldeutschen Geschichte nicht gibt, sondern sich die Prozesse immer überlappten, bestärkten oder störten. Wobei erstaunlicherweise zwei historische Kapitel für das Gemeinsame stehen – das eine ist die Reformation, das andere die Aufklärung.

Aber da kämen wir nun in den nächsten Erzählstrang, der das Buch ebenfalls sprengen würde: die Geistesgeschichte Mitteldeutschlands.

Die Struktur der Erstausgabe hat der Verlag beibehalten. Und auch den Reichtum an Bildern und Landkarten, die die mitteldeutsche Geschichte sichtbar machen, hat der Verlag erhalten. Schlaglichter fassen die wichtigsten historische Daten noch einmal zusammen. Und da Raßloff die Geschichte in acht logische Kapitel fasst, kann sich der Leser aussuchen, wo er einsteigt und sich informiert über das Wesentliche, was in diesem durchaus nicht hässlichen Stückchen Welt passiert ist und zum Besuchen einlädt. Auch wenn auch Raßloff ein wenig ratlos bleibt, was diese Mitteldeutschen in den letzten Jahrzehnten so alles zusammengewählt haben.

Aber um das zu verstehen, braucht es wahrscheinlich auch noch eine Mentalitätsgeschichte Mitteldeutschlands. Noch so ein Strang, den man zwar spürt, aber nicht so recht greifen kann und sich immer nur wundert über das, was diesen Leuten eigentlich in den Kopf gekommen ist beim letzten Wahlgang. Oder auch schon davor. Wer die politische Geschichte der drei Bundesländer kennt, weiß noch immer nicht, wie der landläufige Sachse, Thüringer oder Anhalter tatsächlich tickt. Erst in der geschichtlichen Rückschau wirkt vieles logisch und vertraut. Die Gegenwart freilich bleibt ein Rätsel mit lauter Unbekannten. Die Feldforschung kann weitergehen.

Steffen Raßloff Mitteldeutsche Geschichte, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2019, 24,80 Euro.

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