„Sachsens Sonnenkönig“ hat der Verlag diese neue, opulente Biografie Augusts des Starken (1670–1733) untertitelt. Schade. Das kommt zwar dem Bild nahe, das die Sachsen so gern selbst von ihrem Kurfürsten malen. Aber der Untertitel der englischen Ausgabe war viel treffender: „A Study in Artistic Greatness and Political Fiasco“. E
meritierte Cambridge-Professoren können so bescheiden sein und eine politische Biografie einfach mal nur als Studie bezeichnen. Eine Studie mit ganz großem Fokus, die Friedrich August I. von Sachsen als Akteur auf der großen europäischen Bühne zeigt.
Auch wenn der Historiker Tim Banning, der auch schon eine ebenso opulente politische Biografie über Friedrich den Großen veröffentlichte, am Ende insbesondere die Rolle Augusts als Künstler hervorhebt. Das ist ihm wichtig und er weist immer wieder darauf hin, auch wenn er August auf seinen ganzen Polenabenteuern, Schlachten und Rückzügen begleitet.
Denn es stimmt ja und jeder kann es besichtigen, wenn er nach Dresden fährt: August hat seine Residenzstadt zum Kunstwerk gemacht. Nicht nur mit dem berühmten Canaletto-Blick, sondern auch mit dem einzigartigen Zwinger, der beeindruckenden Gemäldegalerie, dem Grünen Gewölbe, dem Japanischen Palais, der Porzellansammlung und Schlössern wie Moritzburg.
Er hat die wohl beste Kapelle seiner Zeit geschaffen, die italienische Oper samt ihren Sängerinnen und Kastraten nach Dresden geholt. Und er hat Feste und Hochzeiten arrangiert, die zu ihrer Zeit europaweit ihresgleichen suchten.
Ein Genuss- und Lebemensch also. So beschreiben ihn viele Biografien. Und es ist auch etwas Wahres daran. Da nimmt auch Banning kein Blatt vor den Mund, der den eigentlich tragenden Teil seiner August-Biografie an sich konzipiert hat, um August als politisch Gescheiterten zu zeichnen, als erfolglosen Feldherren, abgesetzten König, völlig überfordert mit seiner selbstgewählten Rolle in Polen, wo er sich 1697 zum König wählen ließ. Aber …
König im Nordischen Krieg
Das gelingt so nicht. Auch Banning nicht, der sich sehr akribisch mit all den Feldzügen Augusts des Starken beschäftigt hat, seinen vielen Niederlagen, denen er praktisch nur einen Sieg gegenüberstellt. August also als Feldherr ein Versager? Nicht wirklich. Oft waren es seine Verbündeten, die ihn im Stich ließen – auch gern die Polen, die ihn zwar nach jeder Menge Geldgeschenken zum König wählten, ihm aber das Agieren als Herrscher regelrecht sauer machten.
Denn eigentlich war Polen eine Adelsrepublik, in der sich die Versammlung aller Adligen – die Szlachta – nicht nur das Recht der Königswahl gesichert hatte, sondern sich durch jeden gewählten König alle ihre Freiheiten zusichern ließ.
Auch August musste die im Lauf der Zeit immer mehr verschärften Regeln unterzeichnen, die dem Adel praktisch alle Freiheiten gaben (auch die des Verrats und permanenter Oposition), den König aber regelrecht machtlos dastehen ließen und den polnischen Staat dauerhaft schwächten. Keine gute Idee in Zeiten auftrumpfender Imperien.
Wenn der König nicht mit eigener Armee agierte, wie es August tat, als er mit Dänemark und Russland in den Großen Nordischen Krieg eintrat, in dem er die bis dahin von Schweden besetzten Gebiete an der Ostseeküste für Polen erobern wollte. Und sich vielleicht auch noch ein Erblehen schaffen.
Aber das blieb ihm am Ende nach vielen Jahren des Krieges verwehrt, der auch deshalb so zäh wurde, weil immer mal wieder einer der Koalitionäre ausschied, mal vom schwedischen König Karl XII. clever ausgebootet (wie Dänemark), mal beim Angriff auf schwedische Festungen gründlich gescheitert (wie Peter I. von Russland, der später den Beinamen der Große bekommen sollte).
Tim Banning kann gar nicht anders, als alle diese Spieler auf dem Schlachtfeld näher zu beleuchten, ihre teils bedrückenden Charaktere – wie den des vom Krieg geradezu besessenen Karl XII., der es sich nach den Niederlagen der Dänen und Russen geradezu zur Obsession machte, August nicht nur vom polnischen Thron zu vertreiben, sondern regelrecht zu vernichten. So einen besessenen Gegner wünscht sich keiner. Unfähig zu Kompromissen und Rücksichtnahme führte Karl XII. bis zu seinem frühen Tod 1718 Krieg.
Barocke Charaktere
Und als Karl August in Polen nicht stellen konnte, marschierte er völlig grundlos in Sachsen ein, das praktisch schutzlos dastand, weil Augusts Truppen in den vorherigen Schlachten aufgerieben, verstreut oder gefangen genommen worden waren. Und das waren keine schlechten Truppen. August verlieh und verkaufte sie, als er endlich Luft hatte, nur zu gern für teuer Geld an die kriegführenden Herrschaften in ganz Europa.
Banning betont zwar, wie er die Berichte über all die Schlachten und Feldzüge verknappen musste, damit sie sein Buch nicht sprengten. Aber gerade deshalb wird deutlicher, welche herausragende Rolle Sachsen damals auf der europäischen Bühne spielte.
Nicht nur wurde in dieser Zeit das Ende der schwedischen Vormachtstellung an der Ostsee begründet. Gleichzeitig begann der Aufstieg Russlands zu einer absolutistischen europäischen Großmacht.
Wie Peter I. das moderne und aggressive russische Imperium in dieser Zeit schuf, hat ja jüngst erst Martina Winkler in ihrer Biografie Peter des Großen geschildert.
Und Banning macht deutlich, dass sich in diesen Nordischen Kriegs-Händeln gleich drei außergewöhnliche Charaktere trafen, die jeder auf seine Art einzigartig waren – in der damaligen europäischen Geschichte genauso wie in der Geschichte ihres jeweiligen Landes. Während Karl XII. ein sturer, unbelehrbarer, aber genialer Kriegsherr war, war Peter nicht nur besessen von der Schaffung eines Imperiums, er war auch lernbegierig und lernte tatsächlich aus seinen Niederlagen, anders eben als Karl.
Während August vielleicht nie ein begnadeter Feldherr war und sich an den „polnischen Freiheiten“ regelrecht die Zähne ausbiss, aber dafür etwas war, was unter europäischen Adligen Seltenheitswert hatte – ein Fürst, der nicht nur gewillt war, als schwerreicher Kunstermöglicher zu agieren, sondern auch Ahnung von Wirtschaft hatte.
Das betont Banning nicht besonders. Aber Augusts Glück war ein kleines, an Bodenschätzen reiches Land, in dem nicht nur der Bergbau unheimlich viel Geld in die Kassen des Kurfürsten spülte, sondern auch das Manufakturwesen blühte und auch die Leipziger Messe gefördert und besucht wurde. August hatte zwar auch in Sachsen mit einem sturen alten Adel zu kämpfen. Aber er besaß das Talent, gute Berater um sich zu versammeln und die Wirtschaft seines Landes zu befördern.
Sodass er nach jeder scheinbar vernichtenden Niederlage wieder auf die Beine kommen und neue Armeen aufstellen konnte. Was freilich auch bedeutete, dass er nicht nur den größten Teil seiner Zeit als polnischer König in Polen verbrachte, sondern auch ständig Krieg führte, bis der Quälgeist Karl endlich vertrieben war.
Ein König im Käfig
Was Polen leider nicht half. Und Banning untersucht auch recht gründlich, wo eigentlich die Ursachen lagen, dass das einst stolze und vorbildliche Polen im 18. Jahrhundert immer weiter zurückblieb und am Ende zum Teilungsopfer der Großmächte Russland, Preußen und Österreich wurde. Aber das war dann nach der Zeit von August und seinem Sohn, der ihm auch als polnischer König nachfolgte.
Wie eng die Spielräume des gewählten Königs in Polen waren, schildert Banning in einem Kapitel mit dem aussagekräftigen Titel „Der eiserne Käfig“. Logisch, dass die Urteile polnischer Historiker zur Regierungszeit der beiden sächsischen Könige sehr widersprüchlich sind.
Einig sind sich die Historiker erst über Augusts künstlerisches Wirken in Dresden, als er die Kriegslasten endlich los war und die Gelder zur Verfügung standen für seine bis heute bewunderte Leidenschaft für Kunst. Von der Architektur über die gewaltige Gemäldesammlung bis hin zu den Kunstschätzen im Grünen Gewölbe oder der riesigen Porzellansammlung, mit der er die bis dahin mit Porzellan aus China protzenden Preußen ausstach.
Es ist wohl europaweit ein einzigartiger Fall, dass ein Fürst seine Lust am Schönen nicht nur mit berauschenden Festen und reich beschenkten Mätressen auslebte, sondern auch mit Sammlungen und Bauten, die Dresden bis heute zu einem einzigartigen barocken Kleinod machen.
Und die riesigen Bildbände, die August immer wieder herausbringen ließ, erzählen von seinem persönlichen Wirken dabei genauso wie Berge von Dokumenten und Zeichnungen, die belegen, dass seine begnadeten Baumeister und Bildhauer letztlich nur umsetzten, was August selbst sich ausgedacht hatte. Was wahrscheinlich nur möglich war, weil der Landesherr selbst kunstverständig war und eine Begabung dafür hatte, die talentiertesten Künstler (oft mit viel Geld) an sich zu binden.
Wie tickte August wirklich?
Da erstaunt es nicht, dass Banning August den Starken geradezu zum Künstler erklärt und gerade dieses friedliche Wirken für die eigentliche Stärke dieses Kurfürsten. Mit der durchaus berechtigten Frage: Was hätte August aus Dresden machen können, hätte er nicht zuvor die teuren und verlustreichen Kriegszüge gegen Karl XII. bezahlen müssen? Hätte er nicht gar ein Sachsen schaffen können, das dem aufstrebenden Preußen hätte Paroli bieten können?
Aber Fakt ist eben auch, dass August gar keine Lust dazu hatte, so riesige Armeen wie die Preußen und Russen aufzubauen. August dachte dynastisch und inszenierte sich tatsächlich wie ein Sonnenkönig, auch wenn ihm die verkniffene Gläubigkeit der französischen Könige fehlte. Trotz seiner Konversion vom protestantischen zum katholischen Glauben, mit der er sich den Weg zur polnischen Königswahl sicherte.
Das kleine Problem, das kein Historiker übersehen kann, betont auch Banning: Bis auf das Fragment eines Romans gibt es von August praktisch keine persönlichen Dokumente, in denen sein Denken sichtbar werden könnte. Die Historiker sind darauf angewiesen, seine Taten, Verträge, offiziellen Schreiben zu deuten und den Menschen dahinter zu suchen, der mit seinem ungehemmt ausgelebten Hedonismus bis heute Eindruck macht.
So einen Kerl auf dem Thron hatten sie alle nicht – weder die Russen, noch die Franzosen. Und von den Preußen ganz zu schweigen.
Vital von Kopf bis Fuß
Und so wird Bannings Studie eben doch zur politischen Biografie eines Mannes, den man nicht allein auf üppige Feste und schillernde Mätressen reduzieren darf. Der eine durchaus eigenständige Rolle in der (ost-)europäischen Politik seiner Zeit spielte, Polen wenigstens ein wenig zu reformieren versuchte und in den Schlachten gegen den rücksichtslosen schwedischen König durchaus tapfer kämpfte.
Aber er war eben auch etwas mehr. „Aber er war daneben alles andere als risikoscheu, nie langweilig, lebte in aufregenden Zeiten, probierte immer wieder Neues aus, und wenn er schon nicht überlebensgroß war, so doch vital von Kopf bis Fuß“, fasst Banning am Ende auch seine eigentlich nie verborgene Bewunderung für diesen sächsischen Kurfürsten zusammen.
„Im Bereich der Kultur jedoch wurden Augusts zahlreiche Fehler zu Vorzügen, die ihn zu einer Ikone machten, zum Inbegriff des Barock.“
Da gehen seine Malaisen in Polen fast unter. Sollten sie aber nicht. Denn Banning zeigt im Grunde sehr akribisch, wie August der Starke für zwei Jahrzehnte ganz und gar nicht erfolglos auf der europäischen Bühne agierte, auf der er es mit Typen zu tun bekam, die ihn vor allem in Skrupellosigkeit bei weitem übertrafen. Gerade das politische Porträt Augusts macht diese „Studie“ spannend. Mit lauter Fragen, die man sich auch in Polen bis heute stellt: Was wäre gewesen, wenn …?
Wer August auf diese Weise neu kennenlernen möchte, ist bei Banning genau an der richtigen Adresse.
Tim Blanning „August der Starke. Sachsens Sonnenkönig“, C. H.Beck, München 2026, 34 Euro.
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