Dieser Mann ist noch nicht fertig. Auch wenn er schon 85 ist und andere in seinem Alter längst daheim auf dem Sofa sitzen und über die Welt nörgeln, wie sie ist. Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist, weil viele immer nur nörgeln. Aber den Hintern nicht hochkriegen, die Welt zu verbessern. Oder zu retten, was noch zu retten ist. Auch gegen die geballte Macht von Funktionären, Beamten und Profiteuren. Zum Beispiel, indem sie Nationalparks Wirklichkeit werden lassen. Selbst noch in den letzten Tage der DDR.
Denn dass der deutsche Osten über mehr Nationalparks und Biosphärenreservate verfügt als der Westen, hat mit einem Geniestreich zu tun, der dem Ökologen Michael Succow gelang, der in DDR-Zeiten daran gehindert wurde, eine akademische Karriere zu machen, der aber den kurzen, wilden Moment zwischen Friedlicher Revolution und Deutscher Einheit nutzte, um im Osten große Landschaftsteile per Gesetz zu Nationalparks werden zu lassen.
Es war der späte Erfolg der ostdeutschen Umweltschutzbewegung, die oft einfach vergessen wird, wenn es um die Bürgerbewegung in der DDR ging. Getragen von bestens ausgebildeten und hochengagierten Akteuren, die das Thema Ökologie schon in einer Zeit zum Kern ihrer Arbeit machten, als auch im Osten noch die exzessive Verwertung und Nutzbarmachung selbst der wertvollsten Landschaftsteile galt.
Der Kampf um die Moore
Als Bauernsohn kannte er den Reichtum und den Wert artenreicher Landschaften. Das wurde auch in seinem Biologiestudium an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald ein Schwerpunkt seiner Forschung. Vier Jahre arbeitete er dort auch als Assistent, bevor er wegen seiner Sympathie für den Prager Frühling aus der Hochschule gedrängt wurde und sich als Bodenkundler für die Neugewinnung von Landwirtschaftsflächen verdingte.
Ein Job, der eigentlich gegen alles verstieß, was ihn als Ökologe umtrieb. Der ihm aber auch Freiräume verschaffte, gerade die wertvollsten Moorflächen im Osten kennenzulernen. Er wurde zu einem regelrechten Moorexperten und kämpfte schon um den Erhalt der artenreichen Moore, als die Politiker noch nicht einmal begriffen hatten, welche Rolle Moore auch als CO₂-Speicher und wertvolle Wasserreservoire spielen.
Stattdessen wurden hunderte Hektar wichtiger Moorflächen mit Drainagen trockengelegt, nur um darauf dann 20, 30 Jahre Landwirtschaft zu betreiben, bis die Böden völlig ausgelaugt waren.
Und Succow nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn er die damals schon sichtbaren Folgen der industrialisierten Landwirtschaft mit ihren riesigen, baumlosen Feldschlägen und der massiven Überdüngung der Böden kritisierte. Alles Themen, die 50 Jahre später noch immer aktuell und drängend sind.
Denn Politiker, Funktionäre und die Chefs riesiger Landwirtschaftsbetriebe lassen sich ungern eines Besseren belehren, wirtschaften weiter mit ungeheurem Einsatz von Dünger und Pestiziden drauflos, während sich ganze Felder längst in tote Sandwüsten verwandeln.
Nationalparks für das vereinte Deutschland
Succow und seine Mitstreiter sahen schon damals, wie verhängnisvoll die Übernutzung der Natur für unser Überleben war. Und wie unersetzlich die noch vorhandenen naturnahen Areale sind, die es auch in der DDR noch gab.
Und als die Bürger der DDR 1989 die Friedliche Revolution ins Rollen brachten, war er längst eine anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Ökologie – nicht nur in der DDR, sondern auch in zahlreichen Ländern, in die er als ausgewiesener Umweltexperte eingeladen worden war.
Eingeladen werden musste, weil die DDR nicht wirklich viele solcher ausgewiesenen Ökologen hatte. Wollte sie sich vor den einladenden Regierungen nicht blamieren, schickte sie Succow mit, obwohl er an keiner Hochschule im Osten lehrte.
Verständlich, dass sich die lange Zeit bei GEO, der Süddeutschen Zeitung und Die Zeit tätige Redakteurin Christiane Grefe für diesen Mann und sein ungewöhnliches Schicksal interessierte. Der 1990 kurzzeitig in der Regierung Modrow sogar noch stellvertretende Minister war und damit die Chance bekam, Nationalparks und Biosphärenreservate in der DDR zum Gesetz werden zu lassen, sodass sie Teil des Grundlagenvertrags mit der BRD werden konnten.
Ein Projekt, das auch westdeutsche Naturschützer und Umweltpolitiker mit Aufmerksamkeit verfolgten, denn ihre Initiativen, gleiches in der Bundesrepublik zustande zu bekommen, wurden über Jahrzehnte in bürokratischen Mühlen zermahlen.
Darf man mit Autokraten verhandeln?
Da könnte schon ein Punkt in der Geschichte sitzen, die irgendwie auch mit einem filmreifen Happy End endete, als Succow 1992 tatsächlich endlich eine Professur an seiner Hochschule in Greifswald bekam. Aber da wäre das Leben des Unermüdlichen filmreif falsch erzählt.
Denn die Professur sah der Unermüdliche überhaupt nicht als Endpunkt seines Wirkens. Im Gegenteil: Die nächsten Jahrzehnte war er erst recht weltweit unterwegs und initiierte Nationalparks überall, wo er Kontakt zu Regierenden fand. Auch in autokratischen Ländern der zerfallenden Sowjetunion.
Ein Thema, das Grefe am Ende noch einmal ausdiskutiert. Darf man mit Autokraten überhaupt verhandeln? Das Geschick dazu hatte Succow. Und für ihn stand immer im Vordergrund, möglichst viele unersetzliche Naturräume unter Schutz zu stellen.
Auch in Autokratien. Und man weiß an der Stelle schon, dass das nur allzu logisch war. Und logisch ist bis heute, wo wir auf die Bildschirme starren und durchgeknallte Präsidenten neue Kriege anstiften sehen. Sollte man da nicht …
Natürlich sollte man. Aber gleichzeitig gehen gerade in einem weltweiten Artensterben unser aller Lebensgrundlagen kaputt. All das, was vor 50 Jahren absehbar war, ist eingetreten. Und die Menschheit hat es bis heute nicht geschafft, das Ruder herumzureißen.
Auch weil Gier, Macht und Sturheit jeden Versuch, unsere Lebensgrundlagen zu schützen, immer wieder ausbremsen, verhindern, mit Bürokratie oder geballter Finanzmacht vom Tisch wischen. Aber das kannten Michael Succow und seine Mitstreiter auch schon aus DDR-Zeiten. Sie kommen alle vor in dieser Lebensrecherche, die Christiane Grefe hier gestartet hat.
Ein Mann voller Geschichten
Erst sollte es eine durchaus übliche Biografie werden: Michael Succow erzählt sein Leben, Christiane Grefe macht daraus ein lesbares Buch. Aber wer Succow erlebt hat, der weiß, dass dieser Mann von Geschichten übersprudelt.
Er hat eine Botschaft. Und er will sie allen bringen, die bereit sind zuzuhören. So wurde das Ganze eine Art Dialog-Buch, in dem Grefe versucht, eine möglichst stringente Geschichte zu erzählen, Succow aber immer wieder mit kürzeren und längeren Passagen zu Wort kommt, von Vorbildern, Freunden und Reisen erzählt, Erfolgen und der eigenen Motivation, immer wieder aufzustehen, wenn ein mit Herzblut vorangetriebenes Projekt doch wieder gescheitert ist.
Aber damit wurde er ein Vorbild für zahlreiche Mitstreiter und Schüler: Der Kampf um unser aller Überleben ist ein Kampf gegen Berge von Ignoranz, Gier, Dummheit und bürokratischer Verweigerung. Die Kräfte, die an der Zerstörung unserer lebendigen Welt verdienen, sind mächtig.
Sie haben überall das Sagen, werden von gnadenlos verdummten Bürgern immer wieder an die Macht gewählt, weil all die Dinge, um die Succow und seine Freunde kämpfen, in ihren Augen keinen Wert haben.
Längst sind wir mittendrin im großen Artensterben, verwandeln sich auch in Deutschland riesige Felder in Wüsten, verschwindet das Wasser aus verdorrenden Landschaften. Längst ist auch Succows einstige Euphorie verflogen, der noch 1990 hoffte, mit dem Weg in die westliche Demokratie würde auch endlich der Umweltschutz zur Staatsdoktrin werden und die stupide Vernichtung wertvoller Naturräume enden.
Doch längst hat sich gezeigt, dass sich die Mächtigen im Kapitalismus genauso dumm und rücksichtslos verhalten wie einst die sozialistischen Funktionäre.
Die ganze Landschaft sehen
Und so ist das Buch eben auch eine durchwachsene Bilanz, die zeigt, wie viel Ausdauer und Selbstermutigung einer braucht, wenn er gegen diese mit Geld und Macht ausgestatteten Widerstände kämpft. Und damit ein altes Denken, das gar nicht bereit ist, den Kampfplatz zu räumen.
Stattdessen – in den letzten Jahren ja wieder verstärkt zu sehen – auch seine Medienmacht nutzt, jedes Engagement für Natur- und Klimaschutz zu verteufeln und zu kriminalisieren. Und die Bemühungen selbst junger Menschen, die mit den katastrophalen Veränderungen des Weltklimas leben müssen, lächerlich macht.
Und damit all das immer wieder für überflüssig erklärt, was wir inzwischen über die komplexen Zusammenhänge in der Natur wissen. Was ja das Besondere an Succows Forscherleben war, dass er den Blick nicht auf einzelne Pflanzen- oder Tierarten gerichtet hat, sondern immer das gesamte Landschaftsbild vor Augen hatte. Und die simple Tatsache, dass auch wir Menschen dringend auf all die Systemdienstleistungen der Ökosysteme angewiesen sind – auf die Funktionsfähigkeit von Meeren, Flüssen, Wäldern, Mooren und – ein immernoch ignoriertes Thema – der Böden. Wenn diese Systeme zertstört werden , war es das mit unserem Leben auf Erden. Dann hat es der Homo Sapiens geschafft, seine eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten.
Dass Menschen, die im Geiste Succows arbeiten, immer wieder gegen Wände, Mauern und Widerstände prallen, hat eben auch damit zu tun, dass die Zusammenhänge allen Lebens in unseren Schulen nicht vermittelt werden, dass überall das – falsche – Primat der Wirtschaft gilt. Bis in die Gesetze und Besitzverhältnisse hinein.
Man muss ein großes Ziel haben
Aber mit Succow lernt man eben auch einen Mann kennen, der sich nach Niederlagen nicht lange deprimieren ließ. Der in seinem Leben gelernt hat, dass man wieder aufstehen muss, Partner und Unterstützer finden muss. Und dass es sich sogar lohnt, mit Funktionären und Staatsmännern unermüdlich das Gespräch zu suchen, damit sie wenigstens verstehen, warum die Rettung von Lebensräumen wichtig ist für unser aller Überfleben.
„Ich habe gelernt: Man muss ein großes Ziel haben“, lässt sich Succow zitieren. Wohl wissend, dass man das große Ziel wohl nie erreichen wird. Aber das ist die Voraussetzung für viele kleine Schritte, die man tun kann, viele kleine Pilotprojekte, die zeigen, warum das Bemühen so wichtig ist.
Und warum es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen, tief Luft zu holen und die Sache neu anzugehen. Vielleicht von einer anderen Richtung, mit anderen Partnern. Denn es geht längst um unser Überleben. Viel zu lange wurden sämtliche Warnungen auch der Ökologen ignoriert und kleingeredet.
Dass inzwischen die Rettung der Moore endlich angegangen wird, ist das Ergebnis der Arbeit von Sucow und seinen Mitstreitern. Das Buch macht eben nicht nur mit dem Mann bekannt, der seine Mitwelt immer schon mitnehmen wollte in ein wirklich ganzheitliches Verständnis der lebendigen Welt.
Es zeigt auch genau diesen Blick, stellt Mitstreiter vor, begleitet Succow auf seinen Reisen, erzählt von erfolgreich etablierten Naturparks. Und es zeigt den Mann auch, wie er ausgestreckt in der Landschaft liegt und genau dort Kraft tankt, die Kraft, immer wieder aufzustehen und weiterzuarbeien.
Und das mit einer freundlichen und entgegenkommenden Art, die Succow wohl ziemlich einzigartig macht: freundlich zu bleiben, selbst dann, wenn man mit zähen Verhandlungspartnern zu tun bekommt. Immer wieder die faszinierende Vielfalt der Natur zu beschwören, die wir alle retten können. Wenn wir uns nur aufraffen und endlich das Nörgeln und Jammern sein lassen.
Michael Succow; Christiane Grefe Das Abenteuer des Lebens Oekom Verlag, München 2026, 24 Euro
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