Es sei mir verziehen, wenn ich mit einer kleinen Vorgeschichte zum Gespräch beginne. Die Leserinnen und Leser unserer Zeitung kennen Ralf Julke und seine Rezensionen, die ich übrigens meist lese. Das galt allerdings nicht für die Rezension des Buches „Die Buchhandlung der Exilanten“, die am 6. März erschien.

Was sollte denn schon über Sylvia Beach und Adrienne Monnier und ihre Buchhandlungen „neu erzählt“ werden? War mit „Shakespeare & Company“ von Sylvia Beach, „Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon“ von Adrienne Monnier und „Die Buchhändlerin von Paris“ von Kerri Maher die Geschichte nicht auserzählt?

Der C. H. Beck Verlag reagierte auf die Rezension und schrieb an Ralf Julke: Der Autor Uwe Neumahr kommt zur Buchmesse, liest in der Buchhandlung SeitenBlick aus seinem Buch und würde auch für ein Interview zur Verfügung stehen. Da der Kollege Julke am 19. März leider keine Zeit hatte, bat er ausgerechnet mich das zu übernehmen. Jetzt las ich die Rezension, sagte zu und vereinbarte das Interview. Das Buch las ich natürlich auch, mein plötzliches Interesse hatte seinen Grund, wie später zu lesen ist.

Buchhandlung SeitenBlick, Foto: Thomas Köhler

Am 19. März traf ich mich mit Uwe Neumahr, in der Buchhandlung SeitenBlick in Leipzig Lindenau, zum Gespräch. Jacqueline Simon und Ansgar Weber, Buchhändlerin und Buchhändler mit Leidenschaft, waren so freundlich uns die Buchhandlung, zwischen der regulären Öffnungszeit und dem Beginn der Lesung zur Verfügung zu stellen. Dafür vielen Dank, auch an Eva Detig vom C. H. Beck Verlag für die Vermittlung des Gespräches.

Das Gespräch

Herr Neumahr schön, dass es geklappt hat. „Die Buchhandlung der Exilanten“ ist nicht Ihr erstes Buch. Im vorherigen „Das Schloss der Schriftsteller“ beschäftigten Sie sich mit den Schriftstellern und Journalisten, die 1946 die Nürnberger Prozesse begleiteten. Was haben diese wie erlebt und wie hat es deren weiteren Werke beeinflusst. In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit einem Thema, welches man als auserzählt betrachten könnte. Es gibt mehrere Bücher über Sylvia Beach und Adrienne Monnier, auch von den Protagonistinnen selbst. Was hat Sie bewogen das Thema erneut aufzunehmen?

Der Grund ist schlicht und ergreifend. Sie haben die vorhandenen Publikationen angesprochen, diese behandeln hauptsächlich den Zeitraum zwischen den Kriegen, also nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Sylvia Beach schreibt über die Kriegszeit noch ein paar Seiten. Die spannende Frage ist: Was geschieht mit den beiden Buchhandlungen während der Kriegszeit? Das wird in diesen Monografien in einem kurzen Abspann, hinten in einem Nachwort, abgehandelt. Mehr finden Sie dazu nicht. Über Sylvia Beachs Internierung finden Sie in Ihrer Autobiografie zwei Sätze, ganze zwei Sätze.

Ich wollte mehr darüber erfahren und kam dann einigen Dingen buchstäblich auf die Schliche. Vor allem, dass Adrienne Monniere, Sylvias Partnerin, eine großartige Fluchthelferin für deutsch-jüdische Exilanten war. Das wird in den Büchern, die Sie ansprachen, mit keinem Wort erwähnt.

Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Foto: Ralf Julke
Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Foto: Ralf Julke

Paris war in der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, besonders durch die Exilanten ein, ich nenne es mal so, Panoptikum von Geistesgrößen. James Joyce, Ernest Hemingway, Gertrude Stein, nicht nur Exilanten, auch französische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Maler, Picasso spielt auch oft eine Rolle, und andere Künstlerinnen und Künstler dominieren die Literatur über Paris in dieser Zeit. Die Zeit während des Krieges, die kommt nicht nur bei Sylvia Beach zu kurz, sondern meist auch in anderen Publikationen.

Ja, weil die Blütezeit der Rue de l’Odéon waren einfach die 20er und 30er Jahre. Dann begannen in Frankreich die sogenannten dunklen Jahre mit der deutschen Besatzung. Natürlich war die literarische Glanzzeit damit beendet, aber es begann eben eine andere Blütezeit, nämlich die ihres Humanismus, wenn man so will.

Sie sagten vorhin Adrienne Monniere war eine großartige Fluchthelferin, vielleicht schon mal für Leute, die es noch nicht gelesen haben, die es noch lesen wollen: Was hat sie als Fluchthelferin getan?

Adrienne Monniere wurde Fluchthelferin wider Willen. Sie war Buchhändlerin, sie war Schriftstellerin, sie war vor allem Literaturvermittlerin und sie hat die erste Leihbücherei in Paris gegründet. In den 30er Jahren wurde ihre Buchhandlung zum Anziehungspunkt für deutsch-jüdische Exilanten, Benjamin, Kracauer, Gisèle Freund, mit der sie dann auch zeitweise ein Verhältnis hatte. Als Frankreich anfangs den Krieg gegen die Deutschen verlor, also als Deutschland Frankreich okkupierte, wurde es natürlich für diese jüdischen Emigrantinnen und Emigranten lebensbedrohend. Und da schritten eben Sylvia Beach und vor allem Adrienne Monniere hilfreich zur Tat. Und so wurden sie aus reinem Humanismus zu grandiosen Fluchthelferinnen. Das Interessante bei Adrienne Monniere ist, dass sie nie darüber gesprochen hat, auch im Nachhinein. Also das ist völlig unbekannt. Sie hat darum nie Aufhebens gemacht, im Gegensatz zu anderen. Es war für sie kein Thema.

Was mich natürlich interessiert ist, welche Quellen haben Sie angezapft um das alles herauszufinden?

Ich war dafür längere Zeit in Frankreich. Der Nachlass von Adrienne Monniere liegt im Institut Mémoires de l’édition contemporaine in der Normandie. Das ist ganz interessant weil bis 1900 liegen alle diese Archivalien in Paris. Aber für alles ab 1900 muss man in ein abgelegenes Kloster in die Normandie. Es ist wunderschön dort. Das war die eine Recherchereise, übrigens mit meiner Frau, die andere ging nach Marbach wo im Deutschen Literaturarchiv der Nachlass von Siegfried Kracauer liegt. Amerikanische Universitätsarchive versorgten mich mit Scans von Originalen aus dem Nachlass von Sylvia Beach. Ansonsten war natürlich die Staatsbibliothek in München meine zweite Heimat, für die „normale“ Literatur.

Das Buch ist jetzt am Start, noch mit dem Label „Spiegel Bestsellerautor“.

Das war die Erstauflage, inzwischen steht es auf der Bestseller Liste.

Zum Schluss selbstverständlich die Frage: Arbeiten Sie an einem neuen Projekt?

Ich habe tatsächlich einen neuen Vertrag mit Beck. Aber sorry, die Ideenklau ist in der Branche sehr weit verbreitet. Ich kenne das, ich bin schließlich auch Literaturagent. Ich kann Ihnen aber soviel sagen, es bleibt in der Zeit und es wird auch wieder viel mit Frankreich zu tun haben. Das dauert bestimmt noch zweieinhalb bis drei Jahre. Ich nehme mir da die Zeit, die ich brauche.

Herr Neumahr, ich danke Ihnen für das Gespräch und freue mich schon auf das nächste Buch.

Nach dem Lesen des Buches und dem Gespräch mit Uwe Neumahr muss ich sagen: Es lohnt auf jeden Fall „Die Buchhandlung der Exilanten“ zu lesen, auch wenn man die anderen Bücher kennt. Uwe Neumahr hat dort viele, bisher unbeachtete, Fakten zusammengetragen und literarisch verarbeitet.

Gedränge am Stand des C. H. Beck Verlages, Foto: Thomas Köhler

Ich war am Samstag auf der Buchmesse in Leipzig und wollte mich bei Frau Detig nochmal persönlich bedanken. Am Stand des C. H. Beck Verlages war es allerdings zu voll, deshalb der Dank an dieser Stelle mit einem Bild.

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