Es gibt Regeln. Für alles. Sogar für Bücher. Und Texte erst recht. Jedenfalls in diesem Land. So ungefähr könnte sich das Credo bestimmter Funktionär/-innen, Nutznießer und großer und kleiner Branchenhäuptlinge im Textgewerbe lesen. Ja, es gibt Regeln in diesem Land und in der Literaturbranche pocht man hastig und gerne darauf. Es gibt daneben aber auch Christian von Aster, der von sich selbst behauptet, dass er ein „Stuntman des Wortes“ sei und seinen eigenen Worten zufolge auf dem großen Spielplatz der Sprache lieber an den Geräten umhertollt, die die übrigen Kinder meiden.
Von Aster hat mit „Wir werden euch die Stadt überlassen“ einen der schönsten (und kürzesten) Texte darüber verfasst, was die Welt gewinnt – nämlich noch mehr Geld – und was sie verliert – nämlich sich selbst – sollten eines Tages sogar die gefälligen Künstlerinnen und Künstler in einen längeren Generalstreik treten.
Bei Herrn von Aster ist von Streik gerade nichts zu sehen, er ist beschäftigt wie immer, schreibt, zeichnet, tritt alleine oder mit wechselnden Kolleg/-Innen auf.
Entweder meckern Künstler über zu wenig Zeit oder zu wenig Geld. Du beklagst dich schon ewig über zu wenig Zeit. Wenn man das in Talkshows hört, dann kommt diese Klage gerne von Menschen, die gerade ein Buch, einen Film oder ein Stück anzupreisen haben und dabei mindestens auf ausverkaufte Häuser oder Bestsellerlisten schielen. Du hast vor gar nicht langer Zeit öffentlich betont, dass du den Traum vom Bestseller begraben hättest. Warum eigentlich und weshalb kannst du dir das so einfach leisten, wo doch sonst jede und jeder in der Branche kein Geheimnis daraus macht, dass er/sie/es auf der Liste landen wolle?
Christian von Aster: Vor dem Hintergrund, dass wir sogar Probleme hatten, dieses Interview einzutakten, fürchte ich, dass ich nicht einmal die Zeit hätte, in Talkshows zu sitzen. Geschweige denn, dort irgendetwas anzupreisen.
Mein erklärtes Begraben vom Traum eines Bestsellers ist derweil eine rationale Entscheidung. Was ich schreiben will, funktioniert auf dem großen Markt nicht, etwas anderes würde ich aber nicht schreiben wollen.
Schreiben und dennoch im weitesten Sinne davon leben zu können, habe ich aufrichtiger Wertschätzung, einer leicht eingeschränkten Vernunft und vermutlich der Tatsache zu verdanken, dass ich auf der Bühne bisweilen nicht unsympathisch wirke. Es ist das vorläufige Ende eines außerordentlich krummen Weges, auf dem ich 30 Jahre lang ständig falsch abgebogen zu sein glaubte und plötzlich bei mir angekommen bin.
Du hast den Job des Geschichtenerzählers schon mal in die Nähe des Schamanen gerückt, der in bestimmten ethnischen Gefügen für Zusammenhalt, geistiges und körperliches Wohlbefinden zuständig ist. Ist dein Vergleich da nicht ein bisschen zu groß geraten?
Das wäre, wenn es tatsächlich meine Idee gewesen wäre, etwas anmaßend. Meine sinngemäße Äußerung geht auf die Azteken zurück, in deren Kultur der Geschichtenerzähler eine Art Hohepriester war, was Geschichten und mündlich überliefertem Wissen eine entsprechende Bedeutung zukommen ließ. Wobei mir bezüglich der Inhalte die Vermittlung kritisch differenzierten Denkens, komplexer und Zusammenhänge wichtiger als irgendjemandes ‚Wohlbefinden‘ zu sein scheint.
Mir geht es in dem Zusammenhang um Respekt. Für Geschichten, die, die sie erzählen, und die, die sie brauchen. Was nicht immer die sind, die sie wollen oder kaufen. Heute aber sind Geschichten in vielen Fällen leider etwas, das sich vor allem verkaufen muss. Und für das manchmal nicht einmal diejenigen, die sie erzählen, Verantwortung empfinden. Wozu dann gegenwärtig auch noch die KI auf den Buchmarkt drängt, um dort vermeintliches ‚Wohlbefinden‘ und allerlei literarisch-kognitive Verzerrung zu bedienen.
Ein großer Anteil kommerziell erfolgreicher Literatur besteht aus dem Bedienen des Bekannten, beliebter Tropes und Lesenden, die sich in ihrem Denken und ihrem Geschmack bestätigt sehen wollen. Was dem Markt (und der KI) freilich entgegenkommt. Wobei Geschichtenerzählende in der Position eines Schamanen oder Priesters im weitesten Sinne nicht gezwungen wären, einen Markt zu dienen, um überleben zu können. Dementsprechend wäre eine solche nicht zu groß, sondern vielmehr heilsam, weil die Geschichten und nicht ihre Verkaufszahlen in den Vordergrund rücken würden.
Für Außenstehende können all die verschiedenen kreativen Tummelplätze, auf denen du dich betätigst, verwirrend wirken. Gibt’s demnächst einen Von Aster Guide, der all das katalogisiert, oder entspricht diese tatsächliche oder vermeintliche „Unübersichtlichkeit“ der Genres und Betätigungsfelder, in denen du arbeitest, sogar einer Absicht? Welche wäre das dann?
Diese Unübersichtlichkeit ist lediglich die Konsequenz daraus, dass meine Interessen sich schwer bezähmen lassen. Und für die Erstellung eines Guides fehlt mir, du ahnst es, die Zeit. Meiner Art zu arbeiten – wenn man das denn so nennen will – liegt dabei grundsätzlich lediglich Begeisterung zugrunde. Die meines Erachtens die authentischste Motivation ist. Die aber von außen meist gebremst wird.
Verkauft es sich? Was muss man machen, damit es sich besser verkauft? Verstehen das die Leute? Was kostet das? Solche Fragen zerstören viel und verhindern noch mehr. Und eine gute Idee, ist eine gute Idee. Eine gute Geschichte eine gute Geschichte. Das ist, was mich interessiert.
Auch wenn mir bewusst ist, dass die Aufzählung dessen, was ich mache, mich auf Außenstehende bisweilen wie einen Spinner wirken lässt, möchte ich mich nicht einordnen müssen. Und mag vor allem den Moment, wo Menschen merken, dass all diese Dinge eine gewisse Qualität haben.
Eine Einordnung wäre natürlich etwas, das mich gefällig und besser verkäuflich machen würde. Eine Schublade, die sich sinnig beschriften ließe. Aber ich für meinen Teil bin lieber eine leicht verzogene Kommode.
Du hast hin und wieder auch über dunkle Zeiten gesprochen, Depressionen und/oder Schreibblockaden, beides geht ja gerne miteinander her. Wie hast du aus dem Teufelskreis herausgefunden? Gibt’s da Techniken oder Mittel, die breiter anwendbar sind, als nur auf dich oder Menschen in Künstlerberufen oder angrenzenden Branchen?
Das ist unter anderem tatsächlich Thema eines aktuellen Programms, das den Titel GLAUBENSKRISE trägt. In dem ich auch versuche, eine konstruktive Handreichung bezüglich dieses Themas zu geben. Die am Ende – wenig überraschend – nichts mit unserem Gesundheitssystem zu tun hat.
Nachdem ich mich in meiner dunkelsten Zeit ein gutes halbes Jahr zwischen ‚Ich kann nicht mehr‘ und ‚Ich will nicht mehr‘ bewegt habe, war es schlussendlich mein Umfeld, das mich gerettet hat. Wertschätzung. Und die Erkenntnis, dass ich keine Probleme mit Menschen, sondern nur mit den falschen Menschen habe. Sodass ich am Ende weniger Techniken oder Hilfsmittel, sondern vielmehr empfehlen würde, liebevoller miteinander umzugehen und aufeinander zu achten.
Du hast kürzlich festgestellt, dass du seit 27 Jahren, nämlich von 1999 bis 2026, durchweg zum WGT in Leipzig aufgetreten bist und zwar mit im Schnitt drei Auftritten während des Festivals. Was ist es, das die Schwarze Szene an dir so faszinierend findet, dass sie dir so lange treu blieb? Und was ist es, das dich so fest an diese Szene bindet?
Ersteres müsstest du die Schwarze Szene fragen. Die hat mich 1999 quasi adoptiert und nicht mehr gehen lassen. Weshalb genau würde mich tatsächlich auch interessieren.
Die Antwort auf Letzteres ist wieder einmal Wertschätzung. Weil ich Menschen, die mich und mein Schaffen schätzen, ernst nehme und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen versuche. Was wiederum dazu führte, dass ich im Lauf der Jahre einiges Wundervolles, Seltsames, manchmal nicht ganz Legales und mitunter nicht voll Bekleidetes inmitten der Schwarzen Szene erleben durfte.
(Ich merke gerade, dass Wertschätzung in meinem Leben ein durchgehendes Thema scheint und ich vielleicht meine mürrische Grundattitüde ein wenig hinterfragen sollte).
Du liest im Rahmen von Bohemian Savages am 22. Mai in der Alten Handelsbörse ja einen ganzen Roman namens „Höllenherz“ vor, der dem Untertitel zufolge „eine erotopoetische Diabaleske tragischer Natur“ ist. Ohne zu viel zu verraten: Aber was sollte man sich denn darunter vorstellen?
Das ‚Höllenherz‘ ist eine sinnliche Novelle von zweifelhafter Moral, in der ein Teufel, aufgrund der Tatsache, dass er ein Herz hat, der Hölle verstoßen, seinen Platz in der Welt zu finden versucht. Was er eingedenk meiner Vorlieben in seltsamen Kapiteln, eigenwilliger Interaktion und einer Sprache tut, wie sie einerseits ganz außerordentlich wunderbar, aber meiner mangelnden Mainstreamtauglichkeit in großem Maße zuträglich ist. Ich würde es ein verdorbenes, kluges Märchen nennen. Aber ich bin da vermutlich ein wenig voreingenommen.
Was macht denn deiner Meinung nach jenen literarischen Hedonismus aus?
Bei dieser Formulierung geht es mir im weitesten Sinne im Sinne Epikurs (Hedonismus wird heute gerne als reine Vergnügungsphilosophie missverstanden) darum, dauerhafte, bescheidene Freude im Rahmen eines besonnenen Schreibens zu empfinden, das sich keinen Zwängen von außen unterwerfen muss. Was zugegebenermaßen etwas schlaumeierig klingt. Aber schlussendlich nur bedeutet, dass ich schreiben will, was mich interessiert, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob es sich lohnt.
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Veranstaltungstipp: Die Veranstaltung „Bohemian Savages“ findet am 22. Mai in der alten Handelsbörse, Naschmarkt 1 statt, Einlass 16 Uhr, Beginn 17:00 Uhr. Neben Christian von Aster mit „Höllenherz“ gibt es dort auch „Reizbezirke – Ein amüsantes Best of aus 4000 Sexhistory“ mit Isa Theobald, Eva Hanson und David Gray zu sehen, die Band DTORN zu hören und Burlesque mit Luna Laflore zu bestaunen. Tickets gibt es an der Abendkasse.
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