Wir haben Prof. Willingmann nicht das erste Mal getroffen. Diesmal war es am Rande der Frühjahrssitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Prof. Willingmann ist Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt in Sachsen-Anhalt und seit dem 6. September 2025 der Spitzenkandidat der SPD bei den Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt. Bevor wir zu dem Gespräch kommen, seien einige Vorbemerkungen gestattet.
Man kann die beiden Funktionen, Regierungsamt und Wahlkämpfer, hier schwer trennen, wenn Armin Willingmann in seinem Grußwort, als Minister, an die Sächsische Akademie der Wissenschaften von den bevorstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt und dem „Regierungsprogramm“ der AfD spricht:
„Und all das ist inzwischen niedergeschrieben, steht auf 156 Seiten, und das nennt sich Regierungsprogramm. Und es ist schwarz auf weiß eine Abrechnung mit dem, was wir Wissenschaft und wissenschaftliche Kultur nennen. Und dagegen geht es jetzt. Es geht nicht um ein bisschen weniger Gender Study, ein bisschen weniger Gleichstellung, oder die gelegentlich auch in den Universitäten zu hörende Stellungnahme: Na ja, vielleicht haben wir es wirklich ein bisschen übertrieben mit diesen Gleichstellungsthemen, brauchte man wirklich so viel Klimaforschung?
Es geht um die Frage unseres, Ihres Selbstverständnisses als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich ihre Themen selbst setzen. Und die selbst sagen, worüber sie forschen wollen und darüber das Land nach vorne bringen. Und ich empfehle Ihnen einfach, weil ich ein bisschen die Hoffnung habe, in diesem Kreis auf Multiplikatoren zu treffen, ich empfehle einfach die Lektüre dieser nur wenigen Seiten, es sind etwa zehn dieses 156-seitigen Programms, die sich mit der Frage von Wissenschaft und Bildung beschäftigen. Sie einfach mal zu lesen. Meine Damen und Herren, das Menetekel steht an der Wand.“
Das „Regierungsprogramm“
Schaut man in dieses Programm hinein, dann findet man zu den Themen Bildung und Wissenschaft viele altbekannte, dennoch falsche, Thesen. So gibt es in Punkt IV. 10 die Forderung: „Lehrer müssen politisch neutral sein!“, garniert mit der Aussage „Der Lehrer hat die Meinungsäußerungen der Schüler zu moderieren, aber nicht mit eigener Meinung mitzudiskutieren.“
Spätestens wenn die Meinungsäußerungen der Schülerinnen oder Schüler verfassungsfeindlich sind, heißt nicht grundgesetzkonform, ist es die Pflicht der Lehrenden, einzugreifen. Dazu die Aussagen der Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Obergfell, und von Armin Willingmann im Video.
Im Wissenschaftsbereich, heißt in den Universitäten, soll das selbstverständlich anders werden. Unter Punkt V. 6 „Die Universität ist keine Räterepublik!“ ist zu lesen: „Die Universität vermittelt Erkenntnis und Bildung und damit etwas, was nicht demokratisch verhandelt werden kann, und wo der am meisten zu sagen hat, der über die größte Erfahrung verfügt: die Professoren.“ Da zählt dann nur die Professorenmeinung.
Das Gespräch
Nach einer dreistündigen Veranstaltung fiel dieses kurz aus. Ich habe mich hauptsächlich auf die Fragen zur Wissenschaftsfreiheit beschränkt und nur am Ende nach den Landtagswahlen gefragt.
Sie haben schon letztes Jahr bei der Frühjahrssitzung gewarnt, dass die Wissenschaftsfeindlichkeit zunimmt, Sie haben bei dem Kamingespräch gewarnt. Sie warnen heute wieder und das natürlich auch noch aus dem Hintergrund heraus, als Spitzenkandidat Ihrer Partei, zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Wie dramatisch ist die Lage?
Wir müssen ja erschüttert feststellen, dass zwischen dem Aufruf, der im vergangenen Jahr schon von Präsident Knölker hier in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften bei der Frühjahrssitzung kam und der heutigen Frühjahrssitzung eine ganz erschreckende Entwicklung festzustellen ist. Und zwar international, denn aus dem, was wir damals nach wenigen Wochen einer Trump-Regierung ahnen konnten, ist inzwischen Gewissheit geworden.
Wir haben gesehen, wie in den Vereinigten Staaten auf den Wissenschaftsbetrieb Druck ausgeübt wird, durch Entzug von Mitteln, durch Desavouierung von Themen, durch Schließung von Instituten und Ähnlichem mehr. Und wir sehen selbstverständlich so etwas auch in Europa. Man muss nur auf die ungarische Entwicklung schauen, da stehen ja nun Wahlen an, man muss auf die ungarische Entwicklung schauen, im Grunde sehr, sehr ähnlich.
Und dann wissen wir inzwischen, wie sich bei uns eine, jedenfalls in Sachsen-Anhalt, als gesichert rechtsextremistisch vom Verfassungsschutz eingestufte Partei ihre Regierung künftig vorstellt. Und eben dieses Regierungsprogramm der AfD, es verheißt genau den Weg, den wir nicht wollen. Nämlich im Grunde eine Kopie des Trumpschen Modells auf die deutsche Wissenschaft. Und das kann man vernünftigerweise nicht wollen. Deshalb heute dieser Appell, der übrigens auch von Vertretern anderer Institutionen und auch von anderen Vertretern demokratischer Parteien geteilt hat.
Jetzt sprach vor ein paar Wochen unser Bundeskanzler wieder einige seiner berühmten Töne und sagte, die Wissenschaft müsse für die Wirtschaft da sein. Im Gespräch mit dem Kollegen Wiarda stand auch die Frage im Raum, dass eine Gesellschaft ohne Wissenschaftsfreiheit natürlich etwas schaffen kann, aber eher keine Grundlagenforschung.
Na ja, es wird immer dieses Beispiel der unglaublich erfolgreichen chinesischen Universitäten herangezogen, die in internationalen Rankings so unglaublich erfolgreich abschneiden. Ich bin da etwas zögerlich, ob man in einem unfreien System tatsächlich Spitzenforschung sehr viel leichter erzeugen kann. Aber nehmen wir jetzt zunächst mal den Bundeskanzler beim Wort und man sollte den Bundeskanzler beim Wort nehmen.
Die Wissenschaft in Deutschland hat eine unglaublich lange Tradition, die nicht darin bestand, immer der Wirtschaft zu dienen. Warum auch? Grundlagenforschung findet ohne einen solchen Bezug statt. Und das Interessante ist, dass aus solcher Grundlagenforschung heraus sich manchmal wirtschaftlich sehr, sehr Sinnvolles und Wichtiges ergeben kann und manchmal nicht.
Zur Kultur eines Landes und zur Forschung und Forschungsfreiheit gehört aber, dass wir nicht immer nur Nutzanwendungen in der Forschung sehen, sondern dass wir ganz nüchtern sagen: Man braucht auch Wissenschaft, um der Wissenschaft willen. Und das berühmteste Beispiel, das wir alle erlebt haben in unserer Lebenszeit, fand vor sechs, na, vor fünfeinhalb Jahren statt, als aus der Grundlagenforschung, die mal betrieben wurde über mRNA-Antikörper und entsprechende Impfungen, dass daraus auf einmal ein Impfstoff wurde, der uns bei Corona geholfen hat. Als das erforscht wurde, hat kein Mensch diese Nutzanwendung im Blick gehabt.
Wir sehen daran: Grundlagenforschung an sich kann für die Wirtschaft sehr, sehr hilfreich sein, muss es aber nicht. Wenn sie es ist, ist es erfreulich. Wenn sie es nicht ist, ist es aber auch kein Drama. Es gehört zur Kultur der Wissenschaft.
Aber sie ist dann vielleicht gesellschaftlich erfolgreich, nicht unbedingt wirtschaftlich, das ist doch der Auftrag der Wissenschaft. Reden wir mal von Geisteswissenschaften, zum Beispiel.
Aber auch in der Geisteswissenschaft geht es ja vor allen Dingen, oder geht es ja sehr, sehr häufig um die Frage: Wird dort Erkenntnis gewonnen, die auch tatsächlich für uns ableitbar ist oder bei der wir möglicherweise auch in unserer Gesellschaft profitieren? Soziologische Forschung, historische Forschung, sie hilft uns. Sie hilft uns, Dinge zu erkennen und vielleicht daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen.
Letzte Frage noch: Jetzt stehen Sie ja hier als Wissenschaftsminister, allerdings auch in der neuen Funktion als Spitzenkandidat der SPD in Sachsen-Anhalt. Die letzten Wahlergebnisse der SPD waren ja nicht so berauschend, eigentlich sehr schlecht. Was lässt Sie hoffen?
Die Hoffnung allein wird hier nicht helfen, da muss man ganz nüchtern sein. Da muss man jetzt arbeiten und sehr hart arbeiten, und man muss allerdings auch die Unterschiede herausarbeiten. Die Wahlergebnisse für die Sozialdemokratie in letzter Zeit waren nicht gut. Die beiden in den Südwestwahlen, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, waren nicht sehr erfreulich. Das Ergebnis in Baden-Württemberg ist sogar verheerend.
Aber man darf das nicht adaptieren. Man muss ganz deutlich sagen: Wir haben eine starke Polarisierung in dieser Wahl. Und diese Polarisierung führt nun auch dazu, dass wir auch in Sachsen-Anhalt zwei relativ starke Parteien haben. Stärkste sind die Rechtsextremisten, aber daneben kommt dann die CDU. Und dahinter bleiben einige Parteien zurück, auch die SPD, für die ich stehe. Aber, man muss ganz deutlich sagen: In Sachsen-Anhalt ist es völlig anders als in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg.
Das steht nicht zur Wahl, ob der Vertreter der einen demokratisch ausgerichteten Partei oder der Vertreter einer anderen demokratisch ausgerichteten Partei Regierungschef werden kann. Sondern bei uns strebt ganz klar die AfD eine Alleinregierung an. Mit diesem Hintergrund, mit diesem Regierungsprogramm kann man sich dem nur entgegenwerfen. Und das tun die demokratischen Parteien jetzt gemeinsam. Auch wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.
Man braucht uns allerdings, und das ist das Entscheidende, man braucht uns auch in einer bürgerlichen Koalition mindestens als soziales Gewissen, mindestens als die Partei, die sich der Wissenschaft und der Bildung verschrieben hat und mindestens als die Partei, die auch die Lebenswirklichkeit der Menschen im Blick hat.
Denken Sie im Moment an die Inflation, denken Sie an die Preissteigerungen. Da höre ich im Moment von den anderen bürgerlichen Parteien noch nicht die richtigen Lösungen. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten bieten sie an. Schauen wir mal, ich glaube am 6.9.26 wird sich da ein vernünftiges Ergebnis ableiten lassen.
Ich bedanke mich.
Fazit: Die Freiheit der Wissenschaft, heißt die der Forschung und Lehre, ist von mehreren Seiten bedroht. Die Position der SPD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ist eine schon prekär zu nennende, und ob Aussagen aus der Landes-SPD das ändern können, ist fraglich. Zumindest so lange Lars Klingbeil im Bund weiter verstörende sozialpolitische Signale sendet.
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