Wenn jemand liest: Die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hielt am 10. April 2026 ihre öffentliche Frühjahrssitzung ab, dann blättert er oder sie wahrscheinlich weiter. Das klingt einfach staubtrocken, nach einer altehrwürdig langweiligen Institution die nur für alte weiße Professoren interessant ist. Es lohnt sich aber trotzdem sich mit dieser Sitzung zu befassen, schließlich geht es um Wissenschaft, somit die Zukunft unserer Welt. So eine Sitzung ist interessanter als man denkt, das einzig verstaubte ist die Bezeichnung „Sitzung“.
Eröffnung und erste starke Worte
Wie bei jeder öffentlichen Frühjahrs- oder Herbstsitzung der Akademie gab es zuerst ein wenig klassische Musik. Diesmal aus der Sonate für Violine solo Nr. 2 in a-Moll, von Johann Sebastian Bach. Das Stück wurde von Dániel Hodos, Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, meisterlich dargebracht.

Danach folgte die Eröffnung durch Akademiepräsident Prof. Dr. Hans-Joachim Knölker, der nach der langen Begrüßung der offiziellen Teilnehmer, immerhin 11 namentlich und titulierte, auch gleich in medias res ging.
„Vor genau einem Jahr habe ich an dieser Stelle über den zunehmenden Verlust der Wissenschaftsfreiheit in den USA und über den dort drohenden Übergang von der Demokratie zur Autokratie gesprochen. Zur Erinnerung, damals war Herr Trump gerade gute zwei Monate im Amt, seiner zweiten Amtszeit. Es besteht für mich jedoch überhaupt kein Grund zur Genugtuung darüber, dass meine damals geäußerte Befürchtung von der Realität inzwischen nicht nur eingeholt, sondern mehr als überholt wurde. Vielmehr sorgt man sich angesichts des großen Zulaufs, den Populisten haben, gerade auch im Hinblick auf hier bei uns anstehende Landtagswahlen, dass ähnliche Entwicklungen auch bei uns eingeleitet werden können.“
Dieses Thema sollte sich dann auch durch Teile der Veranstaltung ziehen, Prof. Knölker wies auch auf das Kamingespräch mit Prof. Armin Willingmann zu diesem Thema hin. Es folgten kurze Abrisse zur neuen Außendarstellung der Akademie mit Logo und Webseite, den neuen internationalen Forschungskooperationen und Langfristforschungsprogrammen. Natürlich durfte die Finanzierungsfrage nicht fehlen, deshalb schloss der Akademiepräsident mit:
„Die von mir beschriebenen Erfolge im Akademienprogramm lassen sich natürlich nur dann fortschreiben, wenn auch in Zukunft der zur Finanzierung erforderliche Landesanteil von 50 Prozent für positiv bewertete Projekte sichergestellt ist. Die Tatsache, dass heute alle drei Wissenschaftsministerien der Länder in unserem Einzugsbereich hier vertreten sind, interpretiere ich als großes Interesse ihrerseits an den Arbeiten unserer Akademie und als positives Omen für die zukünftige Finanzierung unserer Einzugsministerien.“
Grußworte aus den Ministerien
Der Präsident hatte in seiner Ansprache darauf hingewiesen, dass die „Sächsische Akademie“ eigentlich eine drei Bundesländer übergreifende Einrichtung ist. Somit war aus dem Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus des Freistaates Sachsen Staatssekretärin Prof. Dr. Heike Graßmann, aus Sachsen-Anhalt der Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt Prof. Dr. Armin Willingmann und aus dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Freistaates Thüringen Staatssekretär Prof. Dr. Steffen Teichert anwesend.

Eine Zwischenbemerkung sei gestattet, es ist interessant in welchen Konstellationen die Wissenschaft in den Ministerien dreier benachbarter Bundesländer zugeordnet ist. Vielleicht ist das eine separate Betrachtung wert.
Die Grußworte waren interessant, an dieser Stelle nur kurze Abrisse. Sie können sich die kompletten Grußworte im Video ansehen.
Zuerst, selbstverständlich sicherten alle der Akademie zu, die Finanzierung der Projekte mit den möglichen Mitteln sicherzustellen.
Prof. Dr. Heike Graßmann erinnerte an die Veranstaltung der Akademie im Rahmen der Buchmesse mit Michael Succow, Bundesumweltminister Carsten Schneider, Christiane Grefe und anderen zum Buch „Das Abenteuer des Lebens“. Dieser war für sie ein Abend mit Signalen des Aufbruchs und des Mutes.
Die Staatssekretärin ging auch auf einzelne Forschungsprojekte ein, betonte die Wichtigkeit der Internationalisierung und schloss mit Worten über den Mut:
„Stecken Sie also an mit Ihrem Mut, stecken Sie andere mit dem Mut an, mit der Leidenschaft, der Kraft, das Leben wirklich lösen zu können, denn davon sind wir, glaube ich, hier alle im Raum mehr als überzeugt. Dazu kann Wissenschaft beitragen, dazu muss Wissenschaft beitragen.“
Prof. Willingmann war zwar in seinem Amt als Minister anwesend, ist aber auch Spitzenkandidat der SPD im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt. Das bestimmende Thema war somit erneut die Wissenschaftsfreiheit und deren Bedrohung von rechts.
„Diese Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die wird in einer Weise oben gejazzt, im Moment medial, dass man das Gefühl hat, weltweit schaut alles dorthin, weil man eventuell sehen kann, wie im Jahr 2026 eine Machtergreifung aussieht. Als ich vor einem Jahr hier bei Ihnen war, habe ich Ihnen berichtet, wie irritierend und verstörend es sein muss für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wenn Sie auf einmal in einem intensiven politischen Diskurs sich befinden, und zwar nicht unter dem Gesichtspunkt, ringen wir über Wahrheit, Doctrina multiplex, veritas una, sondern werden wir angegriffen, weil wir Wissenschaft betreiben, und zwar in Bereichen, die als nicht genehm, konform oder auch entbehrlich angesehen werden.“
Er rief zur Widerständigkeit, besser Resilienz, schon gegen die kleinen Schritte zur Akzeptanz wissenschaftsfeindlicher Thesen auf. Wir haben im Anschluss an die Sitzung mit Prof. Willingmann gesprochen, dazu im nächsten Artikel mehr.
Prof. Dr. Steffen Teichert betonte die interdisziplinäre und langfristige Arbeit der Akademie, besonders bei der Erschließung von Quellen, der Arbeit an Wörterbüchern und anderen Referenzwerken.
„Ohne diese Arbeit wäre unser Verständnis von Sprache, Geschichte und Kultur, glaube ich, nicht denkbar. Und damit letzten Endes auch nicht unser heutiges Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen, auch wenn wir manchmal uns Dinge, die heute sehr präsent sind, nicht wirklich gut erklären können. Aber das ist letzten Endes immer die Arbeit und die Aufgabe von Akademien, eben gerade nicht nach dem schnellen Ergebnis zu suchen, sondern langfristig und verlässlich die Arbeit an Grundlagen zu leisten.“
Es lohnt auf jeden Fall sich die Grußworte anzuhören, diese sind mehr als Plattitüden die sonst oft bei solchen Anlässen verwendet werden.
Bericht der Akademie, Preisverleihungen und Neuaufnahmen
Prof. Dr. Wolfgang Huschner, als Vizepräsident der Akademie, stellte den Bericht über die Arbeit der Akademie im vergangenen Jahr vor. Es ist zu hoffen, dass eine Zusammenfassung auf der Webseite der Akademie erscheinen wird.

Es folgten zwei Preisverleihungen. Die Wilhelm-Ostwald-Medaille, die in Anerkennung besonderer wissenschaftlicher Leistungen vorwiegend auf dem Gebiet der Natur- und der Ingenieurwissenschaften verliehen wird, wurde in diesem Jahr an zwei Preisträger vergeben. Prof. Dr. Helma Wennemers von der ETH Zürich und Prof. Dr. Frank Glorius von der Universität Münster wurden für ihre bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der organischen Chemie geehrt.

Auch der Friedrich-Weller-Preis, für hervorragende Arbeiten vorwiegend zur Geschichte, Kunst, Literatur, Sprache, Philosophie und Religion Indiens, Chinas und des buddhistischen Zentralasiens, ging dieses Jahr an zwei Preisträger. Ausgezeichnet wurden Prof. Dr. Jean-Marie Verpoorten aus Belgien und Dr. Aruna Gamage, Ludwig-Maximilians-Universität München.
Die Aufnahme neuer Mitglieder in die Akademie ist immer ein Höhepunkt der Frühjahrssitzungen. In diesem Jahr waren es neun Neumitglieder in der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse, sechs in der Philologisch-historischen Klasse und vier in der Technikwissenschaftlichen Klasse. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 wurden acht und 2024 wurden fünf Neumitglieder aufgenommen.
Etwas Statistik am Rande: Neun Frauen und zehn Männer sind unter den neunzehn Neumitgliedern zu finden, ein fast ausgeglichenes Verhältnis. Acht neue ordentliche zehn korrespondierende Mitglieder und ein Mitglied des Jungen Forums der Akademie wurden aufgenommen. Die Namen und Vitae der Neumitglieder werden in Kürze auf der Webseite der Akademie zu finden sein.

Der Festvortrag
Der Titel „Die Wissenschaft der Entscheidungsfindung: Künstliche Intelligenz für ein besseres Leben für alle“ des Vortrages von Professorin Sanaz Mostaghim täuscht wohl bewusst. Prof. Mostaghim hielt keinen Vortrag, der die KI in den höchsten Tönen anpries. Stattdessen führte sie in einer halben Stunde durch die Theorie der Entscheidungsfindung mittels Entscheidungsfindungsalgorithmen. Was ist eine multi-kriterielle Optimierung, wie kann KI neue Lösungen durch Rekombinationen und weitere Operatoren durchführen? An Beispielen wie Navigation, molecular design und modern facility layout planning erläuterte sie die Funktionsweise. Merke: Es ging nicht in erster Linie um die uns allen bekannten LLMs wie Gemini, ChatGPT & Co., sondern um spezielle KI-Lösungen.
Auch die Frage: Wie lernt man Entscheidungsstrategien, wenn die vordefinierten nicht geeignet sind? Wurde erläutert.
Es wäre anmaßend, wenn ich hier versuchen würde den Vortrag der Professorin für Computer Science an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg korrekt zusammenzufassen, wahrscheinlich habe ich auch nicht alles verstanden. Allein die Frage, ob und wie man die Entscheidungen eines autonom agierenden Schwarms von Robotern beeinflussen kann ist hochkomplex. Auch wenn die Antwort banal klingt: Man ändert die Bedingungen. Jedenfalls waren die Simulationen sehr anschaulich und für einige Anwesende sogar verständlich.

Am Ende kam die Frage, die viele Menschen bewegt: Wie ist das mit der Ethik bei KI-Entscheidungen. Nach meinem Verständnis war die Antwort: Es gibt und darf keine KI-Entscheidung geben. Diese Systeme sind Entscheidungsunterstützungssysteme, die uns helfen Entscheidungen zu treffen. Prof. Mostaghim stand einer Anfrage zwecks einem späteren Gespräch zu diesem Thema positiv gegenüber. Wir werden das also vertiefend behandeln.
Abschluss
Zum Schluss gab es kurze Dankesworte des Akademiepräsidenten und ein geselliges Beisammensein der Teilnehmenden. Ich habe die Gelegenheit für ein Gespräch mit Professor Willingmann genutzt. Über den Inhalt des Gespräches gibt es mehr im nächsten Artikel.
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