Das „Heidnische Dorf“ gehört seit vielen Jahren zu den beliebtesten Orten des Wave-Gotik-Treffens (WGT) in Leipzig. Zwischen Metständen, mittelalterlicher Musik, Tavernen und fantasievollen Gewandungen entsteht eine besondere Atmosphäre, die Besucher für einige Stunden aus dem hektischen Alltag entführt. Viele Gäste genießen es, durch die kleinen Gassen zu schlendern, traditionelle Speisen zu probieren und einfach die besondere Stimmung auf sich wirken zu lassen.

Neben Flammkuchen, Langos oder Ofenkartoffeln werden vor allem Met und Kirschbier gerne nachgefragt. Gaukler, Märchenerzähler, Bogenschützen und alte Handwerkskunst sorgen zusätzlich für mittelalterliches Flair. Auf zwei Bühnen spielen vor allem Pagan-, Folk- und Mittelalterbands live vor einem begeisterten Publikum. Am Samstag hatten u.a. die Bands The Rumpled, Waldkauz und Katerfahrt ihren Auftritt.

Ursprung und Werte der Gothic-Kultur

Das Wave-Gotik-Treffen findet seit 1992 in Leipzig statt und gilt heute als eines der größten Festivals der schwarzen Szene weltweit. Die Gothic-Kultur entstand ursprünglich aus der Punkbewegung der frühen 1980er-Jahre. Viele Anhänger verstanden sich damals als kreative Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Norm.

Bis heute spielen Individualität, Kunst, Musik und ein bewusster Umgang mit Themen wie Vergänglichkeit und Melancholie eine wichtige Rolle. Die Szene gilt dabei als besonders tolerant und friedlich. Herkunft, Alter oder gesellschaftlicher Status spielen kaum eine Rolle. Entscheidend ist vielmehr die gemeinsame Leidenschaft für Musik, Kreativität und Individualität.

Klischees über Gothics

Besucher wie Finn und Lea aus Bielefeld schätzen besonders das Gemeinschaftsgefühl beim WGT. „Man fühlt sich sofort unter Gleichgesinnten“, erzählt Lea. Beide wünschen sich, dass mit Vorurteilen gegenüber Gothics aufgeräumt wird. „Viele glauben immer noch, Goths seien düster oder satanistisch. Das stimmt einfach nicht“, erklärt Finn. „Nur wer sich darauf einlässt, wird beim Treffen schnell feststellen, dass die meisten Vorurteile und Meinungen falsch sind.“

Für sie stehen Offenheit, Toleranz und Individualität im Mittelpunkt. „Es verbindet eine gemeinsame Lebenseinstellung“, so Lea. Kleidung und Schminke seien keine Verkleidung, sondern Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Finn zufolge sei die Szene vor allem kulturell und ästhetisch geprägt. Außerdem würden viele Dinge intensiver hinterfragt. Man verlasse sich nicht einfach leichtgläubig auf vorgegebene Meinungen oder gesellschaftliche Erwartungen.

Lea findet, dass Gothics oft feinfühliger seien. Sie selbst merke sehr schnell, wenn es Freunden oder Bekannten nicht gut gehe – häufig sogar früher als den betroffenen Personen selbst. Auch Karsten aus Schleswig-Holstein bestätigt die Offenheit der Szene: „Die Szene ist viel offener und freundlicher, als viele denken.“ Viele Besucher empfinden die Menschen in der Gothic-Szene als besonders aufmerksam und respektvoll im Umgang miteinander.

Mehr als ein Musikfestival

Torsten und Heiko aus Leipzig, die sich schon viele Jahre kennen und eng befreundet sind, besuchen das Wave-Gotik-Treffen bereits seit der ersten Veranstaltung im Jahr 1992, als das Event noch im damaligen Eiskeller – dem heutigen Conne Island – stattfand.

Heute kommen Besucher aus ganz Europa nach Leipzig. Besonders wichtig sei das Gemeinschaftsgefühl: „Es ist eben ein Treffen und nicht einfach nur ein Festival“, sagt Torsten. Viele Freundschaften seien hier über Jahrzehnte entstanden. Selbst Besucher aus der Schweiz oder anderen europäischen Ländern würden jedes Jahr wiederkommen. Das gemeinsame Zelten auf dem AGRA-Gelände gehört für viele genauso zum Erlebnis wie die Musik selbst.

Kreative Mode und besondere Atmosphäre

Auch außerhalb der Konzerte begeistert die besondere Atmosphäre die Besucher. Silke und Steffen aus Leipzig genießen es, die aufwendig gestalteten Kostüme und kreativen Outfits zu bestaunen. Viele Besucher investieren viel Zeit und Mühe in ihre Kleidung und Schminke. „Es wird nie langweilig“, meint Steffen begeistert. Immer wieder steigen Menschen mit neuen, fantasievollen Kreationen aus den Straßenbahnen aus.

Andere Besucher loben die große Vielfalt der Musikrichtungen und Veranstaltungsorte in der ganzen Stadt. Während manche früher vor allem Folk hörten, interessieren sich heute viele auch für Industrial, Dark Wave oder Electronic Body Music. Marko aus Bielefeld findet, dass der Eintrittspreis durchaus gerechtfertigt sei, da den Besuchern über die ganze Stadt verteilt zahlreiche Veranstaltungen und Locations mit Liveacts, Lesungen, Theateraufführungen, Konzerten und vor allem viel guter Musik geboten werden.

Szene-Markt auf dem AGRA-Gelände

Ein weiterer Anziehungspunkt ist der „Official Wave Gotik Market“ auf dem AGRA-Messegelände. Dort finden Besucher Gothic-Mode, Steampunk-Outfits, Schmuck, Lederwaren sowie Kunst- und Fantasyartikel. Auch Fetisch- und Latexmode gehört zum vielfältigen Angebot.

Viele Gäste nutzen die Gelegenheit, besondere Accessoires oder neue Gewandungen zu kaufen. Die Mischung aus Musik, Kunst, Individualität und friedlichem Miteinander macht das Wave-Gotik-Treffen für viele Besucher jedes Jahr aufs Neue zu einem einzigartigen Erlebnis.

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