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Wie lange wird dieses Hitzeereignis den Leipzigen eigentlich in Erinnerung bleiben? Am 1. Juli war es noch frisch. Da freute man sich auch im Leipziger Stadtrat darüber, dass überhaupt wieder die ersten Straßenbahnen der LVB rollten, nachdem das Nahverkehrsunternehmen am Wochenende 27./28. Juni den kompletten Fahrbetrieb hatte einstellen müssen.

Denn: Nichts ging mehr. Die weich gewordene Fugenmasse an den Gleisen hatte Weichen und Fahrwerke der Straßenbahnen verklebt. Und irgendwie schien ausgerechnet Leipzig damit deutschlandweit allein betroffen zu sein. Stoff genug für eine hitzige OBM-Stunde.

Die fand dann als Abschluss der Ratsversammlung am 1. Juli statt. Drei Fraktionen hatten Dringliche Anfragen gestellt, die Grünen-Fraktion gleich ein riesiges Fragenpaket zum Hitzeschutz in Leipzig überhaupt. Denn das war ja die eigentliche Premiere in Leipzig: Erstmals stiegen auch hier die Temperaturen bis auf 40 Grad. So etwas kannten auch die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) noch nicht. Weshalb man dort mehr als heiß erwischt wurde, als bei diesen Temperaturen auf einmal die Fugenmasse flüssig wurde.

Und es ist absehbar, dass Leipzig solche Temperaturen auch künftig wieder – und wahrscheinlich öfter – erleben wird. Der Klimawandel schlägt genauso zu, wie das zu erwarten war, wenn immer mehr Energie in der Atmosphäre ist – mit Wetterextremen, auf die auch eine Stadt wie Leipzig nicht vorbereitet ist. Die dicke Anfrage der Grünen wird freilich Zeit brauchen, bis sie komplett beantwortet ist. Weshalb OBM Burkhard Jung diese aus der halben Stunde Bericht des OBM heraushalten ließ. Darüber werde diskutiert, wenn die komplette Antwort aus der Verwaltung vorliegt.

Warum ausgerechnet in Leipzig?

Aber der große Aufreger war natürlich die Einstellung des kompletten Straßenbahnbetriebs. Auf den zumindest die CDU-Fraktion in ihrer Anfrage dann auch konkret einging: Was war an diesem 1. Juli überhaupt schon zu sagen zu den Gründen der aufblubbernden Fugenmasse?

Erste Erkenntnisse gab es schon, auch wenn der eigentliche von den LVB beauftragte Gutachter gerade seine Arbeit aufgenommen hatte. Denn warum ausgerechnet in Leipzig die Fugenmasse flüssig wurde, will natürlich auch die LVB-Geschäftsführung wissen. Denn das hat nicht nur enorme finanzielle Schäden verursacht. Es darf einfach nicht wieder passieren. Auch das Gleisnetz der LVB muss – wie es OBM Jung formulierte – resilienter werden. Also hitzebeständiger.

LVB-Mitarbeiter und Freiwillige bei der Beseitigung der Fugenmasse am Augustusplatz. Foto: Ferdinand Uhl
LVB-Mitarbeiter und Freiwillige bei der Beseitigung der Fugenmasse am Augustusplatz. Foto: Ferdinand Uhl

In der Antwort auf die CDU-Anfrage formulierte das Dezernat Stadtentwicklung und Bau: „Unter den bisher üblichen Witterungsbedingungen hat sich die Bitumen-Fugenmasse als geeignet erwiesen. Ungeachtet dessen haben die LVB bereits ein Gutachterverfahren eingeleitet. Das Fugenmaterial zwischen Rillenschiene und anschließender Oberflächenbefestigung entspricht den technischen Regelwerken. In den ‚Zusätzlichen Technischen Vertragsbedingungen und Richtlinien für Fugen in Verkehrsflächen‘ (ZTV Fug-StB 2015) sind die Anforderungen an den Fugenverguss definiert.

Es zeigt sich jedoch eine Besonderheit, die es näher zu untersuchen gilt: Zu über 90 % ist die linke Gleis- und Fahrzeugseite betroffen. Zudem sind Gleisabschnitte mit unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher Bauweise beschädigt. Der Austausch der LVB mit Nürnberg und Bremen zeigte ein vergleichbares Schadbild in diesen Städten. Dieses, zum gegenwärtigen Zeitpunkt als sehr unüblich eingeschätzte Schadbild, lässt bislang keine eindeutige Bewertung und Ursachenzuweisung zu.

Aus Sicht der Stadtverwaltung und auch der LVB kann die Ursachenanalyse nicht bei der Beschaffenheit der Fugenmasse aufhören. Klimaangepasste Stadträume sind eine Gemeinschaftsaufgabe.“

Warum in Halle und Dresden nicht?

Aber die CDU-Fraktion wollte natürlich auch wissen, warum das in Leipzig passiert ist und anderswo nicht. War Leipzig wirklich die Ausnahme?

Nicht ganz, stellte Baubürgermeister Thomas Dienberg fest. Zwar waren die Verkehrsbetriebe in Halle und Dresden nicht betroffen und mit den dortigen Akteuren sei man auch im Gespräch. Aber ganz allein stand Leipzig nicht.

„Neben Leipzig traten derartige Probleme ebenfalls in den ÖPNV-Unternehmen in Bremen, Würzburg, Essen, Heidelberg und Nürnberg auf. Ein entsprechender Erfahrungsaustausch zwischen den LVB und der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg hat stattgefunden“, heißt es in der Antwort an die CDU-Fraktion. „Wieso die ÖPNV-Unternehmen in Halle, Dresden und Chemnitz nicht betroffen waren, können die LVB zum aktuellen Zeitpunkt nicht einschätzen. Eine erste Bewertung zeigt eine höhere Bodentemperatur in Leipzig als in Dresden.“

Thomas Dienberg (Bündnis 90/Die Grünen), Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau, im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer
Thomas Dienberg (Bündnis 90/Die Grünen), Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau, im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer

Die LVB wollen wirklich wissen, warum es Leipzig betraf und welche die tatsächlichen Ursachen waren. Vielleicht waren es sogar mehrere, wie Dienberg meinte. Immerhin lagen etliche der besonders betroffenen Gleisabschnitte in schattenlosen Straßenräumen wie am Ring, wo die Sonne ungehindert auf Gleis und Fugenmasse strahlen konnte.

Und so betonte es das Baudezernat auch in der Antwort an den BSW-Fraktionsvorsitzenden Eric Recke: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellt sich das Schadbild insgesamt jedoch als sehr heterogen dar, weshalb die eingetretenen Beeinträchtigungen nach aktuellem Kenntnisstand nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden können.

Aus Sicht der Stadtverwaltung und auch der LVB kann die Ursachenanalyse nicht bei der Beschaffenheit der Fugenmasse aufhören. Klimaangepasste Stadträume sind eine Gemeinschaftsaufgabe.“

Die LVB müssen künftig anders planen

Und es ist eine Aufgabe, die jetzt schon die Planungen der LVB ändert, wie man in derselben Antwort lesen kann: „Bereits heute wird bei der Planung von gemeinsamen Baumaßnahmen von Stadt Leipzig und L-Gruppe (Komplexmaßnahmen) darauf geachtet, dass Straßenräume hitzeresilient gestaltet werden.

Hierbei wird u.a. vorrangig durch die Einordnung von Straßenbäumen, Rasengleisen, Versickerungsmöglichkeiten (Rigolen), aber auch durch andere Elemente im Straßenraum zur Verschattung und Kühlung von Verkehrsflächen beigetragen. Mit der Gremienstruktur zum Basis-Modul-Hauptachsen mit der LVB sowie der Einführung einer gemeinsamen ‚Phase 0‘ sind bereits in den ersten Planungsschritten die Themen auf dem Tisch und werden bearbeitet.

Mit Spachtel und Kratze gegen die zerlaufene Fugenmasse. Foto: Ferdinand Uhl
Mit Spachtel und Kratze gegen die zerlaufene Fugenmasse. Foto: Ferdinand Uhl

Klar ist aber auch, dass auf Grundlage der Analysen auch die aktuellen Planungsziele und ihre Priorisierung für die Erstellung von Vorplanungen kritisch reflektiert werden müssen. Die LVB lässt als einen Baustein zur Vermeidung von vergleichbaren Vorfällen deshalb die bisherigen Standard-Gleisbauweisen überprüfen. Darüber hinaus wird zur nachhaltigen Absicherung der Aufgabenerfüllung als Mobilitätsdienstleister ein ergänzendes Konzept für den Umgang mit extremen Hitzeereignissen entwickelt.“

Recke gegen Klimanotstand

Da ist es schon erstaunlich, dass Recke in seiner Rede gleich mal von „Pfusch am Bau“ redete und auch noch die Aufhebung des Leipziger Klimanotstands forderte, weil Leipzig mit einer CO₂-Reduzierung am Klimawandel ohnehin nichts ändern könnte. Und außerdem habe der Leipziger Klimaschutz auch noch zur Haushaltslücke beigetragen. Bei dem Mann wird man einfach nicht klug, denn am selben Tag hat er in einer ähnlich vorwurfsvollen Rede die deutschen Rüstungskosten und die gestiegenen Energiepreise dafür verantwortlich gemacht.

Es war dann Grünen-Stadträtin Kristina Weyh, die Recke berechtigterweise Unseriösität in seiner Rede vorwarf. Und die natürlich den zuständigen Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal fragte, wann er denn nun den versprochenen Maßnahmenplan zum Hitzeaktionsplan der Stadt endlich vorlegt. Denn dass der überfällig ist, hat ja die extreme Hitze vom 19. bis 28. Juni gezeigt.

Und eins zeigte die Debatte zumindest deutlich: Nicht nur die Stadt, auch die LVB müssen sich jetzt auf Hitzezeiten einrichten, in denen das Thermometer auf 40 Grad und vielleicht mehr steigt. Umso wichtiger ist es, jetzt die tatsächliche Ursache für die aufquellende Fugenmasse zu finden und bei künftigen Bauprojekten vorzusorgen.

Dass dabei auch mehrfach den Mitarbeitern der LVB und den vielen Freiwilligen, die bei der Beseitigung der Fugenmasse halfen, gedankt wurde, war nur selbstverständlich.

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