Sind alle Messen gesungen? Oder kann die Entscheidung der Landesregierung noch einmal umgestoßen werden, statt für die Agra-Brücke der B2 einen Ersatzneubau in den 100 Jahre alten Park zu stellen, einen Tunnel oder Trog zu bauen? Das war am 1. Juli in der Ratsversammlung Thema eines BSW-Antrags. Denn eine Anhörung im Landtag scheint jetzt die Lösung für alle Probleme auf den Tisch gebracht zu haben: eine halbe Troglösung. Fast genauso billig wie der Brückenneubau. Doch BSW-Stadtrat Eric Recke scheint da etwas völlig anderes gehört zu haben als CDU-Stadtrat Andreas Nowak.
Beide sind auch Landtagsabgeordnete. Und welche Variante eines Neubaus im Agra-Park umgesetzt wird, das entscheidet am Ende die Staatsregierung allein. Die sich in den letzten Monaten schon eine Menge Kritik gefallen lassen musste, weil sie ganz eindeutig viele Jahre vertrödelt hat, eine durchgeplante Lösung für die Agra-Querung vorzulegen. Denn hier geht es um Jahre. Die Debatte um die Frage Brücke, Trog oder Tunnel, ist nicht neu. Sie beschäftigte auch schon 2010 den Leipziger Stadtrat, der sich damals für eine Tunnellösung starkmachte. SPD-Stadtrat Marius Wittwer hat extra einen Beschluss von damals aus dem Archiv gekramt.

Denn dass die B2-Brücke dringend neu gebaut werden musste, war seit 2000 klar, als zum ersten Mal Spannungsriss-Korrosion an dem 1976 errichteten Bauwerk festgestellt wurde. Jener Tatbestand, der nun 2025 zur Entscheidung der Landesregierung führte, den schnellstmöglichen Abriss und Ersatzneubau der Brücke zu planen. Für Trog ode Brücke wäre nun keine Zeit mehr. Und auch kein Geld vorhanden.
Was natürlich in der Debatte in der Ratsversammlung am 1. Juli die Frage akut machte, warum dann nicht in Zeiten geplant und gebaut wurde, als die Kommunen und der Freistaat noch Geld hatten? Warum ist da nichts passiert? Eine Frage, die auch OBM Burkhard Jung stellte, der die Debatte sehr persönlich nahm. Denn aus Leipzig lag seit damals die Forderung vor, dass statt einer Brücke, die das Landschaftsbild zerschneidet, ein Tunnel gebaut werden sollte. Adresse: Bund und Land. Denn Baulastträger ist der Bund, weil über die Brücke nun einmal eine Bundesstraße führt.
Bund im Trödelmodus
Und damals war zumindest klar, dass es der Bund und damit die diversen Bundesverkehrsminister waren, die eine solche Planung und Finanzierung für einen B2-Tunnel nicht in den Bundesverkehrswegeplan aufnahmen. Verständlich. Die Herren stammten allesamt aus der CSU, die dann doch lieber Bauprojekte in Bayern bevorzugte.

Aber Sachsen hat das Thema nicht wirklich ausgesessen, wie FDP-Stadtrat Sven Morlok in die Debatte warf, der von 2009 bis 2014 immerhin für die FDP sächsischer Verkehrsminister war. Man habe damals auch die Trogvariante geprüft. Das Hauptproblem, das sich damals schon herausschälte, so Morlok, war der Grundwasserstrom, in den sowohl der Tunnel als auch der Trog hineingebaut werden müsste. Und das Problem ist auch aktuell nicht gelöst.
In der jüngsten Landtagsanhörung, die sowohl Eric Recke als auch Andreas Nowak miterlebten, konnte schlichtweg keiner der eingeladenen Experten wirklich beziffern, welche Mehrkosten entstehen, wenn man in den Grundwasserstrom hineinbaut. Und zwar langfristig, weil dann dauerhaft ein Wasserableitungssystem betrieben werden muss.

Möglicherweise ingenieurtechnisch alles lösbare Probleme. Nur tickt jetzt die Uhr. Denn die Korrosionsschäden an der Brücke sind inzwischen so umfangreich, dass eine schnelle Lösung gebaut werden muss. Und das ist nun einmal aus Sicht des Freistaats ein Ersatzneubau der Brücke, für den es keinen neuen Planungsprozess und keine Umweltverträglichkeitsprüfung braucht.
Was bei einer Troglösung, wie sie Eric Recke vorschlug, schon anders wäre, auch wenn Eric Recke meinte, das ergebe bestenfalls ein halbes Jahr Verzug. Nein, zwei Jahre, konterte Sven Morlok, der als ehemaliger Verkehrsminister durchaus weiß, wie lange eine dafür notwendige Umweltverträglichkeitsprüfung tatsächlich dauert. Dazu kommt dann die deutlich längere Bauzeit.
Zusagen seit 2013
Aber auch Burkhard Jung hat recht. Denn seit 2013 gibt es einen schriftlich festgehaltenen Deal zwischen Leipzig und dem Freistaat, dass für die B2 im Agra-Park eine Tunnellösung geplant wird. Nicht geprüft, sondern geplant. Und die Gelder dafür sollten aus dem Verzicht auf die Planung einer Autobahn 72 kommen, die die damaligen Bundesverkehrsminister unbedingt bis ins Leipziger Stadtgebiet planen wollten. Und Leipzig habe sogar, so Jung, einen finanziellen Beitrag für den Tunnel in Aussicht gestellt. Damals hatte auch Leipzig noch finanzielle Spielräume.

Das Dumme ist nur: Es passierte nichts. Die wertvollen Jahre, in denen der Tunnel hätte geplant und gebaut werden können, vergingen. Und die Alarmmeldung aus dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr platzte mitten hinein in eine Zeit, in der der Freistaat nur noch mit Sparhaushalten über die Runden kommt und Leipzig sogar tief in der Schuldenspirale steckt. 2025 musste auf einmal schnell gehandelt werden. Und möglichst billig. Da war der Ersatzneubau im Grunde die einzig noch mögliche Lösung.
Dass in der Landtagsanhörung eine Art nicht so tief gelegter Trog auf einmal wie die Rettung erschien, ist nur zu verständlich. Das Problem dabei brachte aber auch Sven Morlok auf den Punkt. Denn auch der Trog ragt ins Grundwasser. Es ist also fraglich, ob er so preiswert wie die Brücke wird. Und dazu kommt, was gerade Eric Recke so nicht sehen wollte: Der Trog zerschneidet den Park erst recht. Denn anders als bei der Brücke können ihn weder Menschen noch Tiere ebenerdig queren. Es bräuchte also mindestens noch eine Wildbrücke. Und gleichzeitig würde der Trog so weit aus der Erde ragen, dass er rechts und links den Blick in die Landschaft verhindert. Man hätte also fast dieselben Effekte wie bei einer 1976 ursprünglich geplanten vierspurigen ebenerdigen Autobahn. Vielleicht eine leichte Lärmdämpfung.
Und natürlich bräuchte man auch noch Spaziergängerbrücken über den Trog. Da streikt dann die Phantasie.
Ein Signal für den Landtag
Und so war die Zustimmung zum Antrag der BSW-Fraktion, wie auch Grünen-Stadträtin Kristina Weyh feststellte, vor allem ein Signal aus dem Leipziger Stadtrat, dass man mit der Brückenlösung nicht einverstanden ist. Der Antrag hatte es auch entsprechend als Appell formuliert: „Der Leipziger Stadtrat appelliert an die Sächsische Staatsregierung, zeitnah eine teilüberdeckelte Troglösung sowie weitere Alternativen zum Neubau für die agra-Brücke zu prüfen und sich bei der Bundesregierung für die Finanzierung einzusetzen. Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit der Wiedereröffnung der Verkehrsverbindung durch den agra-Park müssen im Vordergrund stehen, aber eine langfristig nachhaltige und in die Umwelt besser eingepasste Lösung schafft deutlich weniger Folgeprobleme.“
Der Verwaltungsstandpunkt listete dann übrigens alle Daten auf, zu denen der Stadtrat Beschlüsse zur Tunnellösung fasste und die Ministerien in Berlin und Dresden Zustimmung signalisierten. Und die letzte Erklärung dazu ist noch gar nicht so lange her: „2021 bekräftigten Bund und Land über eine gemeinsame Absichtserklärung, dass eine Tunnelvariante als Brückenersatz wünschenswert wäre. Allerdings erklärte der Bund bereits damals, dass entsprechende Mehrkosten ggü. der Brückenvariante vom Freistaat Sachsen zu tragen wären.“
Aber der Freistaat verfiel dann in Schweigen. Und im Jahr 2026 ist nun tatsächlich die Lage eine völlig andere, wie der Verwaltungsstandpunkt feststellt: „Daher muss im Gesamtzusammenhang auch zur Kenntnis genommen werden, dass die Finanzsituation des Freistaates Sachsen und der Stadt Leipzig sehr angespannt ist. Vor diesem Hintergrund schätzt die Stadtverwaltung es als unwahrscheinlich ein, dass der Freistaat Sachsen die von der Bundesseite nicht finanzierten Mehrkosten einer Troglösung im Weiteren übernimmt.“
Aber eins jedenfalls hat die Debatte deutlich gemacht: Wie die durchaus gangbare Variante einer Tunnellösung vor allem durch das Aussitzen in Berlin und Dresden letztlich verhindert wurde und so lange vertrödelt, bis die finanziellen Spielräume nicht mehr existierten.
Aber einen Appell war das Thema schon wert, befand die Ratsmehrheit am 1. Juli und stimmte dem BSW-Antrag mit 30:25 Stimmen bei 6 Enthaltungen zu. Der Landtag will sich am 4. September noch einmal mit der B2-Brücke beschäftigen. Ob es dann belastbare Bemühungen für jede Variante geben wird, ist völlig offen.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:















Keine Kommentare bisher