Auf einmal drängt die Zeit: Seit Jahren war bekannt, dass die B2-Brücke durch den Agra-Park ersetzt werden muss. Seit 2021 gab es auch die Zusicherung der sächsischen Landesregierung, dass man auch auf Ebene des Freistaates eine Tunnellösung für dieses Segment der Bundesstraße unterstützen würde. Nur: Passiert ist nichts. Und als die Ingenieure im Herbst 2025 das Bauwerk untersuchten, war klar, dass hier rasch gehandelt werden musste. Für Tunnelplanungen war auf einmal keine Zeit mehr.
Die Kosten für diese Tunnelvariante unter dem Agra-Park bezifferte die Landesregierung auf rund 140 Millionen Euro. Als freilich im Herbst die Schäden an der Agra-Brücke deutlich wurden, wurde auch klar, dass man keine 20 Jahre mehr hatte, um eine Tunnelvariante zu planen und zu bauen. Ganz abgesehen davon, dass auch der Bund das Projekt bislang nicht auf der Prioritätenliste hatte.
Im ersten Zug ließ das Landesamt für Straßenbau und Verkehr einen Teil der B2-Brücke mit zusätzlichen Stützen verstärken, sodass der Verkehr wenigstens auf diesem Teil der Brücke weiterrollen kann, denn eine wirkliche Ausweichtrasse für diese Straßenführung gibt es nicht.
Und gleichzeitig werden die Baupläne für einen Brückenneubau vorangetrieben, der deutlich schneller zur Verfügung stehen kann als ein Tunnel.
Doch so richtig zufrieden mit der Entscheidung sind viele Akteure im Raum Leipzig nicht. Sie haben sich jetzt zusammengetan und einen Offenen Brief an die Sächsische Staatskanzlei geschickt, in dem sie für die Tunnellösung werben. Dabei sind die Kulturstiftung Leipzig, die Architektenkammer, die Denkmalstiftung, der Ökolöwe, Pro Leipzig, aber auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, Markkleebergs OBM Karsten Schütze und Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig.
Aber natürlich unterstützt auch der PRO agra Park e.V. das Anliegen, bei dem es immerhin um eine Diskussion geht, die seit 2008 geführt wird. Und bei der auch der Freistaat immer wieder abgetaucht ist und das Projekt auf die lange Bank geschoben hat. Mit den jetzt sichtbar gewordenen Folgen.
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Der Offene Brief
Endlich Alternativen zum Ersatz der agra-Brücke planen
Die in den Siebzigerjahren errichtete Brücke zerschneidet und verlärmt den denkmalgeschützten agra-Park, ein wichtiges Naherholungsgebiet zwischen den Städten Leipzig und Markkleeberg. Im ausgehenden 19. Jahrhundert von dem Verleger Paul Herfurth nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten angelegt, nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausstellungsgelände für Gartenbau und Landwirtschaft weiterentwickelt, hat das Areal eine große kulturhistorische Bedeutung für die Region.
Die Errichtung der agra-Brücke im Zuge des Braunkohle-Tagebaus war ein Akt des Raubbaus an Natur und Kulturlandschaft, von dem sich der Park und die angrenzenden Gebiete in Markkleeberg und im südlichen Leipzig nie erholen konnten. Der Beschluss der Sächsischen Staatsregierung, die aktuell durch Schwerlaststützen gesicherte Brücke baugleich wiederzuerrichten, ist deshalb inakzeptabel. Er würde einen von der DDR hinterlassenen eklatanten städtebaulichen Missstand für die nächsten Generationen zementieren und zugleich das Vertrauen der Politik bei Bürgerinnen und Bürgern verspielen, die sich jahrzehntelang ehrenamtlich für die Zukunft des agra-Parks eingesetzt haben.
Schon seit 2008 wird die Tieferlegung der Bundesstraße gefordert, damit der Park wieder zusammenwachsen kann und vom permanenten Verkehrslärm befreit wird. In der Folge haben Land und Bund wiederholt Unterstützung für diese Lösung zugesichert. Darauf haben die betroffenen Bürgerinnen und Bürger vertraut. Die Landesregierung hat es aber versäumt, die zugesagte Planung einer Tunnellösung voranzutreiben, obwohl der marode Zustand der Brücke seit Langem bekannt ist.
Die Konsequenz aus diesem politischen Versagen darf nicht darin bestehen, im wiedervereinten Deutschland einen großen Fehler der DDR zu wiederholen. Mit einer Wiedererrichtung der Brücke würde eine einmalige Zukunftschance für die Entwicklung des agra-Parks und angrenzender Gebiete verspielt.
Wir, die unterzeichnenden Gebietskörperschaften, Fachverbände und Initiativen, fordern deshalb, umgehend Pläne für eine Tieferlegung der Trasse im Tunnel oder in einem teilweise überdeckelten Trog zu entwickeln. Erst wenn echte Alternativen zur Ersatzbrücke auf dem Tisch liegen, können die Entscheidungsträger verantwortungsvoll über die beste Lösung für den agra-Park und den Verkehr entscheiden. Nur so kann eine angemessene Lösung gefunden werden, die der Bedeutung des Ortes und der baukulturellen Verantwortung der Verkehrsplanung gerecht wird.
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