Unter der Überschrift ,,Agra-Park – Verspielen wir gerade eine baukulturelle Megachance? “ fand am 12. Februar in der Leipziger Stadtbibliothek eine öffentliche Veranstaltung des Netzwerk-Baukultur mit organisatorischer Unterstützung der Kulturstiftung Leipzig und hochkarätiger Besetzung des Podiums unter der Moderation von Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lüdke-Daldrup (Staatssekretär a.D.) statt.

Weitere Teilnehmer waren: Dipl.-Ing. Dirk Seelemann, Landschaftsarchitekt vom Büro fagus Seelemann Landschaftsarchitekten, Markkleeberg, Dipl.-Ing. Gunnar Volkman, Architekt BDA Sachsen vom Büro W&V Architekten, Leipzig, Dipl.-Ing. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, Berlin, Prof. Dr. Arnold Bartetzky vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig.

Zur Einstimmung wurden von drei Podiumsteilnehmern Kurzreferate gehalten. Anschließend gab es ein Podiumsgespräch und danach wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet sowie Meinungen geäußert.

Dirk Seelemann, Landschaftsarchitekt aus Markkleeberg, referierte zunächst über die Geschichte der Parkanlage und erläuterte seine diesbezügliche denkmalpflegerische Zielstellung, die die Grundlage für die von den Städten Leipzig und Markkleeberg favorisierte Tunnellösung war, zu der es einstmals vom damaligen Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auch positive Signale aus der Sächsischen Staatsregierung gegeben haben soll.

Die Tunnellösung hat die unbestreitbaren Vorteile, dass der Zerschneidung, der Verlärmung und Verschandelung des denkmalgeschützten Parks ein Ende gesetzt wird und der ursprüngliche Zustand wieder weitgehend wahrgenommen werden kann.

Das Rosarium im Agra-Park 1970. Foto: Archiv Dirk Seelemann
Das Rosarium im Agra-Park 1970. Foto: Archiv Dirk Seelemann

Die Tunnellösung scheint allerdings nunmehr vom Tisch und der Freistaat Sachsen hat nach langem Zögern (der Prozess läuft seit 2009) in Folge des „Carola-Schocks“ – dem Einsturz einer ähnlichen Spannbetonbrücke in Dresden über die Elbe am 11. September 2024 – im vorigen Jahr mit der Objektplanung begonnen.

Danach ist vorgesehen, die Brücke durch eine baugleiche Brücke zu ersetzen. Der Freistaat Sachsen hat in Spitzengesprächen die Städte Leipzig und Markkleeberg davon in Kenntnis gesetzt und im Rahmen eines Bürgerdialoges der Fachministerin Regina Kraushaar am 22. Januar 2026 in Markkleeberg die Bürgerschaft informiert.

Der baugleiche Ersatz der Brücke wird im Wesentlichen mit dem durch den technischen Zustand der Brücke bestehenden akuten Handlungsdruck und den in den letzten Jahren exorbitant gestiegenen Baukosten begründet. In diesem Zusammenhang muss man auch wissen, dass bei einem schneller zu bewerkstelligenden baugleichen Ersatzneubau langwierige Genehmigungsverfahren sowie größere Anpassungen an den Nahtstellen entfallen, allerdings nur für die übliche Lebensdauer von 80 bis 100 Jahren.

In guter Tradition Leipziger Architekten der konstruktiven Kritik hat sich der Architekt Gunnar Volkmann des Themas angenommen und im zweiten Referat vier prinzipielle Möglichkeiten vergleichend dargestellt.

Vier verschiedene Lösungen für die B2 im Agra-Park. Grafik: W&V Architekten
Vier verschiedene Lösungen für die B2 im Agra-Park. Grafik: W&V Architekten

Dabei hat er mit seinem Vorschlag einer Absenkung (Troglösung) einen sehr interessanten Kompromissvorschlag unterbreitet, der einerseits die denkmalschutzrechtlichen Belange berücksichtigt, der Verlärmung entgegenwirkt und trotz technologischer Herausforderungen im Vergleich zum Brückenneubau wahrscheinlich sogar kostenneutral zu bewerkstelligen sein wird.

Entscheidend jedoch scheint mir, dass nicht nach 80 bis 100 Jahren das gleiche Spiel vor einem ganz anderen Hintergrund von Neuem beginnen muss. Dazu beunruhigt Gunnar Volkmann zusätzlich die Vorstellung, dass wir infolge von Fehlentscheidungen unseren Kindern und Kindeskindern unnötige Lasten aufbürden und in schlechter Erinnerung bleiben könnten.

Die Variante Absenkung als Lösung für den Agra-Park. Visualisierung: W&V Architekten
Die Variante Absenkung als Lösung für den Agra-Park. Visualisierung: W&V Architekten

Daran anknüpfend geht Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur in seinem Referat anhand von Beispielen auf den Paradigmenwechsel von der einst autogerechten Stadt auf die atmosphärengerechte Stadt ein, in welcher der Mensch selbst und nicht seine Werkzeuge im Mittelpunkt stehen.

In diesem Zusammenhang verwies er bei größeren Vorhaben auf die Notwendigkeit einer vorgeschalteten Planungsphase Null, um durch Bürgerbeteiligung die Akzeptanz bei der Bevölkerung zu erhöhen und die prinzipiellen Lösungsmöglichkeiten auf der Grundlage von Wettbewerben besser bewerten und bescheiden zu können. Natürlich fehlte auch nicht der Hinweis auf die wie auch immer geartete Nachhaltigkeit!

Bei dem anschließenden Podiumsgespräch gruppierte sich Professor Arnold Bartetzky in die Männerrunde ein und forderte angesichts der zeitlichen Brisanz des Vorhabens dazu auf, nicht dem Fehler einer Fehlerdiskussion zu erliegen, sondern die Problematik lösungsorientiert in die Politik und Bürgerschaft zu tragen.

Prof. Dr. Engelbert Lüdke-Daldrup brachte es abschließend auf den Punkt, dass es angebracht sei, sich nach der nun erfolgten provisorischen Sicherung der Brücke Zeit zu nehmen, um die offensichtlich verpasste Planungsphase Null nachzuholen und auf der Grundlage von verifizierten Variantenvergleichen demokratisch zu entscheiden, denn schließlich geht es um die nächsten 100 Jahre und nach Möglichkeit darüber hinaus.

Die anschließenden Nachfragen und Meinungsäußerungen aus dem Publikum hinterließen bei mir den Eindruck, dass von den ca. 250 Gästen im Saal kein Einziger für ein Weiter-so plädiert und nicht der nachfolgenden abschließenden Bemerkung eines mir namentlich nicht bekannten Gastes zugestimmt hätte: „Warum sollte man sich einen Stuhl, auf dem man jahrelang unbequem gesessen hat, noch einmal kaufen?“

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