So ist das wohl, wenn Auswahljurys kein Gefühl für wirklich starke Denkmalskunst haben. Sie enttäuschen selbst die Leipziger, die ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig selbst begrüßen. Denn tatsächlich gibt es noch immer eine Mehrheit in Leipzig für ein solches Denkmal. Das wurde in der „Bürgerumfrage 2024“ mit abgefragt. Immerhin wurde mittlerweile so etwas wie ein Grundstein gelegt und die Gestaltung ist auch klar.

Aber dass es da einen möglichen Unterschied zwischen allgemeiner Zustimmung und Zustimmung zum tatsächlichen Entwurf gibt, betonen auch die Autor/-innen der Auswertung zur Bürgerumfrage: „Die Datenbasis erlaubt nicht, genau zu differenzieren, ob die Leipzigerinnen und Leipziger ein Freiheits- und Einheitsdenkmal an sich oder den eingangs beschriebenen Entwurf ‚Banner, Fahnen, Transparente‘ befürworten beziehungsweise ablehnen. Da sich jedoch beispielsweise in der Altersgruppe ab 65 Jahren 43 Prozent für das Denkmal aussprechen und 54 Prozent der Meinung sind, es gäbe schon ausreichend Erinnerungsorte, ist zu vermuten, dass häufig die Idee des Freiheits- und Einheitsdenkmals im Allgemeinen bewertet wurde und nicht der konkrete Entwurf.“

Und es wird noch viel deutlicher. Statistiker können manchmal erstaunliche Befunde offerieren, wenn sie den Leuten nur die richtigen Fragen stellen.

Die Befürwortung für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Die Befürwortung für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

Kurz vorher heißt es zum Beispiel: „Die Zustimmung zum Denkmal fällt je nach Altersgruppe unterschiedlich aus: Während Personen unter 50 Jahren das Freiheits- und Einheitsdenkmal überwiegend begrüßen (69 Prozent finden es (sehr) gut), sinkt die Zustimmung in den älteren Zeitzeugengenerationen (50 bis 64 Jahre: 48 Prozent, 65 bis 85 Jahre: 43 Prozent).

Da auch unter Befragten, die im Ausland geboren sind, ganz besonders viele das Denkmal (sehr) gut finden (80 Prozent), liegt die These nahe, dass der geplante Erinnerungsort stärker begrüßt wird, je weniger auf eigene oder persönlich aus dem eigenen Familien- und Bekanntenkreis vermittelte Erfahrungsberichte zurückgegriffen werden kann. Grundsätzlich befürworten Personen, die eine hohe persönliche Relevanz der Friedlichen Revolution empfinden, das Denkmal auch stärker. Mit dem Alter nimmt dieser Zusammenhang jedoch etwas ab.“

Für Jüngere ist das Denkmal wichtiger

Schon 2011 gab es die erste Befragung zum Freiheits- und Einheitsdenkmal. Dumm nur, dass 2024 die Fragemethodik eine andere war, die Ergebnisse also nicht vergleichbar sind. Aber eine Erkenntnis bekam man damals schon:

„Schon in dieser ersten Befragung fanden ältere Menschen deutlich seltener als jüngere,
dass ein Freiheits- und Einheitsdenkmal eine große Bedeutung für zukünftige Generationen hat (ebd.). Aus offenen Antworten wurden in der Erhebung von 2011 geäußerte Meinungen zum geplanten Denkmal in Zustimmung und Ablehnung zusammengefasst – 46 Prozent äußerten sich demnach positiv, 48 Prozent ablehnend und 6 Prozent neutral (ebd.).“

Daran hat sich eigentlich nichts geändert: Wer das Jahr 1989 selbst miterlebt hat, sagt deutlich seltener, dass es dafür noch ein eigenes Denkmal braucht. Denn in Leipzig gäbe es genug Erinnerungsorte, die auch heute noch an die Friedliche Revolution erinnern. Das Fazit, das die Auror/-innen des Berichts für die Bürgerumfrage 2024 ziehen:

„Wie die Zustimmung zum Denkmal an sich, so wird auch die Überzeugung, dass das Denkmal zum generationenübergreifenden Erinnerungserhalt wichtig ist, mit steigendem Alter kleiner. In der Gruppe der 65- bis 74-jährigen Zeitzeugen, in der viele eigene Erinnerungen an den Herbst ’89 haben dürften, findet sich mit nur noch 49 Prozent die geringste Zustimmung zum Denkmal als Vehikel der kollektiven Erinnerung.“

Welche Rolle spielt die Friedliche Revolution für die Leipziger?

Umso erstaunlicher ist dann, dass es dann bei der Frage, welche Relevanz die Friedliche Revolution für die Befragten heute noch spielt, genau andersherum ist: Für die Jüngeren ist die Relevanz deutlich geringer als für die Älteren, die 1989 – zumindest zeitlich – dabei waren.

Die Relevanz der Friedlichen Revolution für die Leipziger. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Die Relevanz der Friedlichen Revolution für die Leipziger. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

Und dann äußern die Autor/-innen des Berichts sogar eine gewisse Hoffnung, dass das Denkmal für die Jüngeren eine Rolle spielen könnte:

„Zwei Drittel der Leipzigerinnen und Leipziger finden das Freiheits- und Einheitsdenkmal wichtig, um die Erinnerung an die Ereignisse der Friedlichen Revolution für die Generationen wachzuhalten, die den Herbst 1989 selbst nicht erlebt haben.

Die 18- bis 24-Jährigen der Gegenwart können zu diesen Generationen gezählt werden: Sie sind weit nach den Ereignissen um die Wende geboren und auch ihre Eltern waren Ende der 1980er-Jahre in vielen Fällen selbst noch Kinder oder Jugendliche, sodass die Gruppe keine eigenen Erinnerungen hat und vermutlich auch weniger Wissen durch persönlich vermittelte Erinnerungen aus Selbsterfahrung hat als ältere Menschen in Leipzig.

83 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren finden das Freiheits- und Einheitsdenkmal wichtig für den dauerhaften Erhalt der Erinnerungskultur. Den jüngeren Generationen könnte das Denkmal demnach besonders als Brücke der Erinnerung an das historische Ereignis dienen.“

Die Grundsteinlegung für das Freiheits- und Einheitsdenkmal war am 9. Oktober 2025 zum Lichtfest. Wann es tatsächlich aufgestellt werden kann, hängt von den Bautätigkeiten am Wilhelm-Leuschner-Platz ab, insbesondere der Umsetzung des Siegerentwurfs für den Freiflächenwettbewerb, den 2024 das Berliner Büro Atelier Loidl Landschaftsarchitekten gewonnen hat.

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