Zur jährlichen Bürgerumfrage gehört seit einigen Jahren auch die Frage nach der Zufriedenheit mit den Verkehrsbedingungen in der Stadt. Denn diese werden auch im Stadtrat immer wieder zum Streitthema. Immer wieder machen autoverliebte Fraktionen ihren Unmut über den Ausbau von Radverkehrsanlagen deutlich. Aber so ausführlich wie 2024 wurde noch nie zuvor danach gefragt. Denn die Art, wie jeder Leipziger in der Stadt unterwegs ist, bestimmt auch seine Sicht auf den Zustand von Straßen und Wegen.
Jeder schaut aus seiner Perspektive. Und während Autoverliebte gegen jedes neue Stück Radweg polemisieren, attestieren Radfahrer im regelmäßigen ADFC-Radklimatest immer wieder, dass der Ausbau des Radwegenetzes nicht genügt und vor allem das Sicherheitsgefühl in Leipzig sehr gering ist. Und genau an dieser Stelle wird das Problematische der Bürgerumfrage deutlich.
„Werden die Leipzigerinnen und Leipziger danach befragt, ob in der Stadt Leipzig in jüngster Zeit genügend für diverse Verkehrsarten getan wird, geben 17 Prozent der Befragten hinsichtlich des Radverkehrs viel zu viel an, nur 7 Prozent viel zu wenig. Die dazwischenliegenden Meinungen sind mit 21 bis 26 Prozent fast
gleichhäufig vertreten“, liest man im Bericht.
Aber dass die Statistik so allein nicht aussagekräftig ist, wissen auch die Autor/-innen des Berichts. Und sie betonen: „Wird für eine Person ermittelt, wie stark ausgeprägt ihre Nutzung verschiedener Verkehrsmittel ist, zeigen sich auffällige Muster im Antwortverhalten auf die Frage. So geben 72 Prozent der Personen mit häufiger Fahrradnutzung an, dass die Stadt Leipzig eher zu wenig oder viel zu wenig für den Radverkehr macht; bei Personen mit seltener Fahrradnutzung sind dies nur 17 Prozent.“
Pespektivwechsel
Da staunt man, dass die Statistiker staunen. Obwohl auch von ihnen einige ihren Weg täglich zur Arbeit mit dem Rad bestreiten und sehr genau wissen, dass man erst auf dem Fahrrad richtig merkt, wie unfertig, lückenhaft und – gerade an Kreuzungspunkten – gefährlich das Leipziger Radwegenetz immernoch ist.
Und so stellen sie auch fest: „Deutlich wird also, dass gerade die Leipzigerinnen und Leipziger, die regelmäßig Fahrrad fahren, die jüngsten Bemühungen der Stadt Leipzig um den Radverkehr kritisch beurteilen.“
Denn egal, wie tapfer das Planungsdezernat wieder ein Stück Radweg in den Verkehrsraum legt – es ist immer nur Flickwerk und von einem durchgehend sicheren und alltagstauglichen Radwegenetz ist Leipzig noch Äonen weit entfernt.
Dafür ist der Protest gegen die Radwegentwicklung aus der Gegenperspektive in Leipzig laut, hartnäckig und unerbittlich.
„Unter Berücksichtigung der Autonutzung einer Person kehren sich die Trends um: In der Gruppe häufiger Autonutzung geben 68 Prozent an, dass eher zu viel oder viel zu viel für den Radverkehr getan wird, wohingegen bei seltener Autonutzung dieser Anteil auf 19 Prozent schrumpft“, heißt es im Bericht.
Aber auch hier ändert sich ganz sachte die Stimmung: „Die Bewertung der Leipziger Bevölkerung zeigt, dass die Maßnahmen der Stadt zum Radverkehr differenziert wahrgenommen werden. So nimmt im Vergleich zum Vorjahr der Anteil der befragten Personen, die die Maßnahmen für den Radverkehr als viel zu viel (–6 Prozentpunkte) oder viel zu wenig (–4 Prozentpunkte) einschätzen, ab.
Der Anteil von genau richtig lag im Jahr 2023 mit 20 Prozent noch 6 Prozentpunkte niedriger (Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 2024). Somit kann eine Steigerung der Akzeptanz für die Maßnahmen, die den Radverkehr betreffen, vermutet werden. Insgesamt ist bei der Einordnung der Ergebnisse zu beachten, dass insbesondere seit der Umsetzung der Mobilitätsstrategie der Stadt Leipzig im Sinne des Nachhaltigkeits-Szenarios die Anzahl der Maßnahmen für den Radverkehr gestiegen ist (Stadt Leipzig, Verkehrs- und Tiefbauamt, 2017; Stadt Leipzig, Verkehrs- und Tiefbauamt, 2021).“
Die Perspektive bestimmt das Urteil
Aber es wurde eben nicht nur nach Radverkehr gefragt, sondern auch nach Autoverkehr, Fußverkehr und ÖPNV.
Und zum Autoverkehr stellt der Bericht fest: „Verglichen mit dem Radverkehr tendieren beim Autoverkehr die Leipzigerinnen und Leipziger dazu, weniger stark zuzustimmen, dass sich die Stadt Leipzig um dieses Verkehrsmittel genügend bemüht.
Und es überrascht nicht, dass 7 Prozent der Befragten tatsächlich der Meinung sind, dass „viel zu viel für den Autoverkehr getan wird – eine Verringerung in der Häufigkeit der Antwortkategorie um 10 Prozentpunkte verglichen mit dem Radverkehr. Der Anteil von viel zu wenig steigt dafür um 8 Prozentpunkte auf 15 Prozent. Auch bezüglich dieser Verkehrsart fallen die Antwortmuster unterschiedlich aus, je nach Nutzungsintensität einzelner Verkehrsmittel.
Bei häufiger Fahrradnutzung geben 13 Prozent der Personen an, dass viel zu viel für den Autoverkehr getan wird, bei häufiger Autonutzung sind es mit gerade einmal 1 Prozent deutlich weniger. So wird erneut deutlich, dass das Urteil über die Bedingungen für bestimmte Verkehrsmittel davon abhängt, wie intensiv das jeweilige Verkehrsmittel genutzt wird. Besonders kritisch fallen die Meinungen aus, wenn das Verkehrsmittel stark genutzt wird.“
Aber wie sieht es denn tatsächlich aus mit dem, was die Radfahrer im Leipziger Radwegenetz erleben? Also dem, was der ADFC in seinem Fahrradklima-Test immer wieder abfragt?
Nicht wirklich einschätzbar
Und das Ergebnis ist eigentlich deutlich, auch wenn der Bericht es erst einmal positiv formuliert: „Die Zufriedenheit der Leipzigerinnen und Leipziger mit verschiedenen Aspekten des Radverkehrs fällt je nach Bereich unterschiedlich aus. Die höchste Zufriedenheit findet sich bezüglich der Wartezeit an Ampeln, der Direktheit der Wege und der Radwegbreite (sehr zufrieden oder zufrieden sind in dieser Reihenfolge 41, 40 und 38 Prozent der Befragten).“
Aber auch das ist nur eine Minderheit. Die meisten Radfahrerinnen und Radfahrer ringen sich nur zu einem „teils/teils“ oder „nicht einschätzbar“ durch. Denn wie will man vergleichen, was wirklicher Fahrradkomfort ist? Die Wenigsten haben die Radwege in den Niederlanden einmal ausprobiert. Man hat nur immer den gestrigen und heutigen Zustand von Leipzigs Radwegenetz vor Augen. Und auch das sorgt nicht für Zufriedenheit. Im Gegenteil.
„Geringer fällt die Zufriedenheit hinsichtlich der Dichte des Fahrradnetztes und der Oberflächenqualität der entsprechenden Verkehrsanlagen aus. Größten Handlungsbedarf gibt es nach Bürgermeinung unter anderem hinsichtlich der Abstellanlagen in Wohngebieten und an Haltestellen des ÖPNV; nur 22 beziehungsweise
16 Prozent sind damit sehr zufrieden oder zufrieden.
Es wird deutlich, dass die Menschen in Leipzig insbesondere den Wunsch nach mehr Abstellflächen für Fahrräder sowie nach besserer Radverkehrsführung an Kreuzungen haben. Gleichzeitig aber geben 36 Prozent an, ihre Zufriedenheit mit den Abstellanlagen an Haltestellen des ÖPNV nicht einschätzen zu können. Ein Hinweis darauf, dass Radverkehr und ÖPNV in Leipzig nicht unbedingt von vielen Menschen miteinander kombiniert werden.“
Was freilich eher ein Thema für die Randlagen der Stadt ist, wo man mit dem Rad bis zur Haltestelle der Straßenbahn fährt.
Aber die Umfrage macht eben auch deutlich, dass von einer Zufriedenheit mit den Radverkehrsanlagen wirklich keine Rede sein kann. Eher herrscht ein großes Rätselraten, ob das, was man als Radfahrer vorfindet nun eigentlich das Gewollte sein soll oder doch nur ein fauler Kompromiss ist, weil die Kraft für ein wirklich einladendes Radwegenetz in Leipzig fehlt.
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