Die Auswertungen der Leipziger Bürgerumfragen sind meist sehr umfangreich. Einige Themen zur Stadtentwicklung werden darin sehr umfangreich dargestellt, weil sie auch für die aktuelle Politik eine eminente Rolle spielen. So wie das Thema Mobilität, das auch in der Bürgerumfrage 2024 eine zentrale Rolle spielte. Denn auch im Planungsdezernat will man wissen, ob man nun auf dem richtigen Weg ist bei der Mobilitätswende. Und die zeichnet sich in Leipzig nun schon seit Jahren ab.
Mit den Worten aus der Auswertung zur Bürgerumfrage 2024:
„Neben der Verkehrsmittelwahl für verschiedene Wegearten spielt die Häufigkeit der Verkehrsmittelnutzung eine wichtige Rolle bei der Verkehrsplanung. Hinsichtlich der täglichen Nutzung an den Wochentagen Montag bis Freitag lässt sich zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln Straßenbahn/Bus, Pkw/Motorrad und Fahrrad kein Unterschied feststellen.
Die Verkehrsmittel werden jeweils von gut einem Fünftel der Leipzigerinnen und Leipziger täglich genutzt. Deutliche Unterschiede zeigen sich hingegen bei der Nicht-Nutzung. Während 17 Prozent von allen Befragten unter der Woche nie die Straßenbahn oder den Bus nutzen, sind es beim MIV und Fahrrad rund doppelt so viele.“
Kleine Veränderungen
Statistiker/-innen sind nüchterne Leute. Sie halten sich bei Bewertungen gern zurück. Auch wenn ihre eigenen Grafiken tatsächlich Veränderungen zeigen. Nicht abrupt. So handeln Menschen in der Regel nicht. Aber langfristig ändern sich Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten.
Und auch die leisen und vorsichtigen Verbesserungen im Verkehrsraum, etwa für Radfahrer oder ÖPNV, zeigen erst mittelfristig Wirkung. Meist so langsam, dass Verteidiger alter Zustände immer wieder so tun können, als wäre auch das Verkehrsverhalten der Leipziger noch immer das alte.
Etwa das aus den 1990er Jahren, als sich tausende Leipziger endlich ihren Autotraum verwirklichen konnten und – gern auch mit Gebrauchtauto – endlich mit eigenem Untersatz durch die Stadt fahren konnten: zur Arbeit, zum Einkauf, zum Ausflugsziel.
Das sitzt bis heute in den Köpfen, gerade der heute Älteren, die natürlich bei einer Politik, die mehr Platz für Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV schaffen will, das flaue Gefühl haben, ihnen solle etwas Langersehntes wieder weggenommen werden.
Dabei ist das Mobilitätsverhalten, wenn es um unterschiedliche Ziele geht – längst ausdifferenziert, wie diese Grafik zeigt.

Denn selbst eingefleischte Autofahrer steigen um, wenn sie etwa die Innenstadt ansteuern. Egal, ob es Theaterbesuch, ein gemütlicher Abend im Restaurant oder das Shopping-Erlebnis ist: Es lässt sich mit der Straßenbahn meist viel unaufgeregter gestalten als mit der Parkplatzsuche für das mitgebrachte Automobil.
Aber auch in der Freizeit steigen viele Leipziger, die zum Weg zur Arbeit ganz selbstverständlich das Auto nutzen, um auf ÖPNV und noch viel stärker aufs Fahrrad. Am häufigsten – nämlich in 40 Prozent der Fälle – wird das Auto für den Weg zum Einkauf genutzt.
Was dann das übliche Bild auf Leipzigs Straßen ergibt mit den auch tagsüber geparkten Pkw-Kolonnen, die oft nur noch einmal in der Woche zum Großeinkauf genutzt werden.
Der wachsende Umweltverbund
Ansonsten, so bestätigt die Bürgerumfrage, ist der sogenannte Umweltverbund mit den umweltfreundlicheren Mobilitätsarten seit Jahren auf dem Vormarsch:
„Laut Mobilitätsstrategie 2030 für Leipzig aus dem Jahr 2017 gilt es im Sinne des angestrebten Nachhaltigkeits-Szenarios, einen ‚70 %-igen Anteil des Umweltverbundes (darunter 23 % ÖPNV, 23 % Radverkehr sowie 24 % Fußverkehr) und einen 30 %-igen Anteil des MIV am Modal Split zu erreichen‘“, stellt der Bericht fest. Und was 2017 noch geradezu optimistisch klang, ist längst Wirklichkeit geworden.
Genauer waren es 69 Prozent, die der Umweltverbund in der Verkehrsbefragung 2023 erreicht hat.

„Anhand der Daten, die im Rahmen der Verkehrserhebung ‚Mobilität in Städten – SrV‘ für Leipzig erhoben wurden, wird deutlich, dass die allgemeine Steigerung des Umweltverbundes auf circa 70 Prozent bis zum Jahr 2023 vor allem auf das starke Wachstum im Fußverkehr und daneben auf die leichte Steigerung im Radverkehr zurückzuführen ist“, heißt es im Bericht.
Auch nach möglichen Gründen hat man da gefahndet:
„Dabei dürften vermehrte Homeoffice-Nutzungen die Zunahme der Wegeanteile im Fußverkehr allgemein durch eine Verringerung der Häufigkeit von Arbeitswegen teilweise erklären können (Dienberg, Brachmann, & Jana, 25.03.2025).
Die Einführung des 9-Euro-Tickets (im Sommer 2022) respektive des Deutschlandtickets (ab Mai 2023) führte einerseits zwar im Jahr 2023 deutschlandweit zu einem Ersatz der Autofahrten durch die Angebote des ÖPNV (Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e. V., Deutsche Bahn AG, DB Regio AG, 08.04.2024) und zu einem Rückgang der Autonutzung für den Arbeitsweg zwischen den Jahren 2020 und 2024 (Statistisches Bundesamt, 26.05.2025).
„Andererseits ist für Leipzig der Wegeanteil im ÖPNV insgesamt von 2018 auf 2023 sogar rückläufig (Dienberg, Brachmann, & Jana, 25.03.2025), sodass der ÖPNV im Generellen noch Potenziale hat, eine wichtigere Rolle für die Stadt Leipzig – etwa hinsichtlich der Mobilitätsstrategie – zu spielen.“
Wie das D-Ticket dem ÖPNV hilft
Eine Einschätzung, die mittlerweile von der Entwicklung überholt ist, wie die neuen Fahrgastrekorde der LVB in den Jahren 20214 und 2025 zeigen.
Bis 2023 gab es tatsächlich diesen Rückgang in den Anteilen an der Verkehrsmittelnutzung, einer Zeit, in der Rad- und Fußverkehr in Leipzig schon deutlich zulegten und gleichzeitig die Pkw-Nutzung deutlich zurückging.
Die LVB profitierten ganz offensichtlich lange Zeit nicht von diesem Trend. Erst die Einführung von 9-Euro-Ticket und D-Ticket hat das Blatt gewendet und deutlich gemacht, dass der ÖPNV dringend auf attraktive Tarifangebote angewiesen ist.
Die „alten“, in Leipzig üblichen Ticket-Systeme, haben zuvor immer mehr Leipziger abgeschreckt, sich auf das System LVB einzulassen. Ein System, das auch deshalb so unattraktiv wurde, weil die Kommunen deutschlandweit unter Finanzengpässen leiden und den ÖPNV in ihrem Gebiet nicht so stützen können, dass von allein attraktive Preissysteme entstehen.
Der Blick auf die Verkehrsmittelwahl nach Zielen zeigt, dass der ÖPNV gerade bei den Wegen zur Arbeit deutlich profitiert hat und so langsam in Bereiche kommt, in denen auch das Angebot ausgebaut werden muss, um den steigenden Bedarf zu decken.
Aber sowohl bei den Wegen zur Arbeit als auch bei denen in die Freizeit und in die Innenstadt macht die Grafik deutlich, dass überall der Pkw-Anteil deutlich zurückging und dafür die Anteile des Umweltverbundes zulegten. Das Verkehrsverhalten der Leipziger ändert sich, langsam aber sicher.
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