Städte entstehen aus Visionen. Oder lauter Kompromissen. Denn was eine lebenswerte Stadt ist, darüber gehen die Ansichten auseinander. Was man in Leipzig spätestens dann merkt, wenn über die verschiedenen Wünsche zur Mobilität debattiert wird. Die einen wollen einfach mit ihrem Auto zügig überall hinkommen, andere wünschen sich mehr Straßenbahnlinien oder gleich mehr Straßen ohne Autos. Eine Petition wollte jetzt einen Visionär einladen, für Leipzig eine Utopie ohne Autos zu entwickeln.
In der Petition heißt es: „Im Film ‚Kraftfahrzeug – Eine deutsche Liebe‘ werden gegen dessen Ende nach 01:18:00 Visualisierungen zur Vorstellung einer lebenswerten Stadt gezeigt. Mit der Petition wird gefordert, Jan Kamensky so etwas auch für Leipzig entwerfen zu lassen und ein Konzept dafür für Leipzig mit Zeitrahmen umsetzen zu lassen, um die Stadt entsprechend umzugestalten. Ziel sollte es sein, das bis in 20 Jahren zu erreichen. Dadurch kann nicht nur der Gesundheit, sondern auch dem Klima geholfen werden. Tausende Tote durch die Feinstaubbelastung und den Lärm ließen sich vermeiden.
Die vorgeschlagene Stadtgestaltung bietet zudem die Chance, dass Rettungsdienste und Stadtreinigung nicht mehr im Stau stehen, sondern schnell ihre Zielorte erreichen können, wie es in dem Film auch gesagt wird. Da Leipzig als kreisfreie Stadt in Sachsen auch für den Schienenpersonennahverkehr zuständig ist, kann man direkt etwas tun, um den Menschen von außerhalb gute Verbindungen in das Zentrum zu ermöglichen.
Aktuell sind viele Ortschaften durch Streckenstilllegungen abgeschnitten und Kapazitäten reichen zu den Hauptverkehrszeiten nicht oder Züge sind unzuverlässig. Die Stadt kann direkt etwas tun, um die Unzulänglichkeiten des derzeitigen ÖPNV für die Pendlerströme zu überwinden und damit die im Film gezeigte Idee zum Vorteil für alle Menschen zu schaffen.“
Menschenfreundliche Straßenräume
Dabei ist Jan Kamensky auch in Leipzig kein Unbekannter. Auch im Stadtplanungsamt kennt man ihn, denn seine Ideen sind Leipzigs Stadtplanern überhaupt nicht fremd. Nur besteht zwischen Utopie und Umsetzung in der Regel ein gewaltiger Unterschied mit jeder Menge Widerständen und Widersprüchen.
„Der in der Petition zitierte Künstler und visuelle Utopist Jan Kamensky entwirft Utopien für grüne Städte ohne Autos. Er ist bekannt für seine künstlerischen Visualisierungen menschenfreundlicher und meist grüner Nutzungen von Straßenräumen, welche in ihrem Bestand von Autoverkehr dominiert sind“, bestätigte das Stadtplanungsamt in seiner Stellungnahme zur Petition.
„Seine Intentionen entsprechen vielen Beschlusslagen der Stadt Leipzig, die darauf abzielen, den Verkehrsraum neu zu denken und aufzuteilen sowie diesen klimaresilient und nachhaltig umzubauen (z.B. VI-DS-03902-NF-02 Mobilitätsstrategie 2030 für Leipzig, VII-DS-07999-NF-01 Stadtplatzprogramm 2030+Transformation von Stadt- und Quartiersplätzen zu nachhaltigen Aufenthaltsräumen).“
Und man will den visionären Künstler auch künftig einladen, bestätigt das Stadtplanungsamt: „Jan Kamensky hat für die Stadt Leipzig im Rahmen der Velocity 2023 schon einmal einen Kurzfilm erstellt. Ebenfalls waren die Arbeiten von Jan Kamensky im Rahmen des Stadtraumkonzeptes erweiterte Innenstadt angedacht.“
Nur als Planungsgrundlage kann man Kamenskys Visionen nicht verwenden, selbst wenn man wollte: „Die Arbeiten von Jan Kamensky eigenen sich vor allem als visueller Denkanstoß, um komplexe Umgestaltungsmaßnahmen für eine klimaresiliente Stadt voranzubringen, Diskussionen lebendig und visuell bürgerfreundlich zu gestalten.
Sie eignen sich nicht für ein klassisches ‚Konzept zur Innenstadtgestaltung‘, wo neben gestalterischen Fragen viele Rahmenbedingungen und Grundanforderungen an eine gut funktionierende und barrierefreie Innenstadt erfüllt werden müssen.“
Träumen darf man ja. In seinem ablehnenden Beschlussvorschlag stellt dann auch der Petitionsausschuss fest: „Ein Konzept zur Innenstadtgestaltung muss ganz viele Aspekte, Funktionen, Nutzungen, Erreichbarkeiten und Anforderungen betrachten, die sich allein mit künstlerischen Visualisierungen nicht darstellen lassen.“
Und dieser Ablehnung folgte dann auch die Ratsversammlung am 25. Februar.
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