Napoleon und Sachsen – das ist eine verzwickte Geschichte. Die auf einmal erstaunlich gegenwärtig wirkt, wenn Christoph und Heidi Pötzsch dieses Kapitel der sächsischen Geschichte einmal nicht nach den üblichen Lehrbüchern erzählen, die oft nur Leerbücher sind, weil sie Geschichte wie ein Schachspiel beschreiben – aber fast immer ignorieren, wie Menschen mit all ihren Stärken und Fehlern Geschichte „machen“, ahnungslos, was sie tatsächlich anrichten.
Und im Fall Napoleon kommt hinzu, dass der kleine Korse bis heute überhöht und verklärt wird. Als handelte er in einer anderen Kategorie, wo andere Regeln gelten und alles erlaubt ist, wenn Historiker nur mit glänzenden Augen über glorreiche Zeiten schreiben können. Das hat sich bis heute nicht geändert. Sodass man auch nicht sieht, wie diese „großen Männer“ in ihren Blasen agieren, blind für Not und Leid der Menschen, und am Ende an ihrer Eitelkeit scheitern, weil sie ihren Größenwahn für das Maß aller Dinge halten, die Widerständigkeit der Menschen und Verhältnisse aber völlig unterschätzen.
Wie es ja Napoleon am Ende tatsächlich ging, als seine imperialen Träume an der Realität scheiterten und an der simplen Tatsache, dass die Menschen die Nase voll hatten von Okkupation, Ausplünderung, Krieg und – ja – Größenwahn.
Wie ein König sich zum Narren machte
Und das, nachdem Napoleon auch von den Sachsen anfangs wirklich bewundert und bejubelt wurde. Trotz der Niederlage bei Jena und Auerstädt, wo Napoleons Armee nicht nur die Preußen besiegte, sondern auch die Sachsen. Hier beginnen auch Christoph und Heidi Pötzsch ihre Reise durchs napoleonische Sachsen, und besonders beleuchten sie die seltsame Beziehung von Friedrich August I., den Napoleon 1806 zum König machte.
Bis dahin galt Friedrich August als ein kluger und vorausblickender Herrscher. Er hatte Sachsen nach dem verheerenden Siebenjährigen Krieg wieder saniert, das Land abermals zur Blüte gebracht. Ein Herrscher, wie ihn sich die Sachsen nur wünschen konnten.
Und auf einmal war er wie verwandelt, als Napoleon ihn zum König machte und zum Bündnispartner. Fortan würde Friedrich August diesem Eroberer aus Frankreich völlig zu Willen sein, ihm seine Soldaten bewilligen und die Kontributionen zahlen. Und Napoleon treu zur Seite stehen bis in die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hinein, als er im Königshaus am Markt logierte, während ringsum die Schlacht tobte.
Wie ein braver Hund, der bis zuletzt an der Seite seines Herrchens bleiben musste. Der letzte der deutschen Fürsten, die Napoleon in dessen Rheinbund gedient hatten. Selbst dann nicht zum Abfall bereit, als nach dem katastrophalen Russlandfeldzug klar wurde, dass Napoleons Zeit abgelaufen war.
Christoph und Heidi Pötzsch versuchen, sich diese Unterwürfigkeit irgendwie zu erklären. War Napoleon so eine Art Ersatzvater für den deutlich älteren Friedrich August? Oder war der einfach völlig gebannt vom Auftreten des Franzosenkaisers, gebannt, wie auch heute ja bekanntlich viele Menschen von jenen Diktatoren sind, die genauso rücksichtslos agieren wie dereinst Napoleon?
Als ginge von diesen Typen ein besonderer Zauber aus, eine regelrechte Wahrnehmungsverschiebung, die aus einer Welt der Regeln und Gesetze ein Reich der völligen Verantwortungslosigkeit macht. Auf einmal hat man – scheinbar – Kerle vor sich, die mit der Welt spielen, als wären sie Götter.
Nur ein Truppenübungsplatz
Das ist das Faszinierende an der Herangehensweise, mit der Christoph und Heidi Pötzsch diese sächsische Napoleonzeit beschreiben. Wobei nicht nur dieser auf einmal so willenlose König ins Bild gerät, sondern auch das Volk selbst, dessen Begeisterung für Napoleon rasant abflaute. Nicht nur, weil Napoleon gar nicht aufhörte, immer neue Kriege zu führen und das Land auszupflündern. Sondern auch, weil die Blockade englischer Waren bis in den Alltag hinein schnell spürbar wurde.
Denn Sachsen war fest eingebunden in den Welthandel. Erfolgreich, wie wir wissen. Doch auf einmal gab es nicht nur keinen Kaffee mehr, ohne den die Sachsen bekanntlich nicht kämpfen können, sondern auch keinen Zucker. Und – obwohl offiziell Bündnispartner – wird Sachsen von Napoleon nicht anders behandelt als ein besetztes Land. Keine bürgerlichen Freiheiten, kein Code Civil. Stattdessen eine bleierne Zeit, die nur einer nicht wahrzunehmen schien: der König.
„Die folgenden Jahre werden für Sachsen zunehmend zur Last, denn das neue Königreich bedeutet für den Kaiser der Franzosen nur Flächenvergrößerung, Rückzugsraum und Geldquelle.“ Sachsen mutiert zu einer Art „Truppenübungsplatz“.
Aber es sind nicht nur die Schlachten, die Sachsen in der Napoleonzeit ins Licht der Geschichte rücken. Es ist auch ein diplomatisches Bravourstück, das am 26. Juni 1812 in Dresden stattfindet, als Clemens Wenceslaus Lothar von Metternich im Grunde zu Napoleon bestellt ist, um zu klären, ob Österreich noch an Napoleons Seite steht und ihn weiter in seinen Kriegen unterstützt.
Doch Metternich lässt den Kaiser ins Leere laufen, provoziert ihn acht Stunden lang. Ergebnis für Napoleon: nicht mehr als ein Waffenstillstand. Es ist der Moment, an dem klar wird, dass Napoleon nicht mehr das Spiel dominiert und künftig kein anderer die europäische Politik gestalten wird als ausgerechnet dieser analytisch hochbegabte Metternich.
Ein falsches Pfingsfest
Da steht der Russlandfeldzug noch bevor. Für den übrigens nur wenige Wochen zuvor ebenfalls in Dresden die Voraussetzungen geschaffen wurden, bei einem zweiwöchigen Fest, zu dem Napoleon praktisch alle Verbündeten eingeladen hatte – offiziell, um das Pfingstfest zu feiern. Aber hinter den Kulissen wurde dann wohl um die Truppenkontingente gefeilscht, die dann mit der Großen Armee nach Russland ziehen würden. Und dort dann elendig verrecken würden.
Und während sich nach diesem gescheiterten Russlandfeldzug die Kräfte sammeln, um Napoleon aus Deutschland zu vertreiben, erstaunt die hündische Ergebenheit des sächsischen Königs immer mehr. Während sich das Schlachtgeschehen immer mehr auf Sachsen konzentriert, wird Dresden noch vor Leipzig zum Kriegsschauplatz und hätte schon das Ende Napoleons bedeuten können, hätten die alliierten Befehlshaber nicht gezögert und gezaudert.
Das Ende der Geschichte kennt man. Samt den sächsischen Truppen, die in der Völkerschlacht die Seiten wechseln und damit ihren Gehorsam gegen den König aufkündigen, der ganz offensichtlich zu keiner sinnvollen Entscheidung mehr in der Lage ist. Am Ende liest sich das Buch wie ein Krimi, gerade weil es die Hauptpersonen mit ihren Eigenheiten, Vorurteilen, Selbstüberschätzungen und menschlichen Grenzen in den Fokus rückt – und damit auch zeigt, dass nichts von dem, was dann geschah, unausweichlich war.
Auch nicht die Gefangennahme des Königs und das Gefeilsche auf dem Wiener Kongress, wo es um die Frage ging, ob Preußen Sachsen komplett einverleiben durfte.
Stein des Anstoßes
Am Ende war es auch Metternich, der auf dem Kongress das geschrumpfte Sachsen rettete. Ein Sachsen, das durch das Zaudern seines Königs letztlich auf der falschen Seite stand. Wo aber heute mit dem Völkerschlachtdenkmal das beeindruckendste Erinnerungsmal an die damals blutigste Schlacht der Weltgeschichte steht. Ausgerechnet in Sachsen, das ja diesen Krieg bekanntlich verloren hat. Ein Siegesdenkmal? Nicht wirklich. Stein des Anstoßes ohnehin.
Und wer dachte, dass die Sachsen ihren so derart versagenden König nach seiner Rückkehr aus preußischer Gefangenschaft schneiden und verachten würden, der wurde eines Besseren belehrt. Vielleicht steckte im frenetischen Empfang für den düpierten König auch einfach die Erleichterung darüber, dass die finstere Kriegszeit tatsächlich zu Ende war und alle irgendwie überlebt hatten. Auch der König, der einfach nicht den Mumm hatte, einem charismatischen Diktator auch nur ein leises „Nein“ ins Gesicht zu sagen.
Und dass sich dieser sächsische Teil der Napoleongeschichte nicht nur auf die Herrscher beschränkt, machen in diesem Band die gar nicht unwichtigen Geschichten um Theodor Körner, Jean Victor Moreau oder „Napoleons Spionin“ Auguste Charlotte Gräfin von Kielmannsegge deutlich.
Und mit dem russischen Gouverneur Repnin-Wolkonski wird auch ein Stück der Nachkriegszeit sichtbar, die für die Sachsen glimpflich ausfiel, auch weil Repnin-Wolkonski ein Bewunderer der Dresdner Schönheit war.
Christoph und Heidi Pötzsch „Napoleon und Sachsen. Die große Katastrophe“ Tauchaer Verlag, Leipzig 2026, 15 Euro.
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