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Wann ist es Zeit, Bilanz zu ziehen? Von seinem Leben zu erzählen und dem, was wirklich wichtig ist? Was diesem Leben wirklich Sinn verliehen hat? Eigentlich, denkt man sich, hätte Richard Gauch noch jede Menge Zeit gehabt. Eigentlich ist er noch nicht im Memoiren-Alter. Aber er hat ein aufregendes Leben geführt, das inzwischen seinen Preis angemeldet hat.

Denn während die meisten Leipziger lieber mit ihrem Leben, der Zeit, der Politik und ihren Zumutungen hadern, hat sich Gauch gleich nach der Friedlichen Revolution gesagt: Du duckst dich nicht weg. Du bringst dich ein. Damit das eine menschlichere Stadt wird.

Und inzwischen kennen ihn vor allem alle, die sich in Leipzig für Menschlichkeit engagieren. Er hat ein ganzes Netzwerk von Mitstreitern und Helfern geknüpft. Und manchmal mischt er sich auch in die Stadtpolitik ein, wenn weder Verwaltung noch Stadtrat begreifen wollen, worum es geht, wenn es um Respekt für die Menschen ganz unten geht.

Die, die sich nicht wehren können, wenn Bürokraten Absagen erteilen, ihnen die Wohnung gekündigt wird oder sie beim „Schwarzfahren“ erwischt werden, weil sie nicht mal das Geld für die Straßenbahnfahrt haben.

Es geht um Courage

Es geht um ganz simple menschliche Courage. Da zu sein, wenn man gebraucht wird und helfen kann. Eben: Menschlichkeit. Die Richard Gauch auch im Handeln Leipziger Behörden nur zu oft vermisst, weil Sachbearbeiter sich an tote Paragrafen halten, die Schicksale der Menschen aber nicht sehen wollen, über die sie entscheiden. Ganz kurz tippt Gauch die Schritte in seinem Leben an, die ihn dazu brachten, sich zu engagieren. Freundlich, beharrlich, unermüdlich.

Denn eins hat er schon früh gelernt: Allein kann keiner etwas bewegen. Man muss die Leute überzeugen, muss sich Unterstützer suchen. So wie er es 2006/2007 tat, als die Ticket- und Abo-Preise der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) immer stärker zu steigen begannen. So stark, dass die Einkommen der ärmeren Leipziger und gerade jener in Sozialhilfe-Bezug nicht mehr mithalten konnten.

„Leipzig braucht ein Sozialticket!“ hieß die Kampagne, mit der der Stadtrat Stück für Stück überzeugt wurde, dass es für die Betroffenen dringend ein ermäßigtes Abo brauchte. Das gibt es inzwischen, auch wenn der Stadtrat mit der Verwaltung heftig darum ringen muss, dass die Leipzig-Pass-Mobilcard bezahlbar bleibt.

Aber es sind nicht nur solche Kampagnen, mit denen Gauch sich einen Namen machte. Denn wer seinen Sinn für Menschlichkeit nicht unterdrückt, den lässt auch Leipzigs löcherige Erinnerungskultur nicht kalt. Und so sah man Richard Gauch auch immer dabei, als es um die Initiierung der Gedenkmärsche für die Zwangsarbeiter in Leipzig ging, einen sichtbaren Erinnerungsort für sie oder ein Gedenken an die Verfolgung der Sinti und Roma, die genauso in die Vernichtungsmühlen der Nazis gerieten wie die Juden.

Der metallene Koffer im Leipziger Hauptbahnhof, der an die Deportation der Leipziger Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager der Nazis und die Rolle der Reichsbahn erinnert, wurde auf seine Initiative hin geschaffen.

Nicht Wegsehen

Denn Unmenschlichkeit beginnt mit Vergessen. Und mit Wegsehen. Und so lernen die Leser auch einen Teil von Gauchs Engagement kennen, der zwar in Leipzig viele Unterstützer fand, der sich aber in Ungarn und den Balkanstaaten manifestierte, wo sich Gauch mit seinen Mitstreitern um das Elend der heutigen Roma kümmerte, die in den dortigen Ländern noch immer diskriminiert werden oder – etwa in Ungarn – wie Aussätzige am Rand der Gesellschaft behandelt.

Da blieb es natürlich nicht aus, dass ihn zwei Leipziger Einladungen an hochrangige ungarische Vertreter zu den Lichtfesten 2012 und 2014 massiv verstörten. Wie kann man die Vertreter einer Regierung einladen, die derart massiv die Demokratie aushöhlt und für die Diskriminierung einer ganzen Volksgruppe verantwortlich war? Haben die Einladenden darüber nicht nachgedacht? Der Protest jedenfalls war deutlich.

Und Gauch blieb auch nicht untätig, als die Bundesrepublik und Leipzig ab 2015 vor eine Aufgabe gestellt wurden, die tatsächlich eine große Menge an Menschlichkeit brauchte, als Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan in großer Zahl nach Deutschland kamen und Unterkunft und Unterstützung brauchten. Nicht alle bekamen einen Aufenthaltstitel. Bei einigen agierte auch Leipzigs Ausländerbehörde hartherzig und gnadenlos, obwohl alle Gründe vorlagen, den Personen einen Aufenthaltstitel zu geben.

Richard Gauch findet zu diesem Agieren deutliche Worte. Denn es traf meist jene, die sich nicht wehren konnten – Frauen, Kinder, aber auch längst in Arbeit und Ausbildung Integrierte. Der zweite Teil des Buches erzählt die Schicksale dieser Menschen, denen Richard Gauch ganz selbstverständlicherweise half, oft ganz direkt, indem er ihnen Obdach bot, den Zugang zur Behandlung im Krankenhaus organisierte, selbst mitging aufs Jobcenter, in die Ausländerbehörde, zu den Kammern.

Denn viele der von Abschiebung Bedrohten, hatten eine belastbare berufliche Ausbildung. Nur hatten sie nicht die in Deutschland anerkannten Zertifikate. Mussten oft erst die Sprache lernen. Und Gauch erzählt das auch nicht als Ein-Mann-Geschichte. Denn so erreicht man nicht wirklich viel. Er erzählt auch von den Freunden und Mitstreitern, die ihn in dieser Zeit unterstützten.

Und von einer Politikerin wie Juliane Nagel, die ihre Möglichkeiten und Kontakte als Stadträtin und Landtagsabgeordnete nutzte, um ganz selbstverständlich zu helfen. Auch um sture Amtswalter zu überzeugen, dass „Dienst nach Vorschrift“ eine unmenschliche Option ist.

Das verletzliche Leben

Einige der Schicksale, die Gauch schildert, sind zutiefst tragisch. Das lässt auch den Helfer nicht ungeschoren. Denn wer so hilft, der baut auch persönliche Beziehungen auf und leidet mit, wenn das Ganze am Ende doch nicht gut ausgeht, alle Ämtergänge nichts nutzen und ein zuvor höchst motivierter Mensch trotzdem allen Mut verliert und zurückkehrt in ein Land, in dem er keine Zukunft mehr hat.

Da und dort kratzt Richard Gauch auch am schönen Außenbild der Stadt Leipzig und ihres Oberbürgermeisters, die sich so gern als weltoffen und hilfsbereit zeigen, während – ungesehen von der Öffentlichkeit – Menschen auf den Amtswegen scheitern, an gefühllosen Sachbearbeitern und der Abschiebepraxis des Freistaats Sachsen.

Wer sich so einbringt, jederzeit ansprechbar ist und ohne Zögern hilft, der lebt ein nicht gerade gesundes Leben. Es waren drei Herzinfarkte, die Richard Gauch letztlich daran erinnerten, wie verletzlich das Leben ist. Aber es ist genau der Widerspruch, in dem wir alle leben. Denn wirkliche Freundschaft, Vertrauen und Nähe erleben wir nur, wenn wir uns einbringen, helfen, wo wir können, die Menschen um uns tatsächlich als Menschen sehen und sie als solche behandeln.

Das fordert uns – unsere Gefühle genauso wie unser Herz. Und die Geschichten, die Richard Gauch erzählt, zeigen eben auch, wie sehr er bei jedem Hilfefall mit all seinen Gefühlen dabei war, mitfieberte, mitlitt, sich aber auch unbändig freuen konnte, wenn sich ein Schicksal zum Guten wendete.

Eine elementare Frage

In einem der letzten Kapitel geht er dann auf die Grundfrage unserer Zeit ein, nämlich: Wie erleben wir eigentlich Demokratie? Und was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn die Bürger immer wieder die Erfahrung machen, dass ihre Begehren abgelehnt, vergessen oder amtlich einfach vertrödelt werden? Wenn sich die Stimmung breitmacht: „Wir können ja doch nichts ändern.“?

Anlass ist für ihn der 2020 von Stadtrat beschlossene interreligiöse und interkulturelle Gedenkort auf dem Südfriedhof, den es bis heute nicht gibt, weil irgendjemand im Rathaus keine Lust hat, ihn umzusetzen. „Demokratie lebt davon, dass Entscheidungen Wirkung haben“, zitiert er seinen Freund Jonas. „Wenn Beschlüsse folgenlos bleiben, dann lernen die Menschen etwas Gefährliches.“ Und das ist nun einmal, „dass Beteiligung nichts bringt“.

Letztlich formuliert Gauch nur zu berechtigte Fragen: „Was bedeutet ein Beschluss, der nicht umgesetzt wird? Was bedeutet Demokratie, wenn ihre Ergebnisse im Alltag verschwinden? Und was passiert mit einer Gesellschaft, die merkt, dass Worten keine Taten mehr folgen?“

Alle brennende Fragen. Die in diesem Fall einer stellt, der sich nie auf die Politik und ihre Gremien verlassen hat, der früh für sich entschieden hat, dass Menschlichkeit damit beginnt, dass man sich selbst engagiert und hilft, wo einer helfen kann. Der eben nicht nur sagt, dass „Wegsehen keine Option ist“, sondern weiß, dass eine Gesellschaft erst dann wirklich funktioniert, wenn ihre Mitglieder sich einbringen, das Scherflein dazu beitragen, das sie beibringen können.

Die einfach da sind, wenn jemand gebraucht wird, der mit anpackt, der tröstet, berät. Oder mitgeht auf den Gedenkmärschen oder am 9. November die Stolpersteine in Leipzig putzt. Es sind oft ganz kleine Taten, die in ihrer Summe etwas Großes ergeben. Und vor allem eine Botschaft tragen: Dass wir nicht zur Tatenlosigkeit verdammt sind.

Das wünschen sich einige Leute. Das wäre ihnen nur recht, wenn alle stillhielten und die amtlichen Abläufe nicht störten. Aber Gauch macht mit seinem Buch letztlich sichtbar, dass Demokratie genau davon lebt, dass Menschen helfen und sich zu Wort melden. Und auch Stadträte und Verwaltungen nerven, wenn die Dinge in die falsche Richtung laufen. Ein ermutigendes Buch, auch wenn man dabei merkt, wie aufreibend so ein Leben ist, wenn einer einfach nicht ruhen kann, wenn er weiß, dass seine Hilfe dringend gebraucht wird.

Richard Gauch „Weil Wegsehen keine Option ist“ bookra Verlag, Leipzig 2026, 20 Euro.

Die Buchpräsentation mit Petra Pau, Aladár Horvath und Jakob Springfeld gibt es am 9. Oktober um 18 :00 Uhr in der Galerie KUB.

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