Es war nicht nur die Science-Fiction des 20. Jahrhunderts, die den Beginn des 21. Jahrhunderts wie ein Wunder der Technik beschrieb. Der Weltraum wäre längst erobert, die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen. Und wir alle würden in glänzenden Städten leben mit futuristischen Transportmitteln und hilfreichen Robotern. Solche Bilder malten auch die Schulbücher. Und selbst in Zeitungen und Magazinen wurde eine Zukunft gemalt, in der Technik alle Probleme der Menschheit gelöst hätte. Höchste Zeit zum Nachfragen. Was sagen die Autoren der Gegenwart dazu?

Der Anlass ist klar: Ein Vierteljahrhundert ist herum seit jener Silvesternacht, als alle gebannt darauf warteten, dass die Computerprogramme reihenweise abstürzen würden. Eigentlich so ein richtig typisches Silvester: Statt zu feiern und froh zu sein, dass man wieder ein glückliches Jahr erlebt hat, runzelte man die Stirn, schaute nach dem nächsten Unglück aus. Und die Unglücke ließen ja nicht auf sich warten.

Das ist dann so ungefähr auch der Tenor der meisten Beiträge zum Titelthema im Palmbaum, in denen die angefragten Autorinnen und Autoren auf das schauen, was nun tatsächlich aus dem Beginn des dritten Jahrtausends geworden ist.

Ende der Geschichte?

Rolf Schneider zum Beispiel beschäftigt sich mit einem Mythos, der just nach den Friedlichen Revolutionen von 1989/1990 in die Welt gesetzt wurde: dem Mythos vom „Ende der Geschichte“. Das hatte der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama zwar nicht ganz so gemeint. Aber das Zitat war wirkmächtig. Besonders bei Politikern, die jetzt tatsächlich glaubten, fortan wäre Schluss mit der Konfrontation der Blöcke, der Kapitalismus habe auf ganzer Linie gesiegt. Jetzt könne man abrüsten, weil kein Gegner mehr da sei.

Welch ein Irrtum.

Aber darum geht es eigentlich in fast allen Texten: um die Bereitschaft der Menschen, lieber Mythen und Hirngespinsten nachzulaufen und dabei die Realität völlig aus den Augen zu verlieren. Bis sie einen einholt mit Terroranschlägen, Kriegen, Sturmfluten, Hitzewellen. Oder Tech-Bossen, die mit aller Macht versuchen, die irrsten Utopien des 20. Jahrhunderts tatsächlich in die Welt zu setzen und damit einen Riesenreibach zu machen. Mit Folgeschäden, die natürlich in den SF-Büchern in der DDR nicht vorkommen.

Nicht vorkommen sollten. Woran Heidrun Jänchen erinnert, die ihre Leseerfahrungen aus der Kindheit rekapituliert und die Faszination der utopischen Literatur noch einmal wachruft. Einer Literatur, die ja im Grunde die Utopie des Landes selbst in Bilder fasste – so schön würde die Welt des siegreichen Kommunismus sein.

Träume, die man in den 1960er Jahren durchaus noch teilen konnte. Aber schon in den 1970ern bekam diese Utopie tiefe Risse. Und einige nicht angepasste Autor/-innen schrieben dann auch Romane, die diese sozialistische Zukunftsidylle hinterfragten, Franz Fühmann z.B. oder die Steinmüllers. Sie schrieben ihre störrischen Bücher in einer Zeit, in der im Westen schon die Stimmung – zumindest bei den SF-Autoren – gekippt war.

Denn dort dominierten längst die Dystopien die neue Produktion der Science-Fiction. Was so nebenbei daran erinnert, dass beide Lager gestartet waren mit wilden Hoffnungen auf eine herrliche Zukunft mit faszinierender Technik. Beide Lager ignorierten die Folgeschäden ihres wilden Ressourcenverbrauchs. Und die Irrationalität der Macht ohnehin.

Handeln ohne Zukunft

Doch wer die SF dieser Zeit liest, weiß: Die hellsichtigen Autoren der SF sahen, was kam. Sie lasen die Entwicklungen ihrer Zeit und schrieben sie bis zur katastrophalen Konsequenz fort. Und auch hier kann man nur hinschreiben: Wir haben es alle wissen können. Doch Politiker stellten sich doof, taten so, als hätte ihr Handeln genauso wenig Folgen für die Zukunft wie das Agieren völlig entfesselter Mega-Konzerne.

Herzlichen Glückwunsch.

Wie blöd kann eine Spezies eigentlich sein?

Aber im Grunde weist ja Rolf Schneider in seinem Beitrag „Mythos Zeit“ darauf hin: Die meisten Menschen glauben nur zu gern, wenn ihnen ein blendender Mythos schmackhaft gemacht wird. Und wenn es dann anders kommt, verschwinden die Utopien in aller Stille. Was bleibt – so sieht es der Philosoph Jürgen Große –-ist blanker Zynismus. In Ost wie West. Wobei Große den Regierungen im Osten per se zynisches Regieren attestiert. Denn sie wussten, wie es um das Land stand. Und verkauften trotzdem weiter die Bilder einer längst erledigten Utopie.

Politik ohne Zukunft

Wie sehr sich die Bilder von der Zukunft in den Generationen unterscheiden, macht dann Nancy Hünger deutlich, die gar nicht erst mit den schönen Raketen-Romanen der 1950er Jahre aufgewachsen war: „Ich hatte keine Erwartung ans 21. Jahrhundert, außer den Weltuntergang …“

Natürlich verlieren die Menschen ihre Bilder von Zukunft, wenn selbst Politik und Medien solche Bilder nicht mehr kennen, wenn sich nur noch durchgewurstelt und irgendwie krampfhaft das Bestehende geflickt wird. Das produziert nicht nur Enttäuschungen, sondern auch das Gefühl der Machtlosigkeit. „Ich habe keine Erwartungen“, bringt Nany Hünger dieses Gefühl auf den Punkt, „ich hoffe nur, dass wir alle irgendwie hindurchkommen, bevor uns die Vergangenheit restlos verschluckt.“

Aber aufgeben ist nicht, stellt Steffen Mensching fest, der im Nachhinein auch den Fatalismus seines Vaters verstehen kann, mit dem er als junger Mann haderte, weil er noch immer hoffte, Rosa Luxemburg könnte recht gehabt haben. In gewisser Weise hat sie das auch: Die Krisen unserer Zeit kann man durchaus als „Rückfall in die Barbarei“ interpretieren. Und auch Wilhelm Bartsch hat so seine Zweifel, ob die Menschheit überhaupt noch zu Zukunft fähig ist: „Humanität und gute Sitten scheinen vor unseren Augen noch viel schneller als die Gletscher dahinzuschmelzen.“

Aber er sieht es ähnlich wie Mensching: Wer sich das alles gefallen lässt, hat gar nichts verstanden. Er zitiert Margot Friedländer: „Seid nicht gleichgültig!“

Im Zeitalter der Kontrollwut

Das betrifft auch Staat und Politik, die sich vor unseren Augen in feudale Konstrukte verwandeln, in denen es schlichtweg keine Empathie und keine Zukunft mehr gibt. Stattdessen – wie Kathrin Schmidt anmerkt – „Terrorismusbekämpfung, Rasterfahndung, Antiterrordatei, Luftsicherungsgesetz, biometrische Reisepässe“.

Die Kontrollsüchtigen haben das Ruder übernommen und pflanzen das Misstrauen in den Menschen tief in Gesetze und Gesellschaft. Da sind wir nun. Dabei verbreitet selbst Lutz Rathenow so etwa wie Hoffnng, dass all der alte Schrott doch irgendwie vergeht und uns dennoch diverse Zukünfte möglich sind, auch wenn wir nicht wissen, welche.

Dass es hoffentlich nicht die Zukunft ist, in der die KI die Regler übernimmt, darüber denkt Wolfgang Haak nach, der die Leser daran erinnert, dass es nicht die Künstliche Intelligenz ist, die fähig ist zum neuen und kreativen Denken, sondern die natürliche. Die, die jeder von uns im Kopf trägt – allein dass die meisten nur zu bereit sind, sie gar nicht zu benutzen.

Und dass es auch heute noch positive Zukunftsentwürfe gibt, daran erinnert Jens-Fietje Dwars, der die Romane von Sibylle Berg würdigt, in denen sie eine neue Revolution schildert, die zum Ziel hat, jedem Menschen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen. Das ist das Undenkbare, das heute in der Politik so schamlos an den Rand gedrängt wird.

Leben ohne Zukunft?

Diese Texte zum Titelthema des aktuellen Palmbaum-Heftes regen an, über etwas nachzudenken, was uns irgendwie völlig abhanden gekommen ist: unsere Zukunft. Wir stecken in einer Welt fest, die nichts mit dem zu tun hat, was sich die SF-Autoren aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ausgemalt haben. Ernüchtert, demotiviert und desillusioniert. Aber vielleicht müssen wir genau da durch, um jetzt zu lernen, wie verheerend die technologischen Träume des 20. Jahrhunderts waren. Und wie die Mythen vom „Ende der Geschichte“ in die Unfähigkeit gemündet sind, Geschichte überhaupt noch als gestaltbar zu verstehen.

Autsch. Natürlich ist das verboten.

Dax würde ja das Bestehende infrage stellen. Und vielleicht mal wieder uns Menschen mit unseren tatsächlichen Träumen in den Mittelpunkt stellen. Kaum auszudenken, was das für eine Politik wäre.

Dass das etwas mit der „Verteidigung der Kultur“ zu tun hat, darauf geht Friedrich Dieckmann in seinem Essay „Zur Frage der Nationslkultur“ ein – in dem er den ganz großen Bogen schlägt bis zur Aufklärung und dem immer wieder abgewürgten Bemühen von Autoren der Spitzenklasse, dieses Land daran zu erinnern, dass es nicht um Farben, Parolen und steife Gesänge geht, sondern um den Menschen. Und einen menschlichen Begriff von „Nation“.

Aber das Wort Nation geistert so sinnentleert durch die Debatte, dass es nicht wundert, dass wir uns eben nicht als Nation empfinden. Denn das würde das Gemeinsame und Gemeinschaftliche voraussetzen, das in den wilden Diskussionen um Werte und „Leitkultur“ geradezu zerhackstückt wird. Verinnerlicht haben es unsere Politikdarsteller schon, dass man gut regieren kann mit „Teile und herrsche“.

Nur am Ende bekommt man dann eben nur einen Haufen Gehacktes, lauter vereinsamte Akteure und eine Klientelpolitik, die einfach nur noch frustriert. Die aber keine Zukunft kennt. Nur ein schäbiges Immer-weiter-so. Stoff zum Nachdenken, handlich, anregend. Ergänzt – wie immer – um neue Gedichte, kleine Prosastücke und eine Menge Rezensionen aktueller Litertatur.

„Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen“, Heft 1/2026, quartusa Verlag, Bucha bei Jena 2026, 13 Euro.

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