Eigentlich geht es ganz behäbig los. Martin ist Anwalt, betreibt eine kleine Kanzlei. Aber so richtig viel Geld wirft sie nicht ab. Weshalb er regelrecht happy ist, als er eines Tages die Stellenanzeige eines Unternehmens aus der Spielebranche liest, mit der ein Anwalt für Internetrecht gesucht wird. Das passt nicht nur wie die Faust aufs Auge, die Stelle wird auch gut bezahlt. Und irgendwie sieht der Laden, als Martin seinen ersten Arbeitstag beginnt, wie ein typisches Start-up aus. Locker, cool, erfolgreich. Der Chef des Ladens scheint den richtigen Riecher für die Branche zu haben.
Dash heißt das Unternehmen, kaum einer kennt es, auch wenn dessen Online-Spiele auf vielen Handys und Computern laufen und augenscheinlich die Konkurrenz regelrecht vom Markt drücken. Ein Drache ist das Markenzeichen. Aber ansonsten scheint Dirk, der betont lässige Inhaber von Dash, keinen Wert auf die übliche Unternehmensdarstellung zu legen.
Denn das Geschäft wächst. Und Martin braucht eine Weile, um zu begreifen, dass das ganz und gar nicht mit besonders cleveren Spielideen oder einer besonders tollen Grafik der Spiele zusammenhängt. Sondern einfach mit einem Geschäftsgebaren, das einige der heutigen Online-Branchen markiert.
Denn die geltenden Gesetze in den Staaten der Erde sind für eine analoge Welt geschrieben und formuliert. Nicht für eine digitale Welt, in der sich bei etlichen Akteuren die Überzeugung etabliert hat, dass die Regeln der realen Welt hier nicht gelten.
Und Dash treibt es auch gegenüber ähnlich skrupellosen Konkurrenten auf die Spitze, klaut und kopiert, wo immer es geht. Und lockt die – vor allem jungen – Spieler mit zusätzlichen Waffen und Werkzeugen, die man direkt im Spiel kaufen kann. Die stecken in sogenannten Lootboxen, Beuteboxen also, von denen die Spieler aber vor dem Kauf nicht wissen, was drinsteckt.
Geschäfte mit der Spielsucht
Es ist das reine Glücksspiel. Und es fixt natürlich genau das an, was junge Leute in diese Spielwelt zieht – die Spielsucht. Doch während jedes reale Spielcasino behördlich kontrolliert ist, tun sich die Behörden schwer, dieselben strengen Maßstäbe auch im Internet anzuwenden.
Eine Tatsache, die Dirk und seine Game-Programmierer rücksichtslos ausnutzen. Sie tricksen nicht nur mit den Lootboxen, die treiben auch die Preise in unverschämte Höhen, was dem Unternehmen unerhörte Gewinne verschafft, während Eltern von spielverrückten Kindern auf einmal mit Rechnungen konfrontiert sind, die sie oft gar nicht bezahlen können.
Es ist auch ein Buch gegen die Lethargie unserer Zeit. Denn Michael Hummel taucht mit Martin tief hinein in die finsteren Geschäfte von Dash, die den jungen Anwalt in tiefe Gewissensnöte stürzen. Eine Zeit lang kann er das verdrängen, fühlt sich dem Unternehmen verpflichtet, das ihn bezahlt, und organisiert die rechtliche Verteidigung von Dash gegen Abmahnungen, Anklagen und Attacken aus der Presse.
Nur dass er dabei eigentlich sein anwaltliches Gewissen völlig ignorieren muss, denn Dash kämpft auch hier mit unlauteren Mitteln, reagiert mit Gegenabmahnungen, teuer bezahlten Anwaltskanzleien und der Androhung von Schadensersatz.
Ein Bild, das einem sehr vertraut vorkommt. Denn unser Rechtssystem schützt nicht wirklich die Schwachen. Wer über viel Geld verfügt, kann sich sein Recht regelrecht erzwingen, kann Gegner einfach dadurch plattmachen, dass man länger durchhält und die teureren Anwälte bezahlen kann. Und sogar das sorgt innerhalb von Dash für Bewunderung für Dirk.
Selbst Martin äußert sich immer öfter so, würdigt das Genie des Unternehmensinhabers, jede noch so kleine Lücke in den Gesetzen aufzuspüren und letztlich mit blanker Unverschämtheit gegen Konkurrenten, Kritiker und Kunden vorzugehen.
Ein riesiges Glücksspiel
Und auf jedes geäußerte Bedenken aus der Rechtsabteilung, in der Martin arbeitet, reagiert die Unternehmensführung letztlich mit Schulterzucken. Selbst dann, wenn die „Verbesserungen“ an den Spielen eindeutig kriminell und strafrechtlich relevant sind.
Stattdessen wird jedes Mal noch ein Zahn zugelegt, werden die Preise erhöht. Auch wenn es Martin an keiner Stelle so formuliert: Dash selbst ist letztlich ein riesiges Glücksspiel – so wie viele Unternehmen, die sich im miserabel regulierten Online-Kosmos tummeln.
Allein schon die astronomischen Summen, die man da verdienen kann, indem man einfach alle irdischen Gesetze ignoriert, locken und verführen regelrecht zu Hasardpraktiken.
Und je länger Martin im Unternehmen ist, umso rücksichtsloser werden diese Praktiken. Die Rechtsabteilung wird regelrecht geflutet mit Rechtsfällen, um die sie sich kümmern muss. Und Martin bleibt trotzdem bei der Stange, obwohl ihm schon bald die pure Zahl der Fälle über den Kopf wächst und eines Tages die Steuerfahndung im Haus ist, Akten einkassiert und Festplatten kopiert.
Irgendjemand hat der grimmigen Behörde, die nie ohne Anlass mit ihrer Hundertschaft ausrückt, ganz offensichtlich nicht nur einen Tipp gegeben, sondern genug Material, dass der Staatsanwalt weiß, wonach er suchen muss.
Die Razzia sorgt für Aufsehen, verängstigt logischerweise auch Martins Frau Daniela, die Kinder und die Eltern. In was für einem Unternehmen arbeitet er denn da? Sollte er nicht schnellstmöglich kündigen? Wie kann er das mit seinem Gewissen vereinbaren?
Der schöne Schein
Nur stecken Martin und Daniela in der Klemme, denn sie haben sich eine große, luxuriöse Wohnung zugelegt, die sie sich nur leisten können, weil beide überdurchschnittlich verdienen. Wenn Martin kündigt, ist das so ersehnte Lebensmodell passé.
Und so bleibt Martin an Bord, viel zu lange, wie man als Leser erfährt. Längst springen ihm wichtige Kollegen ab oder halten den massiv wachsenden Arbeitsdruck nicht mehr aus. Die Geschäftsführung ist praktisch unerreichbar, reagiert auf keine Warnung, während jede neue wilde Aktion neue Fluten von Klagen und Abmahnungen mit sich bringt.
Von der schönen Gemächlichkeit, mit der der Roman begann, ist nichts mehr geblieben. Im Grunde fiebert man die ganze Zeit mit, fragt sich, wann Martin endlich die Reißleine zieht. Zuletzt wird er selbst zum Beschuldigten. Der ersten Razzia folgen vier weitere. Dash kommt gar nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus. Nur die Geschäfte scheinen weiter bestens zu laufen. Auch wenn erste Anzeichen auftauchen, dass das vielleicht doch nur schöner Schein ist.
Michael Hummel erzählt so dicht und fiebernd, dass man ihm durchaus zutraut, genau so etwas oder etwas Ähnliches selbst schon erlebt zu haben.
Es ist eine exemplarische Geschichte für eine ganze Reihe von Internet-Unternehmen, die mit windigen Geschäftsideen zeitweilig Erfolg hatten, in den Medien für Bewunderungselogen sorgten und dann am Ende kollabierten, weil die Wetten auf immer neue Erfolge schlichtweg nicht aufgingen.
Das Finale
Oder weil letztlich die Staatsanwaltschaft einmarschierte und dem Ganzen ein Ende bereitete. Was aber eher die seltene Ausnahme ist. Denn gerade die Behörden, die die wilden Umtriebe im Internet sanktionieren müssten, sind personell auch in Deutschland viel zu schlecht ausgestattet und müssen sich selbst an Regeln halten, die ihre Arbeit eher erschweren und dafür sorgen, dass sie den wilden Geschäftspraktiken in einigen Bereichen des Internets immer nur hinterherhinken.
Letztlich taucht der Leser tief ein in die zunehmenden Gewissenskonflikte, die Martin mit sich und Daniela auskämpfen muss. Was erträgt er? Wie sehr ist er bereit, sich dem Unternehmen, an dem er doch irgendwie hängt, zu opfern?
War Dash nicht mal eine richtig gute Idee, ein Unternehmen, das gezeigt hat, wie man Erfolg haben kann? Oder war dieser Erfolg von Anfang an ein Trug, der nur deshalb funktionierte, weil Dash einfach die simpelsten Regeln ignorierte und mit aller Macht die Konkurrenz vom Markt drängte?
Fragen, die sich am Ende alle beantworten, in einem großen Finale, das an ganz ähnliche Finalrunden anderer Unternehmen erinnert, die von den Medien gefeiert wurden, solange aus den Presseanteilungen lauter Jubelmeldungen kamen.
Bis die schöne „Geschäftsidee“ dann an den Realitäten zerschellte, die cleveren Gründer im Nirwana verschwanden und nur noch die Legende blieb eines dereinst so erfolgreichen Unternehmens, das zuletzt am eigenen Größenwahn scheiterte.
Michael Hummel Lootbox sisifo / Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, 24,95 Euro
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