Es ist ein Trumm von Buch, es ist ein Trumm von Leben, das die russischsprachige Autorin Gusel Jachina hier vorgelegt hat: das ganze Leben des berühmtesten sowjetischen Regisseurs – Sergej Eisenstein (1898–1948). Ein Leben wie ein Film, könnte man meinen. Auch wenn es Eisenstein selbst so nicht empfunden haben mag. Aber Jachina macht genau das aus seinem Leben. Wer eintaucht in diesen Roman eines rasenden Lebens, der erlebt Eisensteins Aufstieg und Fall wie einen seiner eigenen Filme.

Dort, wo Eisenstein sich auf die Genialität seines bevorzugten Kameramanns Eduard Tissé verlassen konnte, entfaltet Jachina die Szenen aus Eisensteins Leben mit opulenter Sprachgewalt, taucht ein in das Fühlen, Träumen, Fürchten und Fantasieren des Mannes, der mit seinem Film „Panzerkreuzer Potjomkin“ von 1925 die Filmwelt revolutionierte und weltweit berühmt wurde. Das noch blutjunge Medium Film trifft auf die junge russische Revolution.

Doch bis heute ist es überwiegend dieser Film, an den man beim Erwähnen von Eisenstein denkt. Man sieht die große Treppe von Odessa vor sich, die Soldaten, die die Menschen vor sich hertreiben, den einsamen Kinderwagen, der die Treppe hinabrollt … Eindrucksvolle Bilder, die zeigen, wie Eisenstein die Wirkung des Mediums Film als einer der ersten begriff. Im Guten wie im Bösen, muss man sagen. Denn Jachinas Roman ist auch ein Roman über moderne Manipulation, über den aufkommenden Stalinismus, die Undurchschaubarkeit von Zensur und die Vergänglichkeit kühner Erfolge.

Traum und Niederlage: Mexiko

Und natürlich einer über das Leben dieses Mannes, der zeitlebens nie aus der bizarren Beziehung zu seiner Mutter herauskam, von Frauen umschwärmt wurde und trotzdem mit keiner Frau wirklich das erleben konnte, was man so Liebe nennt. Vielleicht wirklich deshalb, weil er völlig besessen war von seiner Profession, die er wie eine Mission verstand. Nur dass es einfach keinen Ort auf der Erde gab, der diesem von Schaffensdrang gequälten Genie tatsächlich einen adäquaten Wirkungsbereich bieten konnte. Auch wenn es 1930 so aussah, als könnte er in Hollywood so einen Ort finden.

Es war der Auftakt für eine dreijährige Abwesenheit von Russland, die vor allem dadurch zustande kam, dass der berühmte amerikanische Autor Upton Sinclair ein Filmprojekt finanzierte, mit dem Eisenstein – wieder einmal – die Filmwelt revolutionieren wollte. Und es in gewisser Weise auch tat. Auch wenn „Que viva Mexico!“ auch im sehr rudimentären Wikipedia-Artikel als „unvollendet“ vermerkt ist. Denn Eisenstein und seine Mitstreiter mussten nach der furiosen Bilderjagd in Mexiko ohne das Filmmaterial nach Moskau zurückkehren. Es gibt zwar dann die in Amerika hergestellten Versionen des Films.

Aber Gusel Jachina schildert ja in ihrem Roman sehr eindringlich und furios, wie Eisensteins Filme letztlich erst im Schneideraum entstanden, wenn er aus den Bergen von Filmaufnahmen jene Szenen zusammenschnitt, die dann erst das eigentliche Kunstwerk ergaben. Ein Mexiko-Film, den Eisenstein selbst hätte schneiden können, wäre anders geworden, noch furioser, das bestimmt.

Wenn das Herz rebelliert

Aber Jachinas Roman erzählt eben auch davon, wie Eisenstein immer wieder scheiterte, seine Filmprojekte nicht genehmigt bekam und auch mit denen, die er umsetzen durfte, immer wieder an der undurchschaubaren sowjetischen Zensur scheiterte – scheitern musste. Auch wenn er nach „Alexander Newski“ und „Iwan der Schreckliche“ mit dem Stalinpreis ausgezeichnet wurde.

Doch zu diesem Zeitpunkt war er schon eine persona non grata, wurde gemieden. Und wohl berechtigt fürchtete er, alsbald in die Mühlen der GPU (bzw. zu diesem Zeitpunkt schon des NKWD) zu geraten und – wie sein großes Vorbild Meyerhold und sein Freund Babel – erschossen, verbrannt und verscharrt zu werden.

Aber er war letztlich auch todkrank. Sein Herz rebellierte – auch gegen den Stoff, den er dreiteilig verfilmen wollte, gesegnet mit der Erlaubnis von Stalin selbst. Das große Finale in Jachinas Buch ist von diesem Ringen Eisensteins mit dem Iwan-Grosny-Stoff geprägt. Denn natürlich glomm dahinter die Frage: Wollte sich Stalin selbst in dieser finsteren Zarengestalt wiederfinden? Vorbildhaft auch in dessen gnadenloser Brutalität? Oder wäre genau das der sichere Untergang des berühmten Regisseurs geworden? Wie fasst man so eine finstere historische Persönlichkeit, ohne sich selbst um Kopf und Kragen zu bringen?

Wie man sich Geschichte zurechtbiegt

Und da wird etwas sichtbar, was Gusel Jachina geradezu beiläufig nach einer Szene erzählt, in der Eisenstein den damals noch mächtigen Mosfilm-Boss Schumjazki (der wenig später erschossen wird) lächerlich gemacht hat. Denn hier erörtert sie farbenreich, warum Eisensteins Art, historische Stoffe im Film zu verwandeln, mit etwas korrespondiert, was mit der Stalin-Ära auch den Umgang der Mächtigen mit der Geschichte bestimmte. Von fernher lässt hier George Orwells „1984“ grüßen.

Denn Orwell hatte die Funktionsweise des Stalinismus sehr genau unter die Lupe genommen – mitsamt ihrer Propaganda und ihrer unverfrorenen (aber politisch eingesetzten) Verfälschung der Geschichte. Geschichte wurde passend gemacht.

Oder mit den Worten Jachinas: „Echte Kunst war Gift für die sowjetische Geschichte. Das begriff man bald. Das Land brauchte keine Kunst, sondern Surrogate, nahrhaft wie Margarine, hergestellt nach allen Regeln der Massenküche. Wie Eisenstein es tat. Und wenn ein Koch dem Gericht eine Prise Kunst hinzufügte, dann in Maßen und nur für etwas schärferen Geschmack. Wie Eisenstein es tat.“

Man schneiderte sich die Geschichte passend zurecht, erfand sie auch neu, wenn sie nicht passte. Nicht das, was wirklich geschehen war, zählte, sondern das, was in wuchtiger Inszenierung nun über die Leinwände flimmerte. Jachina: „So wie Eisenstein den Führer der Revolution neu erfand, so frei ging er auch mit deren Geschehnissen um. Er war der Erste, der im Film historische Tatsachen missachtete. Der sie abänderte, sowjetisierte, neugestaltete und anpasste.“

Und nicht nur das. Denn zur jetzt etablierten offiziellen Geschichtsfälschung gehörte auch die Retusche: „Zweimal schnitt er aus Episoden der Revolution Trotzki heraus, so wie ein Chirurg einen entzündeten Blinddarm entfernt und in der Schule mit medizinischem Abfall wirft. Diese unkomplizierte Chirurgie eigneten sich jetzt viele an, denn in der sowjetischen Kultur kam man ohne Metzgerfertigkeiten nicht mehr aus.“

Die Macht und die Angst

Aber Eisenstein erlebte eben auch, wie die gnadenlose Zensur und Stalins Säuberungen die kurze Zeit eines kreativ überschäumenden Russlands beendeten. Eine Zeit, in der Künstler wie Meyerhold, Majakowski und Eisenstein geschätzt wurden. Doch mit Stalins zunehmender Etablierung an der Macht war diese Zeit zu Ende, wich der lähmenden Periode der „Säuberungen“, denen jeder zum Opfer fallen konnte. Das wusste auch Eisenstein, der lange Perioden der Verzweiflung und der Unfähigkeit zum Arbeiten erlebte, nur um sich dann wieder manisch ins nächste Filmprojekt zu stürzen, noch immer mit der Ambition, neue, nie gesehene Lösungen für die filmische Umsetzung zu finden.

Bis hin zur Arbeit an jenem „Iwan der Schreckliche“, der letztlich Fragment bleiben würde, offiziell aus dem Verkehr gezogen. Der Regisseur – war er jetzt in Ungnade gefallen? Würden ihn die Leute von der GPU (bzw. dem NKWD) jetzt abholen – direkt von der Feie zum Stalinpreis?

Dort erlebt Eisenstein seinen Zusammenbruch, mit dem Gusel Jachina bildgewaltig in ihren Roman einsteigt und mit dem sie ihn auch ausklingen lässt, bevor sie Eisensteins Lebensgeschichte noch ein zutiefst zynisches Loblied auf den „Herrscher“ folgen lässt. Das man – mit dem Wissen um die Gegenwart – nicht nur auf Stalin beziehen kann. Denn ganz bewusst widmet Gusel Jachina ihr Buch „Kasachstan, dem gastfreundlichsten Land“, wo sie heute lebt und arbeitet.

Und Romane schreiben kann wie diesen, der eben nicht nur das zerfetzte Leben eines Sergej Eisenstein erzählt, dem am Ende das Herz versagt – da ist er gerade 50 Jahre alt. Denn in diesem Eisenstein zeigt sie auch den zerrissenen Menschen und Künstler, der genau weiß, dass er alle Talente hat, dem „Großen Führer“ genau die Filme zu produzieren, die dieser sich zur Verherrlichung seiner Macht wünscht.

Ein besessenes Leben

Doch genau das kann dieser kleine, übergewichtige Regisseur nicht. Da rebelliert sein Herz. Da spürt er die Abgründe, die sich vor ihm auftun, ganz körperlich – bis hin zur völligen Unfähigkeit zur Arbeit. So farbenreich und intensiv hat bisher noch kaum ein Autor versucht, das Leben von Menschen zu zeichnen, die in einer so durchschaubaren wie unberechenbaren Diktatur wie der Stalins nicht nur zu leben versuchten, sondern auch Kunst zu machen mit dem stillen Anspruch, dabei sich selbst nicht zu verraten.

Auch wenn sie – wie Eisenstein – historische Stoffe umkrempelten, bis eine völlig neue Erzählung daraus wurde. Kinogerecht, aufwühlend oder – wie in „Iwan der Schreckliche“ – niederschmetternd. Und leider dem großen Zensor so gar nicht gefallend.

Sodass die Lebensbilanz dieses berühmten Regisseurs nicht nur durchwachsen ist, sondern über lange Strecken geradezu frustrierend. Nur für den Leser nicht, der mit Gusel Jachina regelrecht eintaucht in das turbulente und von der Arbeit geradezu besessene Leben Eisensteins. Der hier zu einer aufwühlenden Romangestalt wird, denn die Intensität, mit der Jachina seine Lebensstationen schildert, ist die Intensität der Erzählerin, die mit all ihrer Erzählkunst eintaucht in Eisensteins Leben und sich hineinfühlt, bis man selbst der jagende, verzweifelte, euphorische und unbelehrbare Eisenstein wird.

Ob es im Leben des Berühmten tatsächlich so war? Wer weiß? Manchmal braucht man die lebenserfahrene Fantasie einer solchen Autorin, um sich tatsächlich einfühlen zu können in so ein zerrissenes Leben. Und einen guten Übersetzer, der das Buch dann auch noch mit gleicher Wucht ins Deutsche übersetzt, wie es Helmut Ettinger getan hat.

Gusel Jachina „Eisen“ Kanon Verlag, Berlin 2026, 32 Euro.

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