Das Buch ist so aktuell wie in seinem Erscheinungsjahr 1968. Nicht nur wegen der ganz speziellen Beziehungen Deutschlands zu Russland, die Sebastian Haffner damals für den Zeitraum 1917 bis 1967 beschrieb. Quasi zum Jubiläum einer engen Verstrickung, die 1917 mitten im Ersten Weltkrieg begann, als die deutschen Generäle einen gewissen Lenin im verplombten Zug aus der Schweiz Richtung Finnland fahren ließen, damit er in Russland die Revolution auslösen konnte.
Ein Ereignis, das etwas sichtbar macht, was Geschichtslehrbücher meist ausblenden: dass hinter vielen historischen Vorgängen sehr oft sehr spezielle Interessen und Denkweisen stecken.
Oder so formuliert: Oft versteht man das, was historisch passiert ist, erst dann, wenn man die Motive der hauptsächlich Handelnden kennt. Davon leben nicht nur große historische Romane. Historiker tun sich damit freilich schwer, wie Karl Schlögel in seinem Nachwort zu dieser Neuausgabe andeutet. Denn natürlich ist es unbehaglich zu wissen, dass die großen Ereignisse, die oft Millionen Menschen ins Verderben stürzten, von Leuten ausgelöst wurden, die die Geschichte wie ein Schachbrett betrachten, auf dem sie scheinbar logische Schachzüge initiieren, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen.
So wie die deutsche Heeresleitung 1917, die diesem obskuren Lenin, der im Schweizer Exil vor sich hindarbte und nicht mehr wusste, wie er sein Essen bezahlen sollte, nach St. Petersburg auf den Weg schickte, weil sie ihm und seinen Bolschewiki durchaus zutraute, in Russland ordentlich Chaos auszulösen, vielleicht sogar die Regierung zu stürzen und damit Russland als Kriegsteilnehmer auszuschalten. Denn das war ja eines der Anliegen der Bolschewiki: Schluss mit dem Krieg.
Deutschland hätte dann seine in Russland stehenden Divisionen freibekommen und hätte mit ihnen noch im letzten Moment die Entscheidung im Westen suchen können. So weit, so logisch. Aber wie sah es mit der Logik in Lenins Truppe aus? Wie tickten Lenin, Trotzki und Tschitscherin? Hatten sie auch eine Logik? Sie hatten.
Alles nachlesbar in den Kampfschriften Lenins. Sie wollten die Weltrevolution. Und Russland war für sie nur der mögliche Anfang. Denn eigentlich sollte die Weltrevolution – nach Karl Marx – in den am höchsten entwickelten Ländern des Kapitalismus beginnen. Deutschland wäre also der Kandidat dafür gewesen.
Was lernt man eigentlich aus der Geschichte?
Und so taucht man mit Haffner auch ein in das teilweise verzweifelte Denken der russischen Revolutionäre, die ja bekanntlich 1917 tatsächlich das Husarenstück schafften und die Macht in Russland an sich rissen. Und auch noch überlebten, obwohl ihnen das niemand zutraute – auch nicht die Offiziere im deutschen Generalstab. 1920 schienen sie sogar an allen Fronten zu verlieren, eingekreist von allen Seiten, bekriegt von den Armen der Weißen, der Entente und auch den deutschen Truppen.
So viel zur Schachlogik in deutschen Generalstäben: Da schenkten ihnen die Bolschewiki 1918 beim „Brotfrieden“ von Brest-Litowsk den Sieg im Osten, machten jedes Zugeständnis, das die deutschen Generale in ihr Diktat geschrieben hatten, nur um endlich Frieden zu bekommen. Doch statt die Divisionen dann tatsächlich in den Westen zu verlegen, ließen die deutschen Generäle sie weiter in Russland vorrücken. Die Beute schien doch allzu lecker.
Es ist nicht der einzige Punkt in Haffners sehr lebendiger Abenteuerreise durch die deutsch-russische Beziehungsgeschichte, der einen an Ereignisse in heutigen Kriegen erinnert, in denen diesmal – zum Glück – keine deutschen Truppen auf Raubzug unterwegs sind. Aber warum sollen „geniale Strategen“ wie Putin oder Trump irgendetwas aus der Geschichte lernen, wenn man die alten Fehler heute mit neuer Lust noch einmal machen kann? Strategen, kann man da nur sagen.
Misstrauische Freunde
Im Ergebnis verlor Deutschland den Krieg, bekam seine eigene Revolution, so eine unfertige, unvollendete, wie sie für Deutschland typisch ist. Und Lenins Bolschewiki schauten mit zunehmender Verstörung zu, wie ihre deutschen Genossen die Revolution gründlich vergeigten. Womit der Traum von der Weltrevolution vor ihren Augen zerplatzte und sie auf einmal allein waren mit einer geglückten Revolution in einem rückständigen Land.
Womit die seltsamen deutsch-russischen Beziehungen noch keineswegs am Ende waren. Im Gegenteil: Sie wurden sogar noch intensiver. Angefangen mit dem Vertrag von Rapallo, wo sich die beiden Schmuddelkinder der 1920er Jahre letztlich zu einer Zweckgemeinschaft zusammenfanden – gegen die damals noch als übermächtig empfundene Front der Alliierten.
Wo die in Moskau regierenden Bolschewiki die Einheitsfront der kapitalistischen Gegner verhindern wollten, sahen die Deutschen ihre Chance, mit den verachteten Bolschewiki Geschäfte zu machen und im russischen Hinterland die Technik für eine neue Ausrüstung zu testen. Denn der Vertrag von Versailles untersagte Deutschland ja genau das. Die schnelle Hochrüstung der Wehrmacht in der Hitlerzeit war nur möglich, weil die Armee unter freundlicher sowjetischer Deckung schon die Strukturen dafür schaffen konnte , eine neue, hochmoderne Armee aufzubauen.
Und diese seltsame Freundschaft hielt sogar noch in der Hitlerzeit an, obwohl Hitler in „Mein Kampf“ längst aufgeschrieben hatte, was er mit Russland vorhatte, wenn er an die Macht käme. Hatten die Russen sein Machwerk nicht gelesen? Das hatten sie wohl, wie Haffner feststellt. Denn gerade das erklärt, warum Stalin einen derart brutalen Industrialisierungskurs durchzog, der die Sowjetunion in die Lage versetzen sollte, einem geballten deutschen Angriff zu widerstehen.
Die Uhr tickte. Und selbst der Hitler-Stalin-Pakt von 1939, der so viele Kommunisten im Westen entsetzte, gehört in diese Logik. Denn auch Stalin hatte seine Logik. Haffner attestiert ihm sogar ein konsequenteres logisches Denken als etwa Hitler. Und der Ausgang des Zweiten Weltkriegs sollte Stalin recht geben .
Gnadenlose Logiken
Auch wenn das in keiner Weise erklärt, warum Stalin derart mörderisch mit seinen eigenen Funktionären umging. Wollte er einfach nur jeden möglichen Protest gegen seine gnadenlose Politik von vornherein ersticken? Eine Frage, die Haffner durchaus anreißt. Und die einem mit dem Blick auf das heutige Putinsche Russland doch sehr vertraut vorkommt. Und die so eine Ahnung aufkommen lässt, wie es solche scheinbar unausweichlichen Logiken sind, die ein Land am Ende in ein Gefängnis oder – siehe Hitler – gleich in eine Hölle verwandeln.
Wobei Haffner immer das globale Spiel im Blick hat: Wer bildet mit wem eine Allianz? Wer fühlt sich durch wen bedroht? Warum suchte Stalin ausgerechnet in dem Moment den Pakt mit Hitler, als der nach der Münchner Konferenz von 1938 Oberwasser hatte? Ein Punkt, an dem auch sichtbar wird, dass Stalin nach wie vor die alten imperialen Ansprüche Russlands auf alle Nachbarländer vertrat.
Putins Politik der „russischen Erde“ ist nicht neu. Und in den Ländern, die zum Spielball der Politik in Moskau und Berlin wurden, weiß man bis heute ganz genau, mit welcher Art von Verachtung die Elite in Moskau noch immer auf alle Länder schaut, die einmal zum Russischen Reich bzw. zur Sowjetunion gehört haben.
Und wie sie bis heute unterschätzen, welche Kräfte Völker entfalten, wenn sie sich von fremden Usurpatoren nicht mehr beherrschen lassen wollen.
Die Moskauer Logik
Aber mit der Niederlage Deutschlands 1945 endeten ja die ganz speziellen deutsch-russischen Beziehungen nicht. Im Gegenteil: Nun standen die sowjetischen Truppen sogar in Deutschland und sicherten die Installation einer kommunistischen Regierung ab, die brav auf die Befehle aus Moskau hörte. Kam nun doch noch die Revolution in Deutschland zustande? Kam sie natürlich nicht.
Stattdessen bot Stalin dem Westen die deutsche Einheit an – wenn Deutschland denn nur neutral werden würde. Deutschland quasi als neutraler Puffer zwischen den Blöcken. Aus Moskauer Sicht die Fortsetzung der alten Politik, mit der man sich irgendwie gegen die Einheitsfront der entwickelten kapitalistischen Staaten schützen wollte. Nur ja nie wieder eingekreist werden. Wenn man so – aus Moskauer Perspektive – auf die Ereignisse blickt, hat das Handeln Moskaus wieder eine eigene Logik.
Sie hätte auch die Ulbricht-Regierung in Ostberlin geopfert, um ein neutrales Deutschland zu bekommen. Nur Adenauer wollte nicht. Adenauer wollte das westliche Bündnis. Und mit dem Mauerbau 1961 – der übrigens auch von allen westlichen Alliierten begrüßt wurde – wurde die deutsche Teilung zementiert. Für sehr lange.
Als Sebastian Haffner 1967 sein Buch zum „Teufelspakt“ schrieb, konnte er noch nicht ahnen, dass er selbst sogar noch die deutsche Einheit erleben würde. 1990 kam sein Buch in einer Neuauflage heraus – aber gekürzt um die letzten beiden Kapitel, die scheinbar – so schätzt es Karl Schlögel ein – 1990 als erledigt gegolten haben mögen.
Denn nun war ja eingetreten, was Haffner 1967 als mögliches 13. Kapitel angedeutet hatte: die deutsche Einheit. Anders als sein amerikanischer Kollege Francis Fukuyama hätte Haffner nie im Leben die Formel vom „Ende der Geschichte“ in den Mund genommen. „Es ist aber eine Wirklichkeit voller Unsicherheiten, kein Dauer- und Endzustand, kein Schlusspunkt“, schrieb er 1967 am Ende seiner Reise durch die zuweilen teuflischen deutsch-sowjetischen Beziehungen. Auch wenn er sich dabei konkret auf den „deutsch-russischen Roman“ bezog, der mit Lenins Reise durch Deutschland 1917 begonnen hatte.
Historische Verstrickungen
Von „Paradoxien der Geschichte“ schreibt Schlögel. Paradoxien, die meist schon dadurch entstehen, dass die Interessen der jeweils Mächtigen in den verschiedenen Ländern zu oft nur zu logischen Partnerschaften führen, obwohl man ideologisch eigentlich verfeindet ist. Politik wird aber – da hat Egon Bahr nun einmal recht – nach Interessen gemacht.
Größtenteils ganz eigennützigen, kalten und aus der Not geborenen. Was von außen, wie Haffner gleich zum Einstieg in seinen „Roman“ schreibt, manchmal aussieht wie die Verstrickung „zweier Menschen, die einander verfallen sind und in Hass und Liebe voneinander nicht loskommen.“
Doch genau diese Hass-Liebe-Erzählung gibt er gar nicht zum Besten – anders als viele Zeitgenossen, die die deutsch-russischen Beziehungen bis heute sentimental verklären. Mit dem Blick in die ihm zu seiner Zeit zugänglichen schriftlichen Dokumente legt Haffner die tatsächlich manchmal einfach dem Augenblick geschuldeten, logischen Motive offen, nach denen die jeweiligen Spieler auf deutscher wie russischer Seite agierten. Manchmal in einer Logik, die einem die Haare zu Berge stehen lässt. Aber wer diese Logiken des jeweils Anderen nicht versteht, kommt zu falschen und oft genug verhängnisvollen Lösungen. München 1938 steht dafür geradezu typisch.
So erzählt Haffner im Grunde auch von den Zwängen der Geschichte, unter denen demokratische Staaten genauso stehen wie Autokratien. Und auch vom Überleben uralter Freund-Feind-Bilder, die dann seltsame Phänomene wie die deutsche „Moskau-Connection“ zur Folge haben. Oder ein Putinsches Imperium, das an seinem eigenen Krieg kaputtgeht.
Da versteht sich mancher als genialer Schachspieler und ignoriert alle Zeichen, die eigentlich bedeuten, dass jemand da seinen eigenen Traumgespinsten auf den Leim gegangen ist. Seinem eigenen Größenwahn, blind für die Bereitschaft des Gegners, sich solche Übergriffigkeit nicht gefallen zu lassen.
Das konnte Sebastian Haffner so tatsächlich noch nicht ahnen. Aber er hätte sich garantiert nicht darüber gewundert, wie ein paar völlig verpeilte Alphamännchen im 21. Jahrhundert wieder Kriegspolitik zu machen versuchen, wie sie zuletzt im 19. Jahrhundert üblich war und eigentlich schon 1917/1918 krachend gescheitert ist. Aber solche Typen lesen ja keine Bücher. Solche jedenfalls nicht.
Und sie lernen auch nichts daraus. Und wer von den Jüngeren von den seltsamen deutsch-russischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nichts gehört hat, der findet hier eine sehr lebendige Einführung in diese Affäre voller falscher Treueschwüre, heimlicher Verbandelungen und brüllender Selbstüberschätzung, die zumindest zu der Zeit, als Haffner dieses Buch schrieb, vorübergehend befriedet zu sein schien.
Sebastian Haffner „Der Teufelspakt“ Hanser Verlag, München 2026, 24 Euro.
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