Wir und die Natur – es ist eine tragische Beziehung. Eine Beziehung, die auch davon erzählt, wie Arroganz und Machbarkeitswahn unsere ganze Existenz infrage stellen und wir trotzdem nicht aufhören mit unserem zerstörerischen Handeln. Und das hat viel mit den Vorstellungen zu tun, die wir im Kopf mit uns herumschleppen und mit denen wir auf die Welt schauen. Und auf ihre Nutzbarkeit und Nutzbarmachung. Oder sollte man besser sagen: Verscherbelung und Verramschung? Mit irreversiblen Folgen.
Und darum geht es im Essay von Lorina Buhr, der sich scheinbar nur einer ganz simplen Unterscheidung widmet – der zwischen reversibel und irreversibel. Also der Umkehrbarkeit (oder Reparaturfähigkeit) von biologischen Systemen und eben der Unumkehrbarkeit von einmal in Gang gesetzten Prozessen. Ins Bewusstsein der Mehrheit gerückt ist der Begriff Irreversibilität in den letzten Jahren mit der Klimadiskussion und der Aufnahme des Begriffs in die Berichte des IPCC, also des Weltklimarats.
Dort wird der Begriff vor allem mit den sogenannten Kipppunkten diskutiert, also jenen möglichen Schwellenüberschreitungen, nach denen Prozesse wie das Abschmelzen der Gletscher, das Auftauen der Permafrostböden oder das Absterben der Korallenriffe nicht mehr aufzuhalten sind. Mit dramatischen Folgen, denn danach verändern sich die klimatischen Bedingungen auf der Erde erst recht so heftig, dass damit auch die Existenzgrundlagen der Menschheit ins Rutschen kommen.
Gefangen im Machbarkeitswahn
Gleichzeitig versprechen allerlei Politiker, dass das so schlimm ja nicht sei, man werde bis dahin schon Mittel finden, diese Prozesse aufzuhalten oder gar umzukehren. Sie behaupten also eine Reversibilität, was die Menschen beruhigen soll. Meist mit dem Versprechen, wir könnten mit dem Verbrennen fossiler Energie einfach weitermachen. Das in die Atmosphäre gepustete CO₂ könnte man dann ja mit raffinierten Techniken wieder herausfiltern und den Ursprungszustand wiederherstellen.
Blöd nur, dass es diese Techniken entweder nicht gibt. Und wenn es sie gibt, existieren bislang nur kleine Pilotanlagen, die selbst mit ungeheurem Energieaufwand viel zu geringe Mengen CO₂ aus der Atmosphäre filtern. Es ist eine alte, tief verwurzelte Technikgläubigkeit, die hinter solchen Versprechen steht. Und ein Phänomen, dessen Ursprünge Lorina Buhr im 18. Jahrhundert verortet, in der Zeit der Aufklärung.
Die Aufklärung war ein recht komplexes, manchmal auch widersprüchliches Phänomen. Die Definition der Menschenrechte und der Entwurf eines Gesellschaftsvertrages fanden darin genauso ihren Platz wie die (damals modernen) mechanistischen Vorstellungen von der Welt.
Bekanntestes Buch dieser Denkweise ist La Mettries Buch „L’Homme-Machine“ von 1748, auch wenn man es als Blasphemie auf eine Denkweise lesen kann, die damals gerade aufzublühen begann, eine Denkweise, die alle Prozesse in der Welt als steuer- und beherrschbar betrachtete und die lebendige Welt als komplett nutzbar und manipulierbar.
Die Gnadenlosigkeit des mechanistischen Denkens
Es ist eben jene Denkweise, die dem Kapitalismus zum Durchbruch verhalf – mit all den katastrophalen Folgen des Wirtschaftens, die wir heute erleben. Und denen wir so machtlos gegenüberstehen, weil das Denken dahinter noch immer unsere Gesellschaft beherrscht.
„Die – im wahrsten Sinne des Wortes – Durchschlagskraft des mechanistischen Weltbildes und Zugangs zur Natur verweist Menschen und Tiere als passive Teilchen auf ihren Platz im großen Weltgetriebe“, schreibt Buhr. Es ist ein Denken, das die Natur als beherrschbar betrachtet und sie in Systeme separiert, scheinbar simpel und überschaubar, sodass man diese einfach verändern oder auch zerstören kann, hinterher repariert man sie eben wieder.
Aber eigentlich wissen wir längst, dass das eine Illusion ist. Ökologische Systeme lassen sich nicht abschotten. Und wenn man lebendige Ökosysteme zerstört, lassen sie sich in ihrer Ursprünglichkeit nicht wiederherstellen. In den Wissenschaften dominierte ebenfalls lange Zeit das mechanistische Weltbild, auch in der Ökologie. Es brauchte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis die Forschung eine Ahnung davon bekam, wie vernetzt und verbunden alles Leben auf der Erde ist. Und dass die Komplexität selbst der kleinsten Biotope mit einem mechanistischen Denkansatz nicht zu erfassen ist.
Im Gegenteil: Wo mit blinder Euphorie drauflosgebaut, reguliert, aufgestaut, gebaggert und gepflügt wurde, stellte sich im Lauf der Zeit überall heraus, dass man auch noch jede Menge weit über das simpel gedachte System hinausreichende Zusammenhänge zerstört hat – mal den Wasserhaushalt, mal die Bodendiversität, mal den Artenreichtum in Flüssen und Seen, mal die kompletten Lebensgrundlagen von Insekten …
Nicht nur im Bereich der Klimatologie muss heute von Kipppunkten und irreversiblen Entwicklungen gesprochen werden. Es trifft auch auf sämtliche Bereiche der Ökologie zu (und wahrscheinlich auch auf alles andere, was uns Menschen betrifft). Ob PFAS selbst in unserer Nahrung, tote Flüsse, tote Meeresbereiche, Bergstürze, Überschwemmungen, zunehmende Wüstenbildung … überall werden die Folgen menschlichen Handelns sichtbar, die ihre Ursprünge in einem rein mechanistischen Umgang mit der Welt haben.
Die Illusion vom Reparierenkönnen
Gleichzeitig gibt es seit rund 100 Jahren auch eine Umweltbewegung, werden Landschaften unter Schutz gestellt, um letzte Refugien der unzerstörten Natur zu bewahren. Und die EU gibt Milliarden aus, um einen Teil der von den Europäern zerstörten Landschaften wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zu versetzen. Zu reparieren gar.
Man denke nur an die vielen kaputtkanalisierten und überdüngten Flüsse (zu denen ja bekanntlich auch Weiße Elster, Parthe und Pleiße gehören). Irgendwie wird man die durch Menschenhand geschaffenen Verbauungen wieder entfernen und den ursprünglichen Fluss wiederherstellen können.
Das nennt man dann Reversibilität. Aber Lorina Buhr beleuchtet in ihrem Essay eben auch die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre, die immer mehr von der Erkenntnis geprägt ist, dass es eine Reversibilität der zerstörten Ökosysteme eigentlich nicht geben kann. Das Ökosystem kehrt nicht zu seinem ursprünglichen Zustand zurück. Bestenfalls nimmt es einen neuen Zustand ein, in dem sich aber eben auch neue Artenzusammensetzungen und Systemzusammenhänge herausbilden. Vom Gedanken, wir könnten die Welt einfach wieder reparieren, wenn wir sie kaputtgemacht haben, müssen wir uns verabschieden.
Und noch etwas kommt hinzu, denn dieses „Reparierenkönnen“ hat direkt mit der etablierten mechanistischen Denkweise zu tun. „Das Reparatur- und Nachhaltigkeitsversprechen macht Umwelt überhaupt erst zum Gegenstand von Kalkulation um Reparatur, Ersatz und Ausgleich. Kurz: Wo repariert, wo wiederhergestellt werden kann, da kann auch in Kauf genommen werden, dass etwas kaputtgeht“, schreibt Buhr.
Die Illusion des Ausgleichs
Sie diskutiert das unter anderem an den so viel diskutierten „Ausgleichsmaßnahmen“, mit denen u.a. Kommunen die Zerstörung einmaliger Biotope an einer Stelle (für eine neue Straße, neue Wohn- und Gewerbegebiete usw.) durch „Wiedergutmachung“ an anderer Stelle wieder ausgleichen können. Was schlichtweg Augenwischerei ist. Zerstörte Biotope bleiben zerstört.
Aber genau dieses Denken führt dazu, dass wir unseren Umgang mit den schwindenden natürlichen Ressourcen nicht ändern, stattdessen vorgeben, als könne man irgendwo anders „ausgleichen“, was man direkt vor Ort gnadenlos zerstört.
Was zerstört ist, kommt nicht wieder. Und längst sind die Eingriffe der Menschen in ihre natürliche Umwelt so umfassend, dass ganze Ökosysteme kollabieren oder direkt vor unseren Augen aufhören zu funktionieren. „Dass es überhaupt so etwas wie menschengemachte Unumkehrbarkeit in der Natur geben kann, und seit einiger Zeit sehr viel Forschung zu genau dieser Frage betrieben wird, ist ein ideengeschichtlicher Hinweis darauf, dass eine ‘alte Idee’ von Natur brüchig geworden ist“, schreibt Buhr.
Unsere Vorstellungen von der Unerschöpflichkeit der Natur und ihrer Kraft, sich immer wieder selbst zu regenerieren, gehen gerade vor die Hunde. Wir bekommen eine Ahnung davon, dass vieles von dem, was wir Menschen in den letzten 200 Jahren angerichtet haben, unumkehrbar ist und Entwicklungen zur Folge hat, die wir weder beherrschen noch rückgängig machen können. Das Gerede von „Reparatur“ verschleiert dann nur „die Tiefe des Eingriffs“, wie Buhr feststellt. „Damit wird aber auch einem business as usual zugearbeitet. Denn wo man reparieren kann, kann man auch Schäden anrichten.“
Irreparabel
Logisch, dass gerade in den ökologischen Wissenschaften inzwischen vermehrt über Irreversibilität diskutiert wird. Unsere Eingriffe in die lebendige Natur sind längst so „nachhaltig“, dass sie nicht mehr reversibel sind. Erst recht nicht, wenn auch noch der blinde Glaube hinzukommt, die Natur könne sich auf kleinen, geschützten Inseln erholen, während wir mit der Welt ansonsten weiter so gnaden- und rücksichtslos umgehen, wie wir es bisher getan haben. Mit dem Stichwort „irreversibel“ fliegt uns gerade unser menschlicher Macht- und Machbarkeitsdünkel um die Ohren.
Oder mit den Worten von Lorina Buhr: „Wenn Umweltschäden oder gar der menschengemachte Klimawandel pauschal als umkehrbar, als reversibel beschrieben werden, dann ist dies häufig interessengeleitet. Das wiederum (ver-)führt zu einem Schlummer der Machbarkeit und der Lösbarkeit von Umweltschäden. Die Idee und Sprache der großen Umkehr und der Reparatur der Natur und des Klimas schmeicheln dem Verstand des Homo economicus.“
Nur: Er lügt sich damit selbst in die Tasche. Schon jetzt ist Vieles von dem, was wir Menschen diesem Planeten zugefügt haben, irreversibel. Was eben auch heißt: Die Welt, wie wir sie kennen, wird verschwinden. Oder ist schon am Verschwinden. Und im Grunde müssten wir so handeln, dass die schlimmsten Szenarien nicht eintreten. A
ber genau das mechanistische Beharren darauf, man könne die Schäden irgendwann in Zukunft wieder reparieren, führt dazu, dass in der Gegenwart nichts getan wird und sich die Profiteure der Zerstörung hinter der Behauptung verstecken können, man werde schon ein Mittel erfinden, um das Zerstörte wiederherzustellen.
Da wird es höchste Zeit zu begreifen, dass die meisten dieser Zerstörungen irreversibel sind. Und wir endlich lernen müssen, das noch Verbliebene zu bewahren und dem Zugriff der Verwertbarkerit zu entziehen.
Lorina Buhr „Die Tiefe des Eingriffs“ Reclam Verlag, Ditzingen 2026, 8 Euro..
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