Wir leben im Und. In der Schule lernt man das nicht. Außer man hat Glück und einen Lehrer, der in seiner Schule einen übergreifenden Kurs mit dem Titel „Geist und Materie“ anbietet. Das tat Gottfried Böhme, als er noch Deutschlehrer im Evangelischen Schulzentrum war. Auch weil ihn dieses Und selbst seit seiner Jugend beschäftigte. Und seit er damals Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ las. Ein Buch, das für ihn auch wie eine Rettung war. Nicht nur im schwierigen Verhältnis mit seinem Vater.
Ein Verhältnis, das mit den Extremismen des 20. Jahrhunderts zu tun hat, der Verführbarkeit, der junge Menschen nur zu leicht erliegen. Und den Lebenslügen, die so viele Mittäter im NS-Reich ein Leben lang zu Menschen machten, die ihre Schuld nicht benennen konnten und gegen ihre Kinder verschlossen und aggressiv reagierten, wenn auch nur die Ahnung aufkam, sie würden gleich mit ihren Verstrickungen ins Hitlerreich konfrontiert.
Verstrickungen, die Gottfried Böhme nicht kannte und die ihm erst unter die Augen kamen, als seine hochbetagte Mutter ihm die entsprechenden Dokumente übergab, die die Mitgliedschaft des Vaters in der NSDAP, SA und anderen NS-Gliederungen bezeugten.
Nach dem Krieg war der Vater, der eigentlich an der Karlsuniversität Prag Jura studiert hatte, mitten in der Hochzeit des deutschen Faschismus, erst Studentenpfarrer geworden, später machte er weiter kirchliche Karriere.
Doch mit seinem Sohn geriet er in den Clinch, als dieser in seiner Studienzeit zu den radikalen Ideen der 68er stieß und gar dem Maoismus huldigte. Oder ihm auf den Leim ging. Das trifft es wohl besser.
Sekten und Bubbles
Denn als Lehrer weiß Böhme ja, wie sich gerade in der Jugendzeit das eigentliche Verhältnis der jungen Menschen zur Welt ausprägt, ihr Selbstwertgefühl und ihre Fähigkeit, souverän mit ihrer Mitwelt umzugehen. Doch genau in dieser Findungsphase sind wir alle anfällig für Verführungen und Ideologien, die alle eins gemein haben: Sie bieten billige, eindimensionale und verlockend simple Interpretationen für die Welt, das Leben und die Gesellschaft.
Sie malen Schwarz/Weiß-Bilder, malen Freund und Feind. Und wer zur „richtigen“ Horde gehört, darf sich im Gefühl der Akzeptanz suhlen. Auch wenn es nur die Akzeptanz der kleinen Clique ist, mit der man in nächtlichen Diskussionen die Welt rettet.
Und Musil? Böhme geht sogar so weit, den „Mann ohne Eigenschaften“ unter die großen deutschen Bildungsromane einzuordnen. Aber nicht, weil die Hauptfigur Ulrich am Ende die „richtige“ Laufbahn eingeschlagen hat, weil er begriffen hat, wie man im Leben ein guter Mensch wird.
Oder weil er nach Irrungen und Wirrungen eingesehen hat, dass seine Träume alle nur Schäume waren. Dieser Ulrich ist anders. Ein Suchender auf jeden Fall. Und ein Scheiternder am Ende. Doch gerade in diesem Scheitern steckt Trost. Und etwas zutiefst Hilfreiches für das Leben.
Und so wird Gottfried Böhmes Beschäftigung mit seinem Vater und dem bis zuletzt Unausgesprochenen eine ziemlich umfassende Beschäftigung mit diesem Ulrich, der im Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach einer sinnvollen, gut begründeten Existenz sucht, schwankend zwischen zwei Polen, die wir gewohnt sind, streng auseinanderzuhalten – der wissenschaftlichen Rationalität, die sich gerade um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert immer deutlicher von Spekulation, Ideologien und philosophischer Ungenauigkeit emanzipierte, und der Erfahrung von Mystik auf der anderen Seite.
Wie die Urkatastrophe in den Köpfen begann
Und noch etwas kam hinzu, was Musil in seinem Roman an mehreren handelnden Figuren abarbeitet, die jede für sich für eine radikale Denkrichtung stehen – vom blindgläubigen Sozialisten, der von der Weltrevolution träumt, bis zum überzeugten Nationalisten, der Gedanken äußert, die den aufkommenden Faschismus vorwegnehmen.
Es ist auch ein Zeit-Bewältigungs-Roman, den Musil hier geschrieben hat und der am Ende – nach 1.500 Seiten – dennoch Fragment blieb, weil sich die Aufgabe, die Musil sich gestellt hat, doch als zu groß erwies. Zu groß für einen einzelnen Autor, der ergründen wollte, wie es zur Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts hatte kommen können.
Einen der Gründe dafür macht Gottfried Böhme schon früh dingfest. Denn wie er dieses Opus Magnum von Musil heute wieder durcharbeitet, entdeckt er immer mehr – teilweise erschreckende – Parallelen zur Gegenwart. Und das beginnt eben mit den Meinungsblasen, die es auch in den Zirkeln vor dem Ersten Weltkrieg in Wien schon gab.
„In seinem Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ beschreibt er, wie eine Gesellschaft in viele Meinungszirkel zerfällt, die alle davon überzeugt sind, dass nur sie verstanden haben, woran die Zeit krankt, und dass nur ihre Rezepte eine als krisenhaft empfundene Wirklichkeit wieder gesund machen können. Das entspricht sehr der Situation heute. Musils Roman ist deshalb der Roman der Stunde.“
Denn wenn Menschen in ihren Blasen überzeugt sind, sie ganz allein hätten die richtigen Rezepte für die Heilung der Welt, dann sind Fundamentalismus und Radikalisierung Tür und Tor geöffnet, dann steht am Ende auch der Drang, anderen – mit Gewalt – beizubringen, was einzig richtig ist.
Dann ist auch ein Krieg das Mittel der Wahl. Kriege entstehen nicht aus dem Nichts, sind kein „Unfall der Geschichte“. Vor jedem Krieg wuchern die Ideologien, die jeden, der einen Krieg stiften will, zum überzeugten Prediger machen.
Denn die Ideologie sortiert die Welt in Gläubige und Gerechte – und in elende Feinde, die man niedermachen muss. Ideologien simplifizierten die Welt. Böhme: „Aber so ist das nun mal mit allen Ideologien: Sie selektieren die Fakten, verschweigen die einen und überzeichnen die anderen.“
Futter für die Wirtschaft
Und nicht nur das lässt die Gesellschaft in Sekten und Bubbles zersplittern. In Musils Roman kommt auch ein stinkreicher Unternehmer vor, der seinerseits – wie heutzutage Typen wie Elon Musk oder Sam Altman – glaubt, ganz allein die richtigen Rezepte zu haben, wie man die Welt wieder in Ordnung bringt. Dabei wird eine Geisteshaltung sichtbar, die sich zu Musils Zeiten ebenso schon als einzig wahre Rezeptur für die Welt verkaufte.
„Was Musil bezweifelte, das ist die vorbehaltlose Bereitschaft der Reichen, sich für ihre Mitmenschen einzusetzen. Aber noch mehr stört ihn die Art und Weise, mit der derart gut gepolsterte Seelen sich über die allgemein-menschliche Seele auslassen“, stellt Böhme an dieser Stelle fest.
Und da ist er noch bei all den ach so rationalen Typen, denen Ulrich aufmerksamst lauscht, manchem zustimmen kann – und dann doch auf Distanz bleibt. Denn allen fehlt etwas Wesentliches. Etwas, das auch Menschen, die nicht so sensibel wie Ulrich sind, spüren, wenn sie mit den „rationalen“ Weltverbesserern unsrer Tage zu tun bekommen: Da ist ein Leerraum, den all ihre logisch konstruierten Argumente nicht ausfüllen können.
Und da kommt man zu dem vierfachen Scheitern, das Gottfried Böhme am Ende konstatiert. Denn Ulrich scheitert genauso wie sein Autor Musil, der über dem Fragment, an dem er über 20 Jahre gearbeitet hat, im Exil in der Schweiz stirbt.
Es scheitert aber auch die Vorkriegsgeneration, die sich – in ihren Blasen verfangen – in den dümmsten aller dummen Kriege gestürzt hat. Und das auch noch mit Begeisterung. Und Böhme selbst? Er gibt sein Scheitern zu, in „Der Mann ohne Eigenschaften“ eben doch keine fertigen Rezepte für ein gut gelebtes Leben gefunden zu haben.
Wenn Wirtschaft Bildung verschlingt
Aber wie hat ihm das Buch dann geholfen? „Aber in der Rückschau wird mir klar, dass mir der Roman zwar nicht die fertigen Rezepte gegeben hat, mich dafür aber in zweierlei Hinsicht verändert hat.“
Und dazu gehört die ganz und gar nicht so simple Erkenntnis, dass bloßes rationales Denken und Faktenwissen nicht die Bohne dabei hilft, sein Leben mit Freude und Begeisterung zu leben. Dass Böhme da auch das von der OECD forcierte Nützlichkeitsdenken, das seit den 1960er Jahren in die Schulen des Westens hineingetragen wurde, heftig kritisiert, versteht sich an der Stelle schon von selbst.
Unsere Schule ist heute so unverdaulich und weltfremd, weil sie genau so ausgerichtet ist: auf „Content“, Faktenbimsen und eine Schulung der Schüler direkt für ihren Gebrauch in der Wirtschaft. Das bringt zwar etliche geniale Fachidioten hervor, verstellt aber den Jugendlichen die Sicht darauf, dass es in einem erfüllten Leben eigentlich um mehr geht.
Das kann man Mystik nennen – und bei Musil liegt das gar nicht so weit weg, weil er in seinem Text etliche Zitate berühmter Mystiker aus der Vergangenheit verarbeitet hat. Und auch gestandene Lehrer würden es nicht Mystik nennen. Böhme nennt am Ende Johann Amos Comenius als Beispiel für einen Pädagogen, der der festen Überzeugung war, dass Schule den jungen Menschen eigentlich ein ganzes Bild von der Welt vermitteln sollte.
Und dazu gehört auch ein Wissen um das sehr komplexe Verhältnis von Geist und Materie. Was Fragen berührt wie: Wie kommen wir eigentlich zu Erkenntnis? Wie nehmen wir die Welt wahr? Gibt es überhaupt ein sicheres Wissen über unsere Welt? Keine unwichtigen Fragen, von denen die meisten Zeitgenossen auch heute keine Ahnung haben.
Wir Zöglinge
Wie finde ich meinen Weg in dieser Welt? Wie finde ich mich selbst? Und wie entstehen positive Beziehungen zu meinen Mitmenschen? Ein Punkt, an dem Böhme auf Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zu sprechen kommt: Musils ersten Roman, in dem der Autor im Grunde das autoritäre Bildungswesen seiner Zeit porträtiert und gleichzeitig zeigt, wie sich junge Menschen radikalisieren in einer Welt, in der Persönlichkeitsbildung für autoritäre Pädagogen schlicht kein Thema ist.
Noch so ein „Bildungsroman“, der das Bildungsverständnis des bürgerlichen Zeitalters gründlich infrage stellt, das zelebrierte Nützlichkeitsdenken, das das alte humboldtsche Ideal der humanistischen Bildung auf zähes Faktenbimsen reduziert, die Seele aber hungern lässt, um es einmal so zu formulieren.
Man kann es auch den Geist nennen, das ausgehungerte und orientierungslose Ich, das sich in einer Welt behaupten muss, in der es eben nicht nur auf lächerlichen „Content“ ankommt oder das, was heutige Lehrpläne als „Kompetenzen“ verkaufen, sondern auf Persönlichkeit.
Genau das, was dieser Ulrich in „Der Mann ohne Eigenschaften“ eigentlich sucht – auch im Gespräch mit all den Leuten, die alle für sich radikal und brillant sind, den fragenden Ulrich aber nicht überzeugen können. Aus deren Perspektive ist er ein Mann ohne Eigenschaften, einer, der nicht „für eine Sache brennt“, sondern nach etwas sucht, was in den ganzen blutigen Parteikämpfen seiner Zeit untergeht.
Diese Suche war auch Musil am Ende eine Nummer zu groß. Vielleicht wollte er auch zu viel. Denn Böhme macht in seinem „Essay ohne Eigenschaften“ ja sehr deutlich, dass es hier nicht um ein Entweder / Oder geht, sondern um ein Sowohl-als-Auch.
Wir brauchen beides: die Fähigkeit zum logischen und rationalen Erkennen der Welt (die niemals abgeschlossen ist) und die Fähigkeit, in unserem Leben Erfüllung, Begeisterung, Liebe, Vertrauen usw. zu empfinden. Und manchmal auch Momente der Ekstase, wenn wir wirklich mal das vollkommene Einssein mit uns und der Welt erleben, die ganze überwältigende Fülle.
Das, was Mystiker so gern als Gotteserfahrung beschreiben. Was aber jedem und jeder passieren kann, allen, die es tatsächlich schaffen, sich ganz auf ihr Dasein hienieden einzulassen und die überwältigende Schönheit der Welt wenigstens einen Moment lang zu spüren.
Gottfried Böhme Robert Musil, mein Vater und ich Die Graue Edition, Dietzenbach 2025, 24 Euro.
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