„Eine Jugendnovelle“ hat der Leipziger Autor John McShultz sein neuestes Buch untertitelt. Auch in diesem nimmt er seine Leser mit in ein Land, das in den Köpfen vieler Menschen geradezu verklärt und romantisiert wird. Aber viel Romantik war da nicht. Schon gar nicht in den frühen 1980er Jahren, in denen diese Novelle handelt. Schauplatz: eine Erweiterte Oberschule (EOS) in Ostberlin, auch noch in Pankow. Da, wo die DDR-Elite ihre Kinder hinschickt. Eins lernt Roy, der jeden Tag mit dem Bus aus seinem Dorf zur Schule fahren muss, schnell: Halt bloß die Klappe und vertraue niemandem.
Klingt einem irgendwie vertraut. Stimmt. Es ist eine autoritäre Welt, von der heute wieder etliche Leute träumen. Nicht nur in Ostdeutschland. Sie jammern zwar, man dürfe heute gar nichts mehr sagen. Aber tatsächlich meinen sie immer das Gegenteil: Gelten darf nur, was sie selbst sagen. Widerspruch und Kritik halten sie nicht aus. Das autoritäre Denken ist bei vielen Leuten die anerzogene Grundausstattung.
Genauso wie der Opportunismus, der Menschen dazu bringt, sich auch den schäbigsten Autoritäten unterzuordnen, mit den Wölfen zu heulen und für jeden kleinen Vorteil auch die eigene Moral fallen zu lassen.
Und John McShultz hat sich all die Erinnerungen daran bewahrt, wie das damals war, als im Westen gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert wurde und im Osten die Friedensbewegung entstand, die mit dem Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ die Aufrüstung im Osten thematisierte.
Als die DDR eigentlich schon zahlungsunfähig war und nur der durch Franz Joseph Strauß vermittelte Milliardenkredit noch einmal dafür sorgte, dass das Ländchen noch ein paar Jahre durchhielt. Während der Smog über dem Land waberte und das Ansprechen von Umweltthemen als staatsgefährdende Hetze interpretiert werden konnte.
Das Misstrauen der Funktionäre
Da lernt auch Roy, der Held in dieser Novelle, ziemlich schnell, dass er in seiner neuen Klasse sehr, sehr vorsichtig sein muss, mit wem er überhaupt ein offenes Wort wechseln kann. Es sitzen nicht nur die Töchter und Söhne Ostberliner Funktionäre in der Klasse. Die Lehrer sind hier besonders handverlesen, staatstreu bis zur Borniertheit. Und geradezu darauf erpicht, die Schüler bei Handlungen und Äußerungen zu ertappen, die sie als Gefahr für die sozialistische Schule entlarven.
So steigt McShultz gleich ein in seine Novelle: die ersten Tage an der neuen Schule, in denen Roy die neuen Lehrerinnen und Lehrer porträtiert und mitbekommt, welche besonders doktrinär sind, welche nur opportunistisch, welche regelrecht gefährlich. Und so entsteht gleich auch ein Bild von der Atmosphäre an dieser Schule, von Jugendlichen, die nicht einfach unbeschwert ihre Pubertät ausleben können, sondern auch lernen müssen, das Misstrauen zu verinnerlichen, das gerade die Funktionärselite des Landes sät.
Wer immernoch nicht verstanden hat, wie so etwas in einem durchherrschten Land funktioniert, spürt es hier. Merkt dabei auch, wie gerade dieses Misstrauen dafür sorgte, dass die heranwachsende Jugend frühzeitig lernte, sich zu verbiegen, die Phrasen des Tages auswendig zu lernen und strikt zu trennen zwischen dem, was man öffentlich äußerte, und dem, was man tatsächlich dachte.
Das lernt auch Roy, der in seinen vier Jahren an der „Penne“ sehr genau zu unterscheiden lernt, mit wem in der Klasse er offen reden kann und wen er besser meidet, um nicht Objekt von Verleumdung, Diffamierung oder gar einem inszenierten Tribunal zu werden, bei dem aus dem Vorwurf einer fehlenden Parteilichkeit ganz schnell der einer feindlichen Haltung werden konnte.
Das wird so nicht an allen Erweiterten Oberschulen (also den Gymnasien der DDR) gewesen sein. Berlin war da immer noch einen Zacken schärfer, gerade weil hier die Kinder der Funktionärselite zur Schule gingen. Umso rigider war die Auswahl der Lehrer, die nicht nach Fachkompetenz nach Berlin beordert wurden, sondern nach parteilicher Tüchtigkeit. Wenn sie dem Anspruch nicht genügten, verschwanden sie auch rasant wieder, ohne viel Tamtam, wie auch Roy miterleben muss.
Vorsicht vor den BOBs
Und es sind nicht nur die Lehrer, die auf jede weltanschauliche Verfehlung der Schüler lauern. Die Anschwärzer sitzen mitten in der Klasse, in diesem Fall vier Jungen, die sich dazu verpflichtet haben, Offizier bei der NVA zu werden. Ganz offiziell. Auch im Klassenbuch steht ein B hinter ihrem Namen für Berufsoffiziersbewerber (BOB). Was ihnen nicht nur den Verbleib an der Schule sichert, egal wie miserabel ihre Leistungen sind. Sondern sie auch gleichsam zu Helfern für die moralische Reinheit an der Schule macht. Sie sind es, die jede auch nur gemutmaßte Verfehlung direkt an die Schulleitung durchsickern lassen.
Roy lernt rasch, dass er sich gerade von diesen scheinheiligen Typen fernhalten muss. Aber auch, dass er nicht mit dem Wohlwollen jener Lehrer rechnen darf, die ihn als Außenseiter ohnehin schon auf dem Kieker haben. Denen kann er gute Zensuren nur abringen, indem er lernt, lernt, lernt. Denn er will ja Medizin studieren, ein Studienfach, für das man – wenn man keine „guten Beziehungen“ hatte – exzellente Noten vorlegen musste.
Den Spruch „Pass auf, was du draußen sagst“ hat Roy von seinen Eltern mitbekommen, die zwar beide auch in der SED sind, aber sich keine Illusionen über die Gefahren machen, die schon dann akut werden, wenn einer sich in der Schule verplappert und die „falsche Position“ einnimmt. Keine Illusionen macht sich auch sein Freund Ralf, mit dem er nicht nur den langen Weg ins Dorf teilt, sondern auch die Begeisterung für Musik aus dem Westen. Sie tasten sich ab und irgendwann merken sie beide, dass wenigstens sie miteinander reden können, ohne sich verstellen zu müssen.
1984
Und das alles lebt bei McShultz von dieser besonderen Schulatmosphäre, in der sich Gehorsam, Anpassung, Opportunismus, Strebertum und Misstrauen zu einem grauen Brei verdichten. Mit immer neuen Situationen, an denen Roy das Unheil auf sich zurasen sieht. Denn natürlich weiß er, dass er – für die Funktionäre – ein Wolf im Schafspelz ist. Einer, der von den Reden der „führenden Genossen“ gar nichts glaubt. Der möglichst etwas studieren will, das möglichst weit weg ist von Indoktrination und permanenter Rotlicht-Berieselung.
Doch gerade diese Studienplätze sind rar. Ein einziger „Vorfall“ an der Schule und Roy kann alle seine Träume beerdigen. Ralf ist da konsequenter: Er beantragt noch vor dem Abitur die Ausreise. Und so steckt in dieser scheinbar nur bedrückenden „Penne“-Novelle schon das ganze Drama eines Landes, dessen Elite den Bezug zur Realität im Land längst verloren hat und mit allen Mitteln versucht, die Leute irgendwie bei der Stange zu halten.
Während sich beim „Großen Bruder“ in Moskau gerade die Dinge ändern und etwas in Gang kommt, was die labilen Verhältnisse in der DDR bald vollends ins Rutschen bringen wird.
Aber im Grunde schildert McShultz etwas, was ganz zentral dazu beitrug, dass der SED die tatsächlich kritischen und klugen Nachwuchskader abhanden kamen. Denn Doppeldenk, wie es George Orwell in seinem Roman „1984“ genannt hat, hat Folgen. Alle wissen, dass das, was gesagt wird, nicht das ist, was die Menschen um einen herum denken. Sogar ein kleines stalinistisches Tribunal findet Platz in dieser Novelle – samt einer geradezu obskuren Stalin-Gedenkstunde.
Im Jahr 1984 der DDR eigentlich unvorstellbar. Aber trotzdem glaubwürdig, weil solche zutiefst überzeugte Hartliner wie der Lehrer, der die Jugendlichen in diese „Gedenkstunde“ zwingt, im Apparat der führenden Partei überlebten und der Abschied vom „Genossen Stalin“ immer nur halbherzig war.
Nur nicht darüber reden
Es ist ein kleiner, oft genug beklemmender Blick in das Funktionieren einer Gesellschaft, in der alle wussten, dass das, was in der Zeitung stand und in der Aktuellen Kamera gesendet wurde, nicht das war, was im Land tatsächlich vor sich ging. Nicht nur in Roys Familie wird deshalb nach der Aktuellen Kamera auf die Tagesschau umgeschaltet. Nur reden durfte man nicht darüber.
Und das zermürbt nicht nur eine Gesellschaft, es schafft eine Welt, in der das Vertrauen verloren geht und eine leise Angst gegenwärtig ist, dass irgendjemand einen entlarven und denunzieren könnte.
Und dummerweise erinnert das an einiges, was heute einige von Autoritarismus begeisterte Leute wieder verbreiten. Dasselbe grimmige Misstrauen. Verbunden mit einem untergründigen Drohen. Vielleicht hat John McShultz sich gerade deswegen an diese weit zurückliegenden Zeiten erinnert gefühlt und die Geschichte aufgeschrieben, als hätte er sie gerade selbst erlebt, froh, endlich das Abitur in der Tasche zu haben. Auch wenn auf Roy jetzt noch härtere Zeiten zukommen werden.
Denn jetzt wartet die NVA auf ihn. Und was für Typen dort das Sagen haben, das hat er mit den vier BOBs in seiner Klasse ja schon gesehen.
John McShultz „Pass auf was du draußen sagst“ Screambyrd Records Press, Leipzig 2026, 12 Euro..
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