Am 27. Mai 2026 wurde der Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen „Leipzig wird altersfreundliche Stadt“ im Leipziger Stadtrat abgestimmt. Schon mal im Vorab, es gab keine wirkliche Diskussion und am Ende stimmte die Stadtratsmehrheit für den Verwaltungsstandpunkt. Was hat es aber mit dem Antrag auf sich, war er wichtig?
Es wäre anzunehmen, dass sich die gewählten Vertreterinnen und Vertreter der Stadtgesellschaft, auch Stadträtinnen und Stadträte genannt, mit Ausnahme des vierten Punktes im Antrag darüber einig wären: Ja, Leipzig muss etwas für die alternde Gesellschaft tun.
Der Antrag beinhaltete vier Kernpunkte:
- Die altersfreundliche Stadt wird strategisches Ziel für die Stadt Leipzig.
- Die Initiierung des WHO-Projekts “Altersgerechte Stadt” wird eine übergreifende und generationenverbindende Arbeitsgrundlage für die Stadt Leipzig.
- Der Oberbürgermeister erstellt in einer umfassenden Dialogoffensive unter Einbindung aller relevanten Institutionen und Engagierten einen Aktions- und fortfolgend einen 3-jährlichen Umsetzungsplan zur altersfreundlichen Stadt Leipzig.
- Leipzig strebt die Aufnahme in das WHO-Netzwerk „Age-friendly Cities“ an.
Wir haben bereits im Oktober 2025 mit den Initiatorinnen des Antrags gesprochen. Dabei kam heraus, dass alles was als „altersfreundlich“ bezeichnet wird eigentlich „menschenfreundlich“ ist.
Was sagt die Verwaltung?
Im Stadtrat stand der Antrag zur Abstimmung und es gab den Verwaltungsstandpunkt( VSP), der besagte: „Machen wir doch schon“.
Im VSP heißt es dazu: „Die Forderungen des Antrags sind allerdings schon weitestgehend im Verwaltungshandeln berücksichtigt. So finden sich die zentralen Ziele des WHO-Projekts »Altersgerechte Stadt« wieder in den Handlungsfeldern der Leipzig-Strategie und insbesondere in den seniorenpolitischen Leitlinien der Stadt Leipzig.“
Nachfolgend werden einzelne Punkte aufgeführt. Aus diesen geht hervor, dass es kein klar benanntes strategisches Ziel „Altersfreundlichkeit“ gibt. Die Inhalte finden sich nur in den Handlungsfeldern wieder. Punkt 1 wäre also, selbst nach Aussage der Verwaltung, eine reine Formalie.
Auch die Punkte 2 und 3 werden im VSP als Inhalt des Verwaltungshandelns dargestellt und zum vierten Punkt wird ausgeführt: „Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die kommunalen Zielstellungen aus den seniorenpolitischen Leitlinien sowie den aktuellen Fachplanungen in weiten Teilen mit den Zielsetzungen des WHO-Netzwerkes ‚Age-friendly Cities‘ decken. Eine Aufnahme in das Netzwerk ist derzeit nicht notwendig, eine spätere Aufnahme soll an dieser Stelle aber nicht kategorisch ausgeschlossen werden. Sie könnte im Rahmen der Erstellung des Fachplans ‚Offene Angebote für soziale Teilhabe‘ mit geprüft werden.“
Der VSP ist keine Ablehnung des Antrages, er ist ein Tätigkeitsbericht der Verwaltung mit dem Ziel, dass irgendwann ein Fachplans „Offene Angebote für soziale Teilhabe“ erstellt werden soll.
Redebeiträge im Stadtrat und Abstimmung
Es gab zu diesem Thema nur zwei Redebeiträge, zuerst Katharina Krefft für die antragstellende Fraktion, die auf einige Inhalte einging und den VSP kritisierte. „Der Verwaltungsstandpunkt umreißt das zutreffend, aber leider auch defizitorientiert. Das schon ideenalte Dorf für Ältere aus dem Arbeitsprogramm zu zitieren, geht hart am Thema vorbei.“ und „Leipzig kann die erste ostdeutsche Stadt in der Mitgliedschaft im WHO-Netzwerk werden. Die fundierten Erfahrungen einbringen, die wir in unserer Stadt gemacht haben und am Wissenstransfer partizipieren, denn das Älterwerden der Gesellschaften ist ein weltweites Phänomen. Zu meinen, das ging auch ohne Mitgliedschaft, wie es der Verwaltungsstandpunkt zitiert, erteilt kommunalen Netzwerken grundsätzlich eine Absage.“
Sie wies auch darauf hin, dass es in den Ausschussberatungen und im Seniorenbeirat klare Zustimmung zu dem Antrag gab.
Dann kam Markus Mündlein von der CDU. Er stimmte der Wichtigkeit des Antragsthemas zu, bezweifelte allerdings ob „neue Berichtspflichten oder neue Mitgliedschaften“ zielführend sind. Ob sich aus den Punkten 1- 3 des Antrags Berichtspflichten ergeben führte er nicht aus, also ging es wohl ausschließlich um Kosten für die Mitgliedschaft im Netzwerk „Age-friendly Cities“. Statt den Antrag punktweise abstimmen zu lassen und Punkt 4 abzulehnen, stellte er im Auftrag der CDU-Fraktion den Verwaltungsstandpunkt als Änderungsantrag zur Abstimmung.
Die Begründung: „Denn jeder einzelne Euro, den wir jetzt in eine Mitgliedschaft setzen würden, lasst uns den lieber verwenden, um einen Gehweg, vielleicht auch noch so einen Plattengehweg, davon gibt es auch noch einige, Rollstuhl- oder Rollatorgerecht zu machen, um die Mobilität älterer Menschen zu verbessern oder, oder, oder. Es gibt so viele Dinge, in die wir Geld investieren können, um altersgerecht und altersfreundlich zu sein. Lasst uns dies bitte tun.“ schien die Fraktionen überzeugt zu haben, mit einem Ergebnis von 37 Ja-, 16 Nein-Stimmen und 7 Enthaltungen wurde der VSP angenommen.

Statement der antragstellenden Fraktion
Wir baten nach der Abstimmung Katharina Krefft um ein kurzes Statement für die antragstellende Fraktion.
„Mit unserem Antrag wollten wir bewirken, dass Leipzig sich auf den Weg macht, altersfreundliche Stadt zu werden, dies für sich als strategisches Ziel verankert und dabei auch die Expertise anderer Städte aus einem weltweiten Netzwerk nutzen kann. Dafür fanden wir in den Vorberatungen in Seniorenbeirat und Fachausschuss Zustimmung. Dass nun doch und entgegen unserem expliziten Wunsch die anderen Fraktionen nur dem Verwaltungsstandpunkt zugestimmt haben, der leider wenig Aussagekraft hat, ist enttäuschend. Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass die Stadt ernsthaft und nachhaltig ihre Angebote am Ziel der altersfreundlichen Stadt orientiert und für Zugänglichkeit und Teilhabe umfassender in den Dialog geht.“
Fazit: Die Verankerung der „Altersfreundlichkeit“ als strategisches Ziel hätte Leipzig, mit oder ohne Mitgliedschaft im WHO-Netzwerk „Age-friendly Cities“, gut zu Gesicht gestanden. Eine Bündelung aller Vorhaben und Maßnahmen dafür unter einem Punkt hätte wenig gekostet, wäre aber für Seniorinnen und Senioren hilfreich gewesen. Vielleicht eine verpasste Chance, wer weiß.
Übrigens: Es wurde von „Altersfreundlich“ nicht von „Altersgerecht“ gesprochen, da hätte man auch von Hitzeschutz in Pflegeheimen und anderen Dingen reden müssen.
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