Es ist eigentlich ganz einfach: Sammle 32 Sprüche direkt aus dem Alltagsschatzbeutel der Sachsen, sortiere sie in acht sinnverwandte Quartette. Und dann lass die Leute spielen – daheim, an langen Herbstabenden, wenn sie sich vielleicht wieder daran erinnern, wie schön der letzte Ausflug nach Sachsen war. Ist ja ein schönes Stückchen Welt. Sogar mit Bewohnern drin, die ihr Herz auch mal auf der Zunge tragen. Und einem eigentlich nie ins Gesicht sagen: „’s gladdschd glei“.
So einen bekloppten Spruch kleben sich nur Autofahrer an ihre Blechkiste, die vom trotzigen und manchmal derben Gemüt der Sachsen nichts begriffen haben. Die nie Zugang gefunden haben zu diesen zutiefst lebenslustigen Menschen, die man schon mal 35 Jahre lang so richtig verarschen muss, bis sie sauer werden. Ungemiedlich, wie sie es nennen. Denn der Mensch will gesehen werden, erhört und geliebt. Er will nicht bei jeder Sonntagsrede der Fußabtreter sein und sich sagen lassen, dass er faul sei …
… und undankbar …
Stimmt: So schnell rutscht unsere derzeit so völlig entgleiste Politik und ihr unsägliches Sprechen in den Text, obwohl es nicht herzuzugehören scheint. Und eben doch hergehört. Weil in der Sprache unsere Seele steckt. Wer seelenlos spricht, erzählt von seiner eigenen geistigen Armut. Seiner Unfähigkeit, Respekt zu zeigen. Der ist schon fertig: Produkt von 40 Jahren rücksichtslosem Neoliberalismus, der den Osten viel früher und gnadenloser rasiert hat als den Westen. Aber das ändert auch den Westen. Wer Ohren hat, der hört es.
Eine deftige Prise Ironie
Da ist für manche eine Reise ins stille Sachsen wie eine Erholung. Ein Moment, sich wieder auf so etwas Lebendiges einzulassen wie Sprache. Auch wenn es in diesem Fall eine Mundart ist, über die sich die Nichts-Versteher noch immer in Comedy-Shows lustig machen. Nicht begreifend, dass in der Sprache unsere Verletzlichkeit steckt. Und erfahrenes Leben.
Das übersieht man schnell, wenn man einen scheinbar so derben Spruch in breitem Sächsisch entgegengeschleudert bekommt. Als wär’s wie ’ne Ohrfeige gemeint, weil der Sprecher kein Blümchen dranmalt, kein Entschuldigungssprüchlein. Denn 1.100 Jahre Erfahrung haben ja längst gezeigt: Die meisten Leute wollen missverstehen, achten nicht auf Zwischenton und Ironie. Und in diesem Fall ist es eben keine leise Ironie. Dazu waren die gemeinen Sachsen seit Jahrhunderten nicht mehr befugt. Zurechtgestutzt, zurückgeworfen aufs Eigene.
Aufs Fleißigsein und Scherbenzusammenkehren, aufs Wiederaufstehen und ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Denn gerade in den noch überlebenden Resten des sächsischen Idioms lebt die Weisheit der Verlierer, derer, die keinen reichen Onkel in Heilbronn haben. Die wissen, dass es am Ende von allem Malochen keinen Schönheitspreis gibt. Vielleicht einen zerzausten Blumenstrauß. Aber auch den nicht immer.
Wer so lebt, der hat eine grundständige Abgeklärtheit. Der weiß, dass man die Beulen des Lebens am besten mit blankem Realismus annimmt – versteckt in schöner, saftiger Ironie. So saftig, dass sie von Durchreisenden nur zu schnell überhört oder mit Gefühllosigkeit verwechselt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Man muss nur zuhören.
Wenn’s besser wär …
Oder eben lesen, was Peter Ufer für dieses Quartett ausgewählt hat. Sprüche, denen man auf Sachsens Straßen auch heute noch unverhofft begegnen kann. Hingeflapst, als wäre es gar nicht ernst gemeint: „Wer geene Sorchn had, der macht sich welche“, ist so ein Spruch, bei dem man mitten im Spiel stutzen darf. Und ins Grübeln kommen. Kann es sein …?
Es kann sein.
Wer sich von den vielen falschen Verheißungen nicht mehr veräbbeln lässt, der sieht die Welt mit zutiefst poetischer Nüchternheit: „Wenns besser wär, wärs ni zum Aushaldn.“ Wer das so sagt, der weiß, dass er sein Glück selber schmieden muss. Und gut überlegen muss, was ihm wirklich wichtig ist in der Welt. Dem spricht auch das Leipziger Original Seifert’s Oscar aus der Seele mit dem so gern zitierten Kleinmesse-Ausruf: „Goffd Gämme, es gomm laus’sche Zeidn.“
Das gilt immer wieder. Wir stecken eigentlich mittendrin. Und noch ein sächsisches Original hat’s in die Sammlung geschafft: Sachsens letzter König Friedrich August III., der am 13. November 1918 mit den Worten abdankte: „Machd eurn Dregg alleeene.“ Vielleicht hat er es auch gar nicht so gesagt und es ist nur eine Anekdote der Sachsen über ihren letzten König. Aber es steckt dieselbe Einstellung zum Leben und Arbeiten drin. Was schon viel heißt, das auch dem eigenen König zuzutrauen.
Wie’s gommt …
Man kniet sich rein in die Arbeit, die man schaffen muss, wenn morgen wieder Butter auf dem Tisch stehen soll. Und der passende Spruch steckt natürlich auch im Quartett: „Wie’s gommd, wärd’s gefressen.“
Man ist nicht wählerisch. Eher bereit, sich auch den Veränderungen zu stellen, die man eh nicht aufhalten kann. Denn eigentlich sind die Sachsen genauso: bereit, es auch mal mit was Neuem zu probieren. Die Zukunft mit offenherziger Skepsis anzunehmen und was draus zu machen. Wenn man sie machen lässt und ihnen nicht von der Kanzel herab erklärt, warum dies nicht geht und jenes nicht.
Was ja bekanntlich dazu geführt hat, dass man die Sachsen nicht wiedererkennt. Kleinlaut gemacht, als ginge es in ihrem eigenen Leben gar nicht um sie selbst und ihre Erwartungen. Oder wann wurden Sie das letzte Mal gefragt: „Was wünschst du dir eigentlich? Was soll noch draus werden?“
Eine typische Antwort aus berufenem Munde: „Besser gudd geläbbt und dafür ä baar Jahre längr.“
Mehr muss man dazu nicht sagen. Vielleicht hat Peter Ufer gar nicht dran gedacht, dass solche Sprüche manchmal nur zufällig lustig klingen. Aber das ist eben das Besondere an diesen kleinen Edelsteinen der Mundart: Sie stecken voller Weisheit. Und – was die Sachsen betrifft – voller deftiger Ironie. Ein guter Weg, dieses Völkchen tatsächlich ein wenig kennenzulernen. Und eine Ahnung zu bekommen, warum es eine sächsische Tugend ist, sich von niemandem kleinmachen zu lassen. Von niemandem.
Peter Ufer „Midbringsl. Das erste sächsische Sprüche-Quartett“ Buchverlag für die Frau, Leipzig 2026, 9,95 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:















Keine Kommentare bisher