Die deutsche Geschichte ist erstaunlich lang und in ihren Anfängen nur schwer zu fassen. Legt man mit dem Jahr 919 los, als Heinrich I. König wurde? Oder nimmt man das Ostfränkische Reich mit dazu, das 843 nach der Teilung des Frankenreiches entstand? Denn dahinter steckt ja die Frage: Woher kommen wir eigentlich? Wie wurden die ganzen, von den Stämmen zwischen Rhein und Elbe gesprochenen Mundarten eigentlich zum Deutschen, wie wir es heute sprechen (außer ein paar knurrige Bergvölker im Süden)?

Aber vielleicht muss man das Selbstverständliche einfach noch einmal und immer wieder erzählen, weil heute lauter Apostel unterwegs sind, die die Geschichte Deutschlands uminterpretieren und umdeuten und damit finstere nationalistische und fremdenfeindliche Politik machen. Wieder einmal.

Denn das wurde uns ja auch irgendwie in die Wiege gelegt. Nicht gleich 919, als die Sachsenkönige das Heft in die Hand nahmen, sondern 1806 bis 1812, als nationalistische Schriftsteller wie Ernst Moritz Arndt den Furor gegen Frankreich entfachten.

Das ist das Bleigewicht, das wir bis heute mit uns schleppen. Die deutsche Nation wurde nicht aus Stolz auf den eigenen kulturellen Reichtum geschaffen, sondern in Abgrenzung und als Negativbild im angestachelten Franzosenhass, der bis 1871 virulent blieb, als die deutschen Fürsten in Versailles den Preußenkönig Wilhelm zum deutschen Kaiser proklamierten und damit die Gründung des tatsächlich ersten deutschen Nationalstaates endlich zustande brachten.

Und zwar nicht, weil die Fürsten so besondern progressiv waren. Das waren sie eben nicht.

Eine Geschichte voller verpasster Chancen

Denn diese Chance hatten sie auch schon 1816, als sie ihren Untertanen im ganzen Reich eine Verfassung versprachen und nicht gaben, und dann 1848, als die Nationalversammlung in Frankfurt sogar dem Preußenkönig die deutsche Kaiserkrone anbot. Nur wollte der Preußenkönig die Krone nicht aus den Händen des Volkes, das er zutiefst verachtete. Er lehnte ab und ließ die Revolution von seinen Truppen niederkartätschen.

Mal so gesagt: Die deutsche Geschichte ist voller Kapitel des Versagens und der Versäumnisse. Und so erzählen die Autoren dieses Bändchens eben auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten, die immer wieder auch in blutige Bruderkriege ausarteten – so wie im Dreißigjährigen Krieg, in dem es nur vordergründig um Religion ging, aber tatsächlich um Macht und Einfluss.

Und man merkt bei so selbstverständlichem Lesen, wie die alten Querelen, die die deutschen Lande immer wieder in Stagnation und Konfrontation gestürzt haben, bis heute fortwirken. Nur scheinbar gezähmt durch Demokratie und Rechtlichkeit.

Aber selbst der Umgang mit dem deutschen Osten und seiner über 40 Jahre abgespaltenen Geschichte zeigt ja, dass sich die Deutschen bis heute nicht über Gemeinsamkeiten und Eintracht definieren, sondern durch Abgrenzung, Othering und Zeigefinger. Immer auf der Suche nach Schuldigen, was oft genug zu blutigen Pogromen und wilden Hexenverfolgungen führte. Trotz Aufklärung.

Irrungen und Wirrungen

Wer sich von den nationalistischen Märchenerzählern in letzter Zeit nicht hat irre machen lassen, wird die mittlerweile in der Geschichtsschreibung relativ fest konturierte Haupterzählung über die deutsche Geschichte wiederfinden. So wird das Büchlein durchaus zu einem hilfreichen Begleiter, wenn man es mal wieder mit einem der vom eigenen Genie so fest überzeugten Geschichtsverdreher zu tun bekommt.

Oder eben einfach mit Kindern, die gern wissen wollen, wie dieses Deutschland denn nun eigentlich nach all den Irrungen und Wirrungen zustande kam. Und warum es heute so ist, wie es ist. Nicht nur auf der Landkarte, wo man ja sehen kann, dass es wie ein Klops mitten in Europa liegt.

Und dass es eigentlich immer damit zu tun hatte, diese zentrale Rolle irgendwie auszufüllen, was ja nicht nur einstigen Fürsten, kriegerischen Preußenkönigen und überforderten Kaisern (denen oft Italien, Spanien und Mexiko wichtiger waren als diese zersplitterten deutschen Mini-Fürstentümer) meist nicht gelang, sondern auch heutigen Kanzlern ungemein schwerfällt.

Denn dazu braucht man Format und wenigstens so eine Ahnung, was dieses Deutschland für Europa tatsächlich ist oder sein könnte, wenn es nicht so selbstgerecht und selbstbezogen wäre.

Dazu hilft natürlich auch, ab und zu mal von außen auf dieses Land zu schauen, wie es James Hawes in „Die kürzeste Geschichte Deutschlands“ getan hat. In einigen Kapiteln machen die Autoren durchaus sichtbar, dass dieses Deutschland nie in seiner Geschichte isoliert war von all seinen Nachbarn, von Wanderungsbewegungen berührt wurde und – wie die Autoren betonen – hochkomplex. Eigentlich so komplex, dass die Geschichte eigentlich nicht in ein schmales Bändchen passt.

Selbst wenn man sie nur in großen Konturen zeichnet, wie es die Autoren hier getan haben.

Nicht nur Kriege und Könige

Was schon mal viel Platz beansprucht. Da bleibt nicht so viel Platz für Karten, wie man sich eigentlich wünschen dürfte. Karten, die durchaus zeigen können, dass Geschichte nicht nur aus Schlachten, Königen und Landeroberungen besteht. Sondern auch aus Handel und Verkehrswegen, Handwerk und Industrie, Klöstern und Universitäten und Städten, die den Raum strukturieren. Man ahnt zumindest, dass man die deutsche Geschichte auf ganz verschiedene Weise erzählen kann.

Auch über die Sprache und die Etablierung des Hochdeutschen, über Literatur und die jeweils zeitgemäßen Medien. Und damit auch mit der Entwicklung eines Nationalgefühls, das nicht nur mit den bärbeißigen Pamphletisten der Franzosenzeit zu tun hat.

Das fällt nun einmal auf, weil man in der Kürze das Komplexe oft viel zu sehr reduzieren muss. Denn die Arbeit am nationalen Selbstverständnis der Deutschen haben nicht Leute wie Arndt und Fichte begonnen, sondern Leute wie Schiller und Klopstock mehr als eine Generation früher. Da merkt man schon, wie heutige Falscherzählungen auch unseren Blick auf die tatsächliche Geschichte verzerren und Leuten Lorbeeren zuschanzen, die sie gar nicht verdient haben.

Das Bändchen rückt einiges gerade, auch wenn die Autoren die Komplexität deutscher Geschichte zu recht betonen und in einigen Kapiteln auch sichtbar machen. Eine Komplexität, die auch mit martialischen Bremsversuchen wie den Karlsbader Beschlüssen zu tun hat, mit denen die deutschen Fürsten versuchten, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und damit die Entstehung eines modernen Nationalstaates letztlich um über 50 Jahre ausbremsten.

Was ja bekanntlich wieder mentale Folgen hatte, die einiges von dem erklären, was sich dann in zwei Weltkriegen als deutscher Größenwahn austobte.

Zurück zu Barbarossa

Und was sich in der Weimarer Republik eben auch als bürgerliches Unvermögen zeigte, die so spät geschenkte Republik als Chance zu begreifen, ein wirklich modernes Deutschland zu schaffen und nicht wieder zurückzufallen in untertänigste Führerhörigkeit.

Vieles, was an Geschichte passiert, ist nun einmal Ressentiment, Machtgerangel und die etablierte Unfähigkeit, ein Land als gemeinsames Zukunftsprojekt zu verstehen, an dem man gemeinsam arbeiten muss.

Und das gilt bis heute. Wieder einmal. Am Ende wird das kurz erwähnt, wenn über das Aufkommen der populistischen Lärmmacher und die seit Jahren unterlassenen Reformen geschrieben wird, die beide dazu beitragen, dass wir heute in einem ganzen Berg von Krisen stecken, die uns scheinbar überfordern.

Krisen aber befördern in Deutschland immer die Sehnsucht der Leute nach früheren, scheinbar besseren Zuständen. Als wäre man selbst nie dabei gewesen, als die aktuellen Krisen befeuert wurden.

Nur ist das eben keine kluge Lösung für die Zukunft. Auch wenn man beim Durchstreifen der deutschen Geschichte das Gefühl nicht loswird, dass die handelnden Akteure das Heil immer wieder nur in einer verklärten Vergangenheit gesucht haben und unfähig waren, sich ein lebenswertes Land vorzustellen, das gemeinsam die Krisen meistert und begreift, welche Rolle es da mitten in Europa eigentlich spielen müsste.

„Deutschland in Karten“, Katapult-Verlag, Greifswald 2026, 15 Euro.

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