Es ist das blanke Abenteuer des Lebens, auf das sich Frauen und Männer einlassen, wenn sie sich sagen: Jetzt ist es Zeit für ein Kind. Und sich auch von einer kessen Frauenärztin nicht abschrecken lassen, wenn diese sagt: „Kinder nerven. Meine zumindest. Sind Sie sicher, dass Sie welche wollen?“ Stimmt: Kinder nerven. Kinder fordern alle Aufmerksamkeit der Welt. Und sie sorgen dafür, dass das Leben von Papa und Mamas nie wieder so wird wie vorher.
Aber Lena und Titus Müller wollten. Und von Anfang an tat der Erfolgsautor Titus Müller, was Väter fast immer verpassen: Er schrieb auf, was er erlebte.
Denn später – das wissen Väter und Großväter genauso wie Mütter und Großmütter – erinnert man sich nur noch an ganz wenige Szenen. Das meiste hat man vergessen. Oder bringt es durcheinander, verschmilzt es mit Gehörtem von anderen Eltern. Und vor allem verschwinden all die widerstreitenden Gefühle, die man hat.
Vom allergrößten angefangen, wenn Papa Titus nämlich zum allerersten Mal den gerade geborenen Jona auf den Arm nehmen darf und mit allen Fasern spürt, was für ein umwerfendes Ereignis das ist, ein derart unverhofftes Geschöpf auf dem Arm zu tragen, Augenblicke, nachdem man mit Mama Lena noch mitgebangt hat, dass die Geburt glimpflich ausgeht. Und die Schwestern bewundert hat, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließen.
Ein Papa in seinem Glück
So geht das los. Und man kann dem schreibenden Vater regelrecht über die Schulter schauen dabei, wie er das Vatersein lernt. Wie er auch lernt, dass er seinen üblichen Lesemarathon nicht durchhalten kann, wenn er Lena wirklich beim Versorgen der Kinder helfen, ihr nicht die Riesenlast ganz allein überlassen will.
Und es ist eine riesige Last – mit schlaflosen, in Stücke zerhackten Nächten, mit Bergen von Wäsche vor der immerfort rotierenden Waschmaschine, mit Kindern, die ihre Wünsche unbedingt erfüllt haben möchten und dabei echtes Durchsetzungsvermögen zeigen. Mit Irritationen, Überforderungen und Momenten voller Glück, wenn sich auch Papa und Sohnemann wieder in inniger Kuschelei wiederfinden.
Momente, in denen der glückliche Vater merkt, welche Stürme jede Regung seines Kindes in ihm auslöst. Fluten von Glück, die alles hinwegschwemmen, was eben noch an Geschrei, Tränen, zerbrochenem Geschirr, vollgekleckter Kleidung, verspritztem Essen den Tag bestimmte und den Autor vom seligen Schreiben im abgeschlossenen Arbeitszimmer abhielt.
Schreiben ist egoistisch. Das weiß er selbst. Auch wenn es dann Lena ist, die den stolzen Papa daran erinnert, dass trotzdem die meiste Arbeit mit den Kindern auf ihren Schultern ruht. Da ist auch Felix Amadeus schon da. Und Lena hat das neue Buchprojekt von Titus gelesen. Und fand fast nur den emsigen Papa darin. So ist das. Auch in den glücklichsten Familien. Auch Glück ist egoistisch. Sogar dann, wenn man es mit drei wunderbaren Menschen teilt.
Mit Kindern wieder die Welt entdecken
Und man lernt Dinge dabei, die man eigentlich schon einmal konnte. Damals, als man selbst noch ein kleiner Knirps war, der in der scheinbar so banalen Alltagswelt lauter Geheimnisse sah und faszinierende Entdeckungen gemacht hat. Ob das nun lauter verschiedene Schnecken auf dem Weg sind, bunte Glasscherben, winzige Käfer. Als Knirps weiß man das noch: Die Welt ist zum Entdecken da.
Und gar nichts ist selbstverständlich. Und das Abenteuer hört einfach nicht auf. Auch nicht abends, wenn es dunkel wird und beide Eltern längst schlagmüde sind. Denn dann kommt das Abenteuer Geschichtenerzählen. Und das unersetzliche Gefühl, dass Papa da ist und nicht verschwindet, wenn der Junge die Augen zumacht.
Viele Eltern werden sich in diesem Glücks-Buch von Titus Müller wiederfinden. Ja, auch Männer. Auch all die zweifelnden Väter, die immer das Gefühl haben, dass sie so Vieles doch nicht richtig gemacht haben. Zu oft abwesend waren. Oder zu streng. Oder nicht streng genug.
Denn dass Kinder in diesen frühen Jahren so fordernd und anhänglich sind, hat ja mit ihrem allergrößten Bedürfnis zu tun: alles, wirklich alles über die Welt zu lernen, was es zu lernen gibt. Und das bitte unter Zeugen. Unter den immer wachen Augen der Menschen, die für sie in dieser Zeit ein und alles sind.
Mit allen Sinnen
Das wirft jedes Papa-Leben aus der Bahn. Aber man merkt, wenn Titus Müller ein faszinierendes Ereignis nach dem anderen erzählt, wie gerade dieses Chaos auch den übermüdeten Papa selig macht. Auch wenn im Haus Dinge vor sich gehen, die wohl etwas mit Spuk und kleinen Geistern zu tun haben müssen. Selbst sein Arbeitszimmer wird von den Spielsachen der Jungs erobert.
Aber als Jona dann ins Kindergartenalter kommt, merkt auch der Papa, dass der Junge zusehends selbstständiger wird und schon längst begonnen hat, sich von den Eltern abzugrenzen. Er ist jetzt schon ein kleines, sehr selbstbewusstes Ich und braucht auch Mama nicht mehr zum Kuscheln.
Da schleicht sich dann schon der kommende Abschied in das kleine Familiengespinst. „Bald werden wir die Anstrengungen dieser Jahre vergessen haben und erzählen uns wehmütig die kleinen Geschichten von ihren Streichen“, stellt der Autor nachsinnend fest. „Es kommt der Tag, da sehnen wir uns zurück nach Magen-Darm-Grippe, Kindergeschrei und Schokofingern.“
Und glücklich, wer die schönsten und die wildesten Momente festgehalten hat. Ein Glück, an dem Titus Müller die Leser teilhaben lässt, sehr sinnlich, sehr nachdenklich. Und spürbar froh, dieses unwiederholbare Chaos mit allen Sinnen erlebt zu haben.
Titus Müller „Das Glück hat kleine Schokofinger“ Edition Chrismon, Leipzig 2026, 16 Euro.
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