Es gibt Schicksale in den Büchern, bei denen man sich sagt: Das hat sich der Autor doch ausgedacht! So etwas passiert doch einfach nicht. Schon gar nicht im überschaubaren Sachsen. Aber manchmal geraten Menschen tatsächlich in die Mühlen der Mächtigen, werden zu ihren Spielfiguren und landen dann, wie der Schneeberger Kaufmann und Unternehmer Veit Hans Schnorr in einer Einöde am Ural, um dort für den russischen Zaren Alexej I. Bergwerke nach sächsischem Vorbild zu schaffen und die Schätze des Ural für die (Kriegs-)Kasse des Zaren verfügbar zu machen.
Alexej bekam von den Russen auch noch den Beinamen „der Sanftmütigste“. Manchmal, da sind die Leute schon glücklich, wenn sie vom geliebten Herrscher nicht grundlos an den Galgen gehängt werden.
Und dabei hat der Autor Eberhard Görner vielleicht gar nicht an den heutigen Zaren Wladimir den Sanftmütigsten gedacht, als er sein Buch über Rosina Schnorr schrieb, das 2020 erstmals im Chemnitzer Verlag erschien, dort eine zweite Auflage erlebte und 2024 im Claus Verlag eine neue Heimat fand, wo das Buch nun auch schon in der zweiten Auflage vorliegt.
Wahrscheinlich sehr typisch für historische Romane, die tatsächlich sächsische Ereignisse und Persönlichkeiten aufgreifen. Es müssen ja nicht immer August der Starke und die Gräfin Cosel sein. Die aufregenden Geschichten sind auch anderswo passiert – so wie hier im Erzgebirge, wo Veit Hans Schnorr ein Blaufarbenwerk betrieb, das unter anderem Kobalt- und Nickelverbindungen erzeugte.
Seine Geschäftsbeziehungen reichten weit über Sachsen hinaus. Regelmäßig reiste er auch zur Leipziger Messe. Doch von seiner letzten Messereise kehrte er nicht zurück, verschwand einfach, sodass seine Ehefrau nirgendwo Auskunft bekommen konnte, was aus ihrem Mann geworden war. Dass er von Beauftragten des russischen Zaren entführt worden war, erfuhr sie erst Jahre später, nachdem Veit Hans Schnorr endlich aus der Gefangenschaft fliehen konnte, kurz vor der Ankunft in der Heimat aber in Wien starb.
Dann schreib doch Bücher!
Die Fakten sind belegt. Aber was nun? Wie macht man daraus eine lebendige Geschichte? Eberhard Görner ist ja eigentlich Drehbuchautor, hat mehrere Drehbücher für den „Polizeiruf 110“ geschrieben. Am Ende war es sein Schauspielerfreund Rolf Hoppe, der ihn dazu animierte, Bücher zu schreiben. Als nämlich Hoppes Wunschfilm zum Baumeister der Frauenkirche in Dresden – George Bähr – nicht zustande kam.
Manchmal sehen eben auch Heimatsender die großen Chancen solcher Filme nicht. Görner machte auf Anraten Hoppes also ein Buch daraus: „Ein Himmel aus Stein“. Und wo er jetzt schon einmal unterwegs war, folgten bald weitere historische Romane über sächsische Persönlichkeiten wie Joseph Fröhlich, Heinrich Melchior Mühlenberg und den jungen August der Starke.
Und eben über Rosina Schnorr, die auf einmal nicht nur mit der Ungewissheit da stand, was aus ihrem Mann geworden war, sondern auch mit dessen Unternehmen, das sie freilich gut kannte. Veit Hans hatte sie ganz offensichtlich immer eingeweiht in seine Projekte, sodass sich Rosina nicht einfach die Butter vom Brot nehmen ließ, als sie nun unter Vormundschaft gestellt wurde. Sie erkämpfte sich das Recht, die erfolgreichen Unternehmungen ihres Mannes weiterzuführen.
Sie war also nicht nur Managerin, sondern Unternehmerin, baute die Geschäfte auch noch erfolgreich aus. Ihr Sohn Veit Hans wurde selbst ein erfolgreicher Unternehmer und erwarb dann auch noch den heute bekannten Titel Schnorr von Carolsfeld, auch wenn man diesen Namen zuerst mit der Malerdynastie des späten 18. Jahrhunderts in Verbindung bringt.
Man ist mit Rosinas Geschichte also auch am Anfang einer bis heute blühenden Familie mit einem markanten Familiennamen.
Die Geschichte einer selbstbewussten Frau
Und dazu kommt ja noch: Die Geschichte, die Eberhard Görner erzählt, fällt in die letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges und die Zeit danach. Schneeberg gehört zu den glücklichen Städten, die damals nicht von den plündernden Heeren heimgesucht wurden. Aber sonnig waren diese Jahre auch nicht. Auch Schneeberg erlebte seine Hungerzeiten und auch einen großen Brand, bei dem die Schnorrs eine nicht unwichtige Rolle spielten.
Görner hat sich also auch gründlich rechts und links des Weges umgeschaut und versucht, Rosinas Schicksal möglichst genau in den Ereignissen der Zeit zu platzieren und ihre Erfolge als Unternehmerin sichtbar zu machen. Wie hießen die Pfarrer zu Rosinas Zeit? Wie hießen die Bürgermeister? Wie kann man sich ihr Agieren als Unternehmerin vorstellen? Usw.
Selbst wenn man alle verfügbaren Rahmendaten hat, bleibt immernoch eine Geschichte zu erzählen, die so nirgendwo schriftlich nachzulesen ist. Die Geschichte einer selbstbewussten Frau, die Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt hatte und schon von Geburt an zur Schneeberger Oberschicht gehörte. Für die es also auch eine Standesfrage war, ihre Rolle als Unternehmerin zu behaupten in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der Frauen eigentlich nur unter Vormundschaft existierten.
Das macht Rosina einzigartig. Auch wenn sich Görner dann so einiges einfallen lassen musste, die Frau in ihrer Geschichte lebendig werden zu lassen. Von ihrer stolzen Gläubigkeit bis zu ihrer Bereitschaft, Anderen unter die Arme zu greifen und z.B. die acht Kinder ihres Hamburger Schwagers Friedrich Hennig aufzunehmen, als er stirbt.
Frauen an die Macht
Überhaupt dieses Sterben: Man starb für gewöhnlich recht jung in diesem 17. Jahrhundert. Auch der russische Zar Alexej, der so willkürlich herrschte wie seine heutigen Nachfolger, wurde keine 50 Jahre alt. Mit dessen Sohn Peter deutet sich schon das nächste Kapitel der Weltgeschichte an. Aber damit hat Rosina dann nichts mehr zu tun.
„Frauen an die Macht“ hat Görner eins der Kapitel benannt, in dem man Rosina im Rathaus zu Schneeberg mit den Ratsherren verhandeln sieht. Denn sie bettelt nicht, ist wirtschaftlich unabhängig und weiß genau, wie man Verträge zum eigenen Vorteil abschließen muss.
Und ganz offensichtlich berührt diese Geschichte eine Menge sächsischer Leserinnen und Leser, weil sie eben auch für eine Zeit, als Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft fast unsichtbar waren, zeigt, dass eine kluge, selbstbewusste Frau sich dennoch durchsetzen konnte, wenn es um das Bewahren des familiären Unternehmens ging.
Aber Görner lässt eben auch nicht die Ereignisse in Russland aus, zeichnet auch durchaus wahrscheinliche Szenen mit Zar Alexej und seinem Berater Woronzow und das Bild einer Machtwillkür, der einzelne menschliche Schicksale zutiefst gleichgültig sind. Man braucht einen Bergbauunternehmer? Entführt man ihn eben im Westen und schneidet ihn dann von jeder Kommunikation ab.
Das kommt einem vertraut vor bis heute. Im Hintergrund lodern schon die imperialen Ambitionen der Moskauer Zaren. Genau jene verhängnisvolle Raffgier, die bis heute alle Nachbarn Russlands mit berechtigtem Misstrauen erfüllt.
Am Ende stirbt Rosina hochgeachtet. Und es ist vor allem die glücklicherweise überlieferte Trauerrede, die ihr Schicksal noch heute greifbar macht. Und die zum Nukleus des Romans wurde, den Eberhard Görner dann geschrieben hat.
Eberhard Görner „Die erste Managerin des Erzgebirges“ Claus Verlag, Limbach-Oberfrohna, 2. Auflage 2025, 16 Euro.
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