Goethes Prometheus. Wer hat ihn nicht im Schulunterricht kennengelernt? Den wütenden und zugleich aufgeklärten Rebellen, der am Ende zum vorchristlichen Kosmokrator, zum Schöpfer eines neuen Menschengeschlechts, aufsteigt.
„Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei …“. Als Kämpfer für universellen Humanismus konnte er gelesen werden. Als selbstbestimmtes Subjekt wurde er gesehen. Aber auch als Kronzeuge für autokratisches, staatlich-willkürliches Handeln verstanden und vor allem benutzt werden.
Prometheus – mit der physischen Kraft des „Alleszermalmers“ (Kant). Der altersweise Goethe fremdelte dann mehr und mehr mit dem griechischen Titan. Warnte später davor, die Stückversuche zum Prometheus-Stoff als Aufruf zum politischen Umsturz misszuverstehen, wie er 1820 Karl Friedrich Zelter, einem Freund, anvertraute.
Es läge offenbar zu viel aufrührerischer Geist in ihnen und „käme unserer revolutionären Jugend als Evangelium recht willkommen“. Und er hatte ja noch eine andere Figur, die zeitgleich sein literarisches Interesse weckte, in ihm sein Leben lang rumorte …
Goethes zweiter Prometheus heißt Faust. Auch er strebt, auch er schafft, auch er verweigert das Verweilen. Aber Goethe hat ihn anders, vorausschauender, vielleicht auch etwas autobiografisch gebaut – und anders, vielmehr tragisch, enden lassen. Nicht als Kosmokrator. Als Gestalter der Welt. Sondern als Blinden. Kommerziell erfolgreich. Im „Drama der Moderne“.
Michael Jaeger, Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, hat vor fast zwanzig Jahren ein unbequemes Buch geschrieben – es hat dabei nichts an Bedeutung verloren. Im Gegenteil. Er setzt seine Analyseschwerpunkte auf die Wunden der Entwicklungsgeschichte der modernen Zivilisation.
Er nimmt Goethes Untertitel ernst – „Eine Tragödie“ – und liest Faust nicht als Helden, sondern als Symptom: als Prototyp jenes rastlosen, expansiven, niemals verweilenden Subjekts, das wir heute den globalen Kapitalismus nennen.
Fausts Pakt mit Mephisto ist bei Jaeger kein Teufelsbündnis im theologischen Sinne – es ist das Wachstumsprinzip. Immer weiter, immer mehr, kein Augenblick darf sich erfüllen. „Und Fluch vor allen der Geduld!“ Das ist kein dramatischer Ausruf. Das ist ein Strukturgesetz.
Nach Jaeger ist das „Nochnichtseiende attraktiv und verspricht das wahre Leben“. (S. 22) Alles, individuelles und kollektives Handeln, soll im Hier und Jetzt geschehen – mit verstelltem Blick auf die Folgen. Mephisto macht in seiner von Faust herbeigesehnten Antrittsvorstellung auch kein Hehl aus seiner Vorstellung einer destruktiven Fortschrittsästhetik.
(„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht …“) Er wird dem unglücklichen Helden der Moderne die ganze Welt der Schönheit und des Wohlstandes zeigen. Wird Faust zu neuen Ufern führen. Ihn entgrenzen. („Eröffn ich Räume vielen Millionen …“)
Jaeger hat recht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Denn dieselbe Blindheit saß auch in unseren Klassenzimmern – östlich der Elbe, in einer anderen Epoche, unter anderen Vorzeichen. Auch wir lasen Faust. Auch wir kannten die Verse aus dem fünften Akt des zweiten Teils, die große Vision des Sterbenden: freier Grund, freies Volk, tätige Gemeinschaft.
Was für ein Programm. Was für ein Versprechen. Niemand hat uns gezeigt, was vorher in der Regieanweisung steht: FAUST (aus dem Palaste tretend, tastet an den Türpfosten, erblindet).
Keine frühsozialistische Utopie in Gestalt eines produktiven, freiheitsliebenden Renaissancemenschen. Der noch im „Osterspaziergang“ gemeinsam mit dem Volk unter seinem „wahren Himmel … die Auferstehung des Herrn“ feierte. Faust trägt bald selbst inhumane Züge, treibt den arbeitenden Pöbel an, lässt vielmehr antreiben. (Faust: „Ermuntere durch Genuss und Strenge, bezahle, locke, presse bei!“)
Die abschließende Rede hält Faust in vollständiger Blindheit. Was er hört, sind nicht die Spaten seines Arbeitsvolkes – es sind die Lemuren, diese halbaffenähnlichen Gespenster, die sein Grab schaufeln. Die Utopie und der Tod fallen in denselben Moment. Er trocknet Sümpfe aus. Erfüllt bewusst oder unbewusst die Handlungsmaxime seines Wettkonkurrenten. (Mephisto: „Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“)
Das ist die eigentliche Tragödie. Es war kein böser Wille, dass wir das überlesen haben. Eher Naivität oder Hoffnung, das bessere Leben noch vor sich zu haben. Es war – und hier kommt Jaeger wieder ins Spiel – dieselbe faustische Unfähigkeit zum Innehalten, die er dem Kapitalismus diagnostiziert.
Ein Begeisterungsmoment, der keine Gegenfrage duldet. Das Streben, das sich selbst für Ankunft hält. Wir haben in Faust einen Prometheus gesehen: den Feuerträger, den Schöpfer, den Befreier. Aber Prometheus haftet (an). Prometheus bleibt – angekettet, leidend, unbeweglich – bei dem, was er getan hat. Faust hingegen zieht weiter. Wieder weg. Von Gretchen. Von Philemon und Baucis.
Und am Ende: buchstäblich blind vor dem, was er angerichtet hat. Jaeger: „Faust kann nie, darf nie genug haben am gegenwärtig Daseienden, zunächst in seinem Wissensdrang, dann in seiner verzweiflungsvollen Ablenkungssucht, zuletzt an seinem unstillbaren Hunger, jede Realität zu verschlingen […] diese Bewusstseinsdisposition ist Mephisto.“ (S. 23) Faust gewinnt das Leben, das er sich so sehr wünschte, und verliert es konsequent im Individualismus und hedonistischen Streben.
Prometheus hingegen bleibt angekettet. Am kaukasischen Felsen. Wird zum „Verweilen“ geradezu gezwungen. Und bleibt trotzdem bei sich, bei dem, was er getan und noch vorhatte. Das ist wohl die ehrlichere, die humanistisch tragfähigere Geschichte.
Faust hingegen wird am Ende von Engeln in den Himmel getragen. Goethe war ironisch begabt genug, um das als das zu schreiben, was es ist: die gefährlichste aller Lügen. Die Lüge, dass das rastlose Streben sich am Ende selbst erlöst. Ein Streben, das lediglich der Selbsterhaltung dient.
Das haben wir bis jetzt nicht so gesehen. Damals nicht und heute? Vielleicht ist das die eigentliche Aktualität dieses fast zwanzig Jahre alten Buches von Michael Jaeger: nicht die Diagnose, sondern die Frage, die es stellt. Was wäre, wenn wir Faust nicht als Helden läsen – sondern als Warnung?
Michael Jaeger Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart Königshausen u. Neumann 2013, 22,80 Euro
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