Wie war es wirklich, im 13. Jahrhundert in der Leipziger Region zu leben und eigentlich keine Rechte zu besitzen, ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie zu stehen – so wie Ripert, der Sohn eines Pfarrers. Den es eigentlich nicht geben durfte, denn die Papstkirche hatte gerade erst den Zölibat für alle Pfarrer dekretiert. Sie durften nun nicht mehr heiraten. Und wenn sie Kinder zeugten, waren es – rechtlich gesehen – nicht einmal Bastarde. Ein echtes Thema für Joachim Oelßner, der das Mittelalter eben nicht mit Rittern und Turnieren glorifiziert.

Ritter kommen trotzdem vor in seinem Roman, der praktisch in derselben Zeitspanne handelt, in der 1212 auch die Leipziger gegen den Meißner Markgrafen rebellierten. Ein Ereignis, das Oelßner schon in seinem Roman „Was soll vergrabenes Gold“ thematisierte.

Mit Ripert aber stellt er einen Helden in den Mittelpunkt, der schon durch seine bloße Existenz die Vorurteile und Hierarchien seiner Zeit herausfordert. Und die Missgunst von Mächtigen, die sich gekränkt und herausgefordert fühlen durch die simple Tatsache, dass dieser Bursche nicht nur vom Vater Schreiben und Latein beigebracht bekam, sondern seine Talente ihn auch ins Zentrum mehrerer markanter Ereignisse rücken, in denen auf einmal Schriftkunde und Rechtswissen gefragt waren.

Es ist zwar ein Roman, den Joachim Oelßner geschrieben hat – aber er rankt sich um unzählige belegte Ereignisse, die damals tatsächlich stattfanden.

Und so über­rascht es auch nicht, dass reale Personen dieser Zeitepoche auftauchen – auch ein gewisser Eike von Repgow, der damals mit dem „Sachsenspiegel“ erstmals das gültige Gewohnheitsrecht verschriftlichte.

Aber auch die Giebichensteiner Grafen sind verbürgt, die damals ein nicht unbeträchtliches Stück Land dem Naumburger Stift übereigneten. Genauso wie die Meißner Markgrafen, die damals auch recht nachdrücklich daran gingen, ihren Landbesitz zu erweitern und auszudehnen. Dabei wurden sie auch in der Region an der Saale aktiv, wo auch ihre einstige Stammburg in Wettin stand.

Stoff genug für schwere Konflikte, in denen dann auch die Bischöfe von Naumburg und Merseburg ihre Rolle spielten. Nicht zu vergessen die schweren Konflikte auf Reichsebene, die 1208 in der Ermordung des Königs Philipp von Schwaben gipfelten, während die Päpste in Rom versuchten, in die deutsche Politik hineinzuregieren und die Macht der Könige bzw. Kaiser zu untergraben, um die eigene Macht auszubauen.

Der Ketzerjäger

Was macht da also der gebildete und talentierte Sohn eines Pfarrers im kleinen Dorf Spören, nahe bei Zörbig gelegen, aber auch nahe dem alten Gerichtsplatz Mettine, wo der wichtige Schenkungsakt der Giebichensteiner an das Stift Naumburg beurkundet wurde – unter Anwesenheit Eike von Repgows? Dass auch die Geschichte von Riperts Eltern voller Fragen ist, wird zu einem der Fäden, die die Romanhandlung durchweben. Denn damit sind auch diese beiden bösen Gerüchten und Verdächtigungen ausgesetzt.

Brandgefährlich in einer Zeit, in der die Päpste ihr Vorgehen gegen Ketzerei und Häresie verschärften, jede Abweichung vom einzig richtigen (von Rom dekretierten ) Glauben mit Feuer und Schwert bekämpften, gegen die Katharer einen blutigen Feldzug organisierten, die Inquisition ins Leben riefen und in ihrem Namen einen wilden Prediger und Ankläger durch die Lande ziehen ließen, der wahllos Menschen der Ketzertei und Hexerei beshuldigte: Konrad von Marburg.

Ihm muss auch Ripert begegnen, nachdem er es geschafft hat, nicht nur die geachtete Position eines Verwalters zu erreichen und die schöne Vogtstochter Ura zu ehelichen. Denn Oelßner macht Konrad von Marburg zu einem nur zu willigen Werkzeug eines der beiden Giebichensteiner Grafensöhne, der seinen lebenslangen Neid auf den klugen Ripertus nicht begraben wollte.

Womit die ganze Geschichte sehr gegenwärtig wird. Denn was können böswillige Menschen in einflussreichen Ämtern – in diesem Fall eines Naumburger Domherren – eigentlich für Schaden anrichten, wenn sie einfach die Fülle ihrer Macht nutzen, um einem niedriger stehenden Zeitgenossen mit allen Mitteln zu schaden?

Einem Zeitgenossen, der auch noch mit dem Makel eines Kegels behaftet ist. Heute benutzen viele Leute ganz gedankenlos die Formel „Kind und Kegel“ und wissen nicht einmal, was der Begriff Kegel eigentlich bezeichnet. Dass sogar eine Kinderzeitschrift diesen Titel führt, ist geradezu peinlich und gedankenlos.

Oelßner schildert sehr anschaulich und in immer neuen Konflikten, was es für Ripertus bedeutet, immer wieder als Kegel bezeichnet zu werden. Wie darin Abwertung und Ausgrenzung zum Ausdruck kamen und seine Feinde keine Gelegenheit ausließen, ihn immer wieder auch öffentlich als Kegel zu denunzieren. Wie zuvor erwähnt: ein gefährlicher Zustand, seit die Papstkirche ihren Pfarrern das Heiraten verboten hat.

Sehr heutige Motive

Und der Hass der beiden Giebichensteiner Grafensöhne lässt nicht nach, auch wenn es am Ende vor allem der zur Kirchenlaufbahn verdammte Theodoricus ist, der immer wieder neue Anschläge gegen Ripertus und Uta plant. Die am Ende tatsächlich zu einer tragischen Wendung führen, als der fanatische Konrad von Marburg ins Spiel kommt.

Ein Moment, der Ripert kurzzeitig sogar in die Reichsgeschichte führt, denn Oelßner lässt ihn im Gefolge des Grafen Heinrich III. non Sayn am Sendgericht in Mainz teilnehmen, wo Konrad von Marburg den Grafen der Ketzerei anklagt. Die drastische Wendung, die die Geschichte verzeichnet: Kurz darauf wird Konrad von Marburg ermordet. Indem er die weltlichen Mächtigen angriff, hatte er sein Blatt überreizt.

Oelßner nimmt seine Leser also mit in eine Zeitepoche, die voller markanter Ereignisse war, in denen sich selbst unsere heutige zerrissene Gegenwart spiegelt. Auch wenn es offiziell keine Kegel mehr gibt und das Recht sich über die Jahrhunderte deutlich ausdifferenziert hat. Aber Missgunst, Bosheit und Neid sind so lebendig wie eh und je.

Und so mancher erlebt – wie Ripertus – wie schwer es einem gemacht wird, der von ganz unten in eine Position aufsteigen möchte, die seinen Fähigkeiten entspricht. Da kommt er an allen Ecken und Enden mit Neid, Ausgrenzung und Verachtung in Berührung. Und muss jederzeit fürchten, dass ihm Mächtigere trotzdem den Boden unter den Füßen wegziehen.

Geld, Stand und Macht

Es scheint eben nur ein historischer Roman zu sein, der in eine Welt entführt, die in den üblichen Mittelalterromanen selten gestreift wird. Aber es spiegelt sich eben auch das Gefühl der Gegenwart darin, dass einem nichts geschenkt wird in einer Welt, in der allein Geld, Stand und Macht zählen. Und eben nicht Talente, Können und der Wunsch, einfach ein friedliches Leben leben zu dürfen.

Die Leser werden im Buch ein Stück jener Landschaft entdecken, die damals das Gebiet rechts und links der Saale prägte. Mit dem beginnenden Dombau in Naumburg und der Etablierung jener Machtstrukturen, die das Land für die nächsten Jahrhunderte prägen sollten.

Aber da Ripertus zum Gehilfen eines Vogtes wird, lernt man auch gleich noch die Verwaltungsstrukturen der damaligen Dörfer kennen und die Konflikte zwischen den alteingesessenen slawischen Bauern und den neuen Siedlern aus Sachsen, Franken, Schwaben usw., die sich alle miteinander arrangieren mussten. Auch das Stoff für jede Menge Auseinandersetzungen. Aber es erinnert eben auch an die Herkunft der heutigen Bewohner dieser Region, die sich oft gar nicht mehr an diese vielfältige Herkunft ihrer Vorfahren erinnern.

Mal vom harten Leben ihrer Vorfahren in dieser Zeit ganz abgesehen, die in der Regel – anders als Ripertus – kaum einmal das Umfeld ihres Dorfes verlassen konnten, in dem sie ihre Felder bebauten (vielleicht sogar schon mit Pferdepflug), Kinder bekamen und starben. Und wo Vögte und Pfarrer die Respektspersonen waren, die das Leben im Dorf bestimmten. Im Guten wie im Schlechten.

Und nicht immer schriftkundig wie Ripertus, der in seinen Schreibkenntnissen die Chance erkannte, in einer zusehends vom Schriftlichen bestimmten Zeit seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Joachim Oelßner „Kegel Ripertus. Ein Leben im 13. Jahrhundert“, Oeverbos Verlag, Leipzig 2025, 23 Euro.

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