Es ist eine Tragödie, welche die amerikanische Investigativjournalistin Mariah Blake in diesem Buch beschreibt. Ein Thema, von dem die meisten Journalisten und Politiker die Finger lassen. Denn hier geht es um die unheimliche Macht von Konzernen, denen die Gesundheit der Menschen egal ist, die auf Teufel komm raus Produkte herstellen, von denen sie ganz genau wissen, dass sie Böden und Trinkwasser vergiften.

Die Rede ist von den PFAS, die längst überall auf dem Globus nachweisbar sind. Es ist die Geschichte einer Vertuschung und systematischen Behördenversagens.

Und vom Mut und der Ausdauer einiger Bürger, die wissen wollten, warum die Menschen in ihrer Umgebung an grausamen Krankheiten starben, die eigentlich selten sein sollten, hier aber die Menschen mitten im blühenden Leben zerfraßen. Vergiftet von Chemikalien, die von der Industrie als Wunderchemikalien mit ganz besonderen Eigenschaften angepriesen wurden – und werden.

Es sind künstlich geschaffene Fluorverbindungen, die heute in Putzschwämmen, Funktionskleidung, als Pfannenbeschichtung, in Verpackungen, Zahnseide und Imprägnierspray vorkommen. Sie gehören zu unserem Alltag.

Doch ihre besonderen Eigenschaften sind auch mit einem Problem verbunden, das längst das Leben auf der ganzen Erde bedroht: Sie sind kaum abbaubar. Weshalb man sie auch Ewigkeitschemikalien nennt. Sie verschwinden also nicht einfach, wenn man sie entsorgt, in Flüsse und Meere gelangen lässt. Sie landen im Grund- und im Trinkwasser.

Und damit im menschlichen Körper, wo sie sich anreichern und eine Reihe vor allem von Krebserkrankungen auslösen können.

Jahrzehntelang vertuscht

Und das Beklemmende dabei ist: Die Konzerne, die diese PFAS herstellen, wussten um die dramatischen Folgen für Umwelt und Gesundheit schon seit Jahrzehnten. Und hielten es unter der Decke. Was in den USA besonders leicht möglich war, weil dort neue Stoffe auch dann auf den Markt kommen dürfen, wenn diese auf ihre möglicherweise toxischen Eigenschaften nie untersucht wurden.

Weshalb auch Mariah Blake von all den mit PFAS verbundenen Skandalen erst wirklich erfuhr, als sie sich nach der Geburt ihres Kindes dafĂĽr zu interessieren begann. Wirklich aktiv als Journalistin wurde sie, als 2016 der Skandal um das vergiftete Trinkwasser in Hoosick Falls weit ĂĽber die Grenzen des Bundesstaates New York hinaus fĂĽr Aufsehen sorgte.

Und in diesem Fall verlinken wir einmal nicht den deutschen Beitrag der Wikipedia, der die Skandalgeschichte um die PFOA-Krise in Hoosick Falls weglässt, sondern verlinken auf den Beitrag in der englischsprachigen Wikipedia, der diese Geschichte erzählt.

Im Zentrum der Aufdeckung der massiven Vergiftung von Böden und Grundwasser in Hoosick Falls steht Michael Hickey, den der grausame Tod seines Vaters Ersel nicht ruhen ließ. Und der Monate und Jahre darauf verwendete, überhaupt herauszubekommen, was die Erkrankung ausgelöst hat. Und warum in Hoosick Falls noch viel mehr Menschen an seltenen Krebsarten erkrankten und starben.

Eine Häufung, die – wie sich herausstellte – mit der örtlichen Fabrik von Saint-Gobain Performance Plastics zusammenhing, die nicht nur Luft und Wasser mit PFAS kontaminierte, sondern die giftigen Rückstände der Produktion auch noch auf einer Deponie verklappte, wo sie ihrerseits in Erdreich und Grundwasser eindrangen und das Vieh auf der angrenzenden Weide verenden ließen.

Wenn Behörden nicht reagieren

Nur war Michael, als er das alles nach beharrlichen Nachfragen und Tests, bei denen die hohe PFAS-Belastung im Trinkwasser klar wurde, erfuhr, noch keinen Schritt weiter. Denn sowohl der eigene Bürgermeister als auch die eigentlich für Umweltschutzstandards zuständige EPA taten sich schwer, auch nur das Geringste gegen den Verursacher der systematischen Vergiftung zu unternehmen. Auch weil Saint Gobain der wichtigste Arbeitgeber im Ort war.

Das macht erpressbar, gerade in einer Region, in der es sowieso kaum Beschäftigungsalternativen gibt.

Ab 2016 reiste Mariah Blake immer wieder nach Hoosick Falls, begleitete Michael in seinem scheinbar aussichtslosen Kampf, fand aber bald auch Querverbindungen zu anderen Orten in den USA, wo die ansässigen Chemiegiganten mit genau derselben Rücksichtslosigkeit das unabbaubare Gift in die Umwelt abließen und jeden Versuch einer Regulierung mit teuer bezahlten Anwälten und Kampagnen unterliefen.

Es dauerte Jahre, bis sich die Aktiven um Michael Hickey bis in die politischen Gremien vorgearbeitet hatten und Gehör fanden. Jahre, in denen viele der Betroffenen starben. Und die Konzerne, die die verschiedenen PFAS herstellten und damit Milliarden verdienten, ihre Propaganda aufrüsteten und mit denselben perfiden Methoden wie zuvor die Tabakindustrie den Menschen einzureden versuchten, das ihre Produkte unschädlich sind und eine Regulierung nicht notwendig.

Es war aber auch die Zeit, in der das Problem der „Ewigkeitschemikalien“ auch auf anderen Kontinenten nach und nach die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern und Umweltverbänden erweckte, die ihrerseits daran gingen, Messungen vorzunehmen. Und dabei recht erschrocken feststellen mussten, dass die verschiedenen PFAS längst auch bei ihnen im Grund- und Trinkwasser zu finden waren, in den Körpern von Tieren und in dem von Menschen.

Die unabbaubaren Gifte verteilen sich längst weltweit. Und sie verschwinden nicht. Außerdem stecken sie in vielen Produkten, die wir tagtäglich benutzen oder konsumieren.

Zeit fĂĽr ein richtiges Verbot

Im Nachwort betont Blake, dass das PFAS-Problem (mindestens) dieselben katastrophalen Dimensionen wie der FCKW-Skandal vor 40 Jahren hat, als Wissenschaftler feststellten, dass das seit Jahrzehnten als Kühlmittel verwendete FCKW die Ozonschicht der Erde zerfrisst. Damals reagierte die Weltgemeinschaft und verbot die Herstellung von FCKW. Und genauso müsste es bei den PFAS längst auch sein. Auch in der EU wird über dieses Verbot nun seit Jahren diskutiert. Das Verbot ist überfällig.

Der Widerstand der großen Chemiekonzerne, die mit PFAS-Produkten Milliardengewinne machen, ist entsprechend zäh und rücksichtslos. Sie wollen jede Regulierung verhindern.

Und nicht nur in den USA kämpfen sie mit allen Bandagen. Auch in Europa. Auch mit falschen Behauptungen, Verharmlosungen und natürlich Drohungen, ihre Werke zu schließen und die Region, wo sie produzieren, wirtschaftlich ausbluten zu lassen.

Mariah Blakes Buch erzählt diese ganze verzwickte Geschichte, erzählt von den Leiden der Betroffenen, auch von der Einsamkeit Michaels, als er von seinen ja ebenso betroffenen Nachbarn geschnitten und beleidigt wird. Obwohl er wusste, dass auf die Behörden nicht zu rechnen war und nur der private Einsatz mit teuren Untersuchungen und einem erfahrenen Umweltanwalt das ganze Ausmaß der Tragödie ans Licht bringen konnte.

Er reichte Klagen ein, organisierte öffentliche Foren, holte die Presse ins Boot. Und je mehr belastbare Daten vorlagen, umso weitere Kreise zog der Skandal.

Wenn es fĂĽr die Konzerne teuer wird

Der erst recht seine finsteren Seiten zeigte, als auch die internen Dokumente der beteiligten Konzerne öffentlich wurden, in denen schon vor Jahren die ganze Dimension der Umweltvergiftung deutlich wurde. Michaels Geschichte endet mit einem Erfolg. Denn zuletzt konnten die Manager der Konzerne nicht mehr tricksen und ausweichen, sondern waren zu einem Vergleich mit den Bewohnern der verseuchten Ortschaften gezwungen.

Doch das kann nicht das Ende der Geschichte sein. Denn Mariah Blake stellt berechtigt fest, dass nun auch noch das Verbot aller PFAS-Varianten folgen muss. Bis auf ganz wenige, ohne die es in der modernen Wirtschaft wirklich nicht geht. Denn nur ein umfassendes Verbot kann dafür sorgen, dass nicht noch mehr dieser stabilen Gifte in die Umwelt gelangen. Davon, dass sie dort beseitigt oder abgebaut werden können, kann keine Rede sein.

Und eine Befürchtung, die Blake äußert, ist nur zu berechtigt: „Nur allzu oft reagieren wir auf schwere Bedrohungen für die Umwelt mit einer Art kollektiver Lähmung. Die Probleme sind so gewaltig und unvorstellbar komplex, dass die Anstrengungen von Einzelnen sie zu lösen, uns womöglich sinnlos erscheinen – vor allem, wenn unsere Politiker es darauf anlegen, bereits bestehende Umweltschutzmaßnahmen wieder zurückzudrehen.“

Aber auch den Konzernen droht Ungemach, wenn immer mehr – begründete Klagen – sie zur Verantwortung ziehen. Und das wird auch viele Konsumgüter betreffen, in denen bislang wie selbstverständlich PFAS verwendet wurden. Von der Kosmetik bis hin zu unseren Küchengeräten.

Für jeden, der bislang bei Meldungen zu PFAS eher mit den Schultern gezuckt hat, ist Mariah Blakes aus vielen jahrelangen Reportagen entstandene Erzählung rund um Hoosick Falls und seine Einwohner ein lebendiger und erschreckender Gang in die Thematik, die einst mit einem besonderen Produkt für das amerikanische Atomwaffenprogramm begann und mittlerweile die ganze Welt betrifft.

Und das auch noch mit vielen offenen Fragen, wie wir nun eigentlich mit diesen praktisch überall vorkommenden Ewigkeitsgiften umgehen können. Denn eins ist Fakt: Von der Dimension her hat die PFAS-Tragödie längst dieselben Ausmaße wie Klimakrise und Artensterben. Und sie zeigt, dass wir sehr hellhörig werden sollten, wenn uns große Konzerne neue Wunderprodukte anpreisen, deren Inhaltsstoffe zuvor nicht auf ihre Schädlichkeit untersucht wurden.

Mariah Blake „Die Vergiftung der Welt“, Oekom Verlag, München 2026, 25 Euro.

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