Manchmal hat man ja das Gefühl, dass es in der Lyrik immer nur um eines geht: die Liebe. Und bekanntlich war auch Papa Spejbl ein wenig ratlos, als Hurvinek ihn dereinst fragte: „Papa, was ist die Liebe?“ Das könne Hurvinek ohnehin nicht begreifen. Und seitdem wissen wir eigentlich alle: Es geht uns wie Spejbl. Wir können es nicht erklären. Und sagen den neugierigen Kindern dann, sie würden es sowieso nicht begreifen. Eigentlich Anlass genug für ein richtiges Liebe-Gedichte-Buchprojekt.

Das haben die Leipziger Dichterin (und Lehrerin) Grit Kurth und der in Leipzig lebende jüdisch-palästinensische Schriftsteller Michael Touma unternommen. Ein wenig maskiert, denn wer welchen Text zu diesem Gedichtband beigetragen hat, erfährt der Leser erst hinten im Inhaltsverzeichnis. Aber das ist egal. Denn hier geht es einmal nicht um Rollenzuschreibungen, um das alte Träumen von der absoluten Beziehung, die so viele in die Liebe hineinwünschen. Nur um dann durchs Leben zu rennen, ahnungslos, warum es nie wirklich geklappt hat mit der Liebe. Warum aus dem Zauber der ersten Begegnung am Ende Schweigen und Einsamkeit wurden.

Was ist da passiert?

Vielleicht liegt es am „ewig Wunderbaren“, dem Paradies der Kindheit, über das es im Band natürlich auch ein Gedicht gibt. Und dann begegnet man einem Menschen, der alle diese Gefühle aus der Kindheit in einem wachruft. Als wäre man endlich wieder daheim.

Und es stimmt schon: Gerade der erste Teil der Gedichte, die die beiden im Dialog geschrieben haben, thematisiert das Wunderbare, das Endlich-eins-Sein mit einem Menschen, für den man sich ganz und gar öffnen und in dem man sich verlieren kann. Und manchmal trägt das ja tatsächlich ein ganzes Leben lang, findet man in diesem nächsten Menschen immer wieder die stille (und manchmal laute) Freude am Loslassen und Geborgensein.

Verlorener Zauber

Aber Kurth und Touma wissen auch, dass das meist nur ein Traum ist. Einer, aus dem so viele eines Tages erschrocken erwachen und merken, dass von all dem Zauber nichts mehr da ist. Und das liegt mehrheitlich gar nicht an der Geliebten oder dem Geliebten, die einem auf einmal regelrecht fremd geworden sind. Sondern an einem selbst. Man hat sich zu sehr auf das Feuerwerk der Hormone verlassen. Und auf einmal merkt man: Es war vielleicht doch nicht die Liebe. Aber was dann?

„Liebe kann eine Droge sein. Doch wie wirst du überleben, nach einem kalten Entzug?“

Man merkt: Die beiden haben sich Gedanken gemacht. Sogar so etwas wie eine Dramaturgie entwickelt für dieses Buch. Sie wollten auch all den Dingen nachspüren, die Liebe in das schlimmste aller Gefühle verwandeln kann. Da hat man mit allen Fasern einen Menschen geliebt, hat es hinausgeschrien oder nur heimlich in sich hineingemurmelt. Und es doch nicht geschafft, dass die Brücke trägt. Und steht dann da, zitternd und völlig ausgebrannt im „kalten Entzug“.

Wer ist als Erster aufgestanden und gegangen? Und warum? Man fühlt sich ja mächtig als Liebender, glaubt, allein diese Liebe würde reichen, die Beziehung in ein magisches Licht zu tauchen. Und dann steht man – die Augen noch voller Lametta – da und merkt: Wer da gegangen ist, den hat man eigentlich nicht gekannt. Hat etwas hineingesehen in den bewunderten Menschen, das gar nicht da war. Man hat ein Bild von der Liebe geliebt. Oder das Gefühl, endlich angekommen zu sein, verwechselt mit dem Gesehenwerden, ohne das Liebe nicht funktioniert.

Maria kommt nicht …

Dann sitzt man da wie in „Maria kommt nicht“, noch wirkt die Illusion. Doch: „Das Warten weicht der Gewissheit: Maria kommt nicht.“ Kurth und Touma wissen, dass wir uns manchmal einfach aus Not und Verlassenheit in Beziehungen werfen, etwas suchen, was uns niemand wirklich geben kann. „Wenn ich sage, / ich brauche dich, / ist das ein Ausdruck / von Liebe?“ Es ist nicht die einzige berechtigte Frage im Gedicht „Ist das Liebe?“

Haben wir also ganz etwas Anderes gesucht, als wir glaubten, einen Menschen in Liebe zu gewinnen? Und merken es erst so richtig, wenn der Traum geplatzt ist? „Oft sind meine Gefährten / in den Nächten / Wein und Poesie / und ein Traum von Liebe. / Doch mein Hier und Jetzt / ist Einsamkeit und Verzweiflung.“ („In mir ist so viel Liebe“)

Wollten wir also einfach nur nicht allein sein? Brauchten den Menschen neben uns, der unser Verlorensein in der Welt einfach dadurch dämpfte, dass er da war. Neben uns lag, atmete. Und manchmal Nähe zuließ, das Gefühl, zu verschmelzen. Während wir einander tatsächlich verloren. Auch aus Angst, einander zu verletzen. Manchmal stirbt die Liebe, weil man sie nicht gefährden will. Mit Worten zum Beispiel. Wer weiß das nicht? Gerade dann, wenn sie oder er ein paar ehrliche Antworten will, steht der Schrecken auf. Der Schrecken, doch nur eine Rolle gepiekt zu haben. Nicht zu genügen. Oder nur da geblieben zu sein aus Angst, wieder allein zu sein.

Dann passiert manchmal so etwas wie in „Wände“: „Wir bauten mit unserem Schweigen / Mauern, härter als Stein. / Wir wollten darüber nicht steigen, / blieben lieber dahinter allein …“ Auch das passiert: Da ist man irgendwie zusammen. Und trotzdem so einsam, dass man schreien möchte. „Hörst du mich? Hörst du mich …“ Manchmal merken wir nicht einmal, dass ein Abschied endgültig ist. Ein letztes Lächeln, als wäre alles noch gut. Und trotzdem steht man auf einmal allein am Meeresufer. „Wohin soll ich nun?“ („Dein Lächeln“)

Gefunden werden

Natürlich lassen es die beiden nicht in Verzweiflung enden. Das Leben geht weiter. Und oft genug trifft man dann doch wieder Menschen, bei denen einem das Herz aufgeht. Und wenn es nur für eine kurze, wärmende Liebe ist wie in „An einem herrlichen Sommertag“: „Komm! / Lass uns heute Nacht / zu den Sternen fliegen.“

Vielleicht können wir nicht alles wieder gutmachen. Vielleicht sind die Barrieren, die uns trennen, zu hoch. Vielleicht geraten wir auch nur aus einem Missverständnis ins andere. Oder merken gar nicht, dass wir in eine Beziehung eingezogen sind als wären wir nach Hause gekommen. Nur den Menschen, mit dem wir nun leben, kennen wir gar nicht. Lieben ein Phantom, ein Bild vom dem, wie wir uns das Gefundenwerden vorstellen. Und vergessen dabei, den Menschen zu finden, mit dem wir träumend am Tisch sitzen.

Aber das Tröstliche ist: So geht es ganz vielen Menschen. Alle voller Hoffnung, es könnte sie eine ganz große Liebe finden. Und oft genug enttäuscht in dem, was sie dann bekommen, verprellt von dem Gefühl, dass sie nicht gesehen und verstanden werden.

Und so wird der von Michael Touma liebevoll illustrierte Gedichtband im Grunde beides – ein richtiges Projekt, mit dem Kurth und Touma die manchmal verstörende Welt der Liebe erkunden. Und gleichzeitig ein Dialog zwischen beiden, in dem sie versuchen, ihre jeweils eigene – weibliche und männliche – Sicht auf dieses Phänomen sichtbar zu machen, das so oft in Scherben und Kofferpacken endet.

Und so selten ganz, ganz lange anhält und trägt. Wo wir doch alle getragen werden wollen. Umarmt in einem Kosmos, in dem die Einsamkeit allgegenwärtig ist.

Grit Kurth, Michael Touma „Liebe. Dialog der Gefühle“, Circulus Verlag, Leipzig 2026, 14,95 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar