Manchmal sind es auch Collagen in einer Ausstellung, die eine Dichterin erst auf Ideen bringen. Zum Beispiel einmal Gedichte über Frauen zu schreiben, die mit Liebe, Aufmerksamkeit und Überzeugung ein Handwerk ausüben. Und das auf sehr poetische Weise. Manchmal braucht man ja erst den Blick der Dichterin, die Poesie eines Handwerks wieder wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Eine Tugend in einer Zeit, in der Arbeit immer mehr hinter technokratischen Kulissen verschwindet.

Und genau das hat Undine Materni getan, angeregt durch die Einladung zu einer Ausstellungseröffnung in der Galerie Raskolnikow in Dresden. 2008 war das. Und dort begegnete sie zum ersten Mal den Collagen von Ruth Habermehl. Und war so begeistert, dass sie erst gar keine Eröffnungsrede schrieb, sondern drei Gedichte.

So begegnen sich die Künste. Es folgten weitere Begegnungen der beiden Künstlerinnen. Und die Zahl der Gedichte und kurzen Prosatexte, die das weibliche Handwerk feiern, wuchs mit der Zeit, bis es genug Stoff für einen Gedichtband gab, der natürlich gespickt ist mit den Collagen von Ruth Habermehl. Collagen, die auch daran erinnern, dass auch Gedichte von der Collage leben, dem Zusammenfügen von Bildern, Eindrücken und Gefühlen, dem Versuch, die ganze Komplexität des Daseins zu erfassen, das eben nicht nur in der simplen Tätigkeit zum Ausdruck kommt.

Es ist wie Menschen machen …

Wir alle sind immer auch mit unseren abschweifenden Gedanken, unserer Phantasie dabei. Manchmal ist das auch von außen zu sehen, manchmal nur nachzuempfinden, wenn sich die Dichterin in die handelnde Figur hineinversetzt. In ihr ganz persönliches Verhältnis zu dem, was sie mit Überzeugung, Freude und manchmal auch Liebe tut. So wie gleich im ersten Gedicht die Bäckerin: „Es ist wie / Menschen machen / flüstert sie manchmal / morgens in der vierten Stunde …“

Sicher geht es auch männlichen Handwerkern manchmal so, auch wenn sie es vielleicht anders ausdrücken würden. Und natürlich singt dieses Buch von der innigen Freude, die Menschen überhaupt dabei empfinden, wenn sie mit ihrer Hände Arbeit ein gutes und schönes Werk schaffen.

Aber gleichzeitig ruft Undine Materni mit diesem Band auch ins Bewusstsein, dass das Handwerk eben nicht nur eine Männerdomäne ist, sondern auch Frauen hier ihrer Passion nachgehen. So wie die Köchin im gleichnamigen Gedicht, die nicht nur an den roten Pfeffer aus dem Titel denkt, sondern auch an die sorgsame Auswahl der Zutaten. Auch wenn die Esser ihre Arbeit gar nicht zu würdigen wissen und alles eilig hinunterschlingen.

Gottchen, ja: Wir haben ja alle keine Zeit. Was natürlich Quatsch ist. Niemand ist so wichtig. Und glücklicher sind ganz bestimmt die Menschen, die ihrer Profession mit Geduld und Sorgfalt nachgehen. Und lieben, was sie tun. So wie die Metzgerin, die das Handwerk ihres Ururururgroßvaters Wilhelm übernommen hat und sein besonderes Rezept für Bratwürste bewahrt. Oder die Damenmaßschneiderin, die regelrecht staunt, wie sich die Frauen verwandeln, wenn sie die von ihr geschneiderten Kleider überstreifen.

Wenn der Mensch wieder das Maß ist

Man fühlt sich regelrecht hineinversetzt in dieses Staunen und Bewundern. Dieses Glücklichsein, weil man Anderen zu einem ganzen Stück mehr Selbstwertschätzung verholfen hat. Auch wenn immer wieder anklingt, dass das Handwerk zu verschwinden droht, verdrängt von einer Industrie, die für diesen ach so menschlichen Aufwand eines individuellen Handwerks einfach keinen Platz mehr hat.

Dabei schätzen auch Männer die gute Arbeit – in diesem Fall einer Herrenmaßschneiderin, die mit jedem angefertigten Maßanzug auch eine erlebte Geschichte verbinden kann. Der es ganz ähnlich ergeht wie der Hutmacherin: „Weil ich es vermisse / wenn ein Man seinen Hut / lüpft um mich mit einem / verschmitzten Lächeln zu grüßen.“

Man sieht es in jedem einzelnen Gedicht: Beim Handwerk entstehen ganz persönliche Beziehungen auch zwischen der Handwerkerin und ihren Kundinnen und Kunden. Eine menschliche Beziehung, die aus dem Leben so vieler Menschen verschwunden ist. Darf man sie vermissen? Man darf und sollte wohl auch.

Denn so merkt man erst, wie viel Geduld und Liebe in den Dingen steckt, die man derart erwirbt. Angefertigt ganz nach Wunsch des Kunden. Maßgefertigt. Da wird der Mensch tatsächlich wieder zum Maß, zu jemandem, für den die Schusterin Schuhe anfertigt, in denen man wieder tanzen kann. Oder – selbst als Aschenbrödel – wieder beschwingt durchs Leben läuft.

Handwerkszeug, poetisch

Und spätestens beim Besuch bei der Friseurin erinnert sich jeder Mann daran, wie man beim Waschen und Schneiden wieder auftaut. Eine scheinbar so simple menschliche Begegnung, die aber erlebbar macht, wie sehr wir diese Begegnungen brauchen. Vor allem mit Menschen, die ihre Profession beherrschen und einem den Druck von den Schultern nehmen, immerfort nur funktionieren zu müssen.

Genau daran erinnern die Gedichte von Undine Materni: Es geht um Wertschätzung in vielerlei Hinsicht. Und damit einen anderen Blick auf unsere Welt, in der die Wertschätzung scheinbar dem allgegenwärtigen Werbezinnober gewichen ist, dem simplen Shopping-Akt, bei dem nichts, aber auch gar nichts an persönlichen Beziehungen entsteht. Und auch keine innige Beziehung zu den erworbenen Dingen.

Das regt an, sich hineinzufühlen in die Gärtnerin, die Puppenmacherin, die Bestatterin, die Zuckerbäckerin. Und in ihr aufmerksames Verhältnis zum eigenen Schaffen. Klar: Am Ende fehlt die Dichterin. Aber die zeigt ja in diesem Buch, wie man mit dem poetischen Handwerkszeug eine ganze Welt erfassen und gestalten kann. Lauter Frauen, die in ihrem Handwerk leben wie in einer eigenen Welt. Die Collagen von Ruth Habermehl reflektieren das, setzen neue Bilder daneben.

Eine weitere Dimension, die wir in unserem Leben finden, wenn wir nur zulassen, seine schillernden Facetten zumindest in den Augenwinkeln wahrzunehmen.

Undine Materni, Ruth Habermehl „Manchmal ist es gut an roten Pfeffer zu denken“ Gans Verlag, Berlin 2026, 20 Euro.

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