Vielleicht sind es doch ganz besondere Menschen, die gar nicht anders können, als Gedichte zu schreiben. Weil das eine Herausforderung ist für ihr anspruchsvolles Gehirn. Denn Gedichte sind gedankliche Rätsel. Sie zwingen dazu, über die scheinbar so alltäglichen Dinge etwas anders nachzudenken. Neugieriger, aufmerksamer, mit der kleinen Ahnung, dass unter der Oberfläche immer ein paar Überraschungen lauern. Und die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik fordert das auch noch heraus.
Sie veröffentlicht nämlich alle paar Monate eine Aufgabe, die bei einigen Hundert Menschen im ganzen Land auf ein freudiges Danke stößt. Denn hier geht es nicht um Blümelein, Herzeleid und all den anderen Kokolores aus den Poesieplüschecken des vorletzten Jahrhunderts.
Die Themenvorgaben der Gesellschaft sind wie mathematische Aufgaben, die lauter tatendurstige Köpfe anregen, das Thema ernsthaft und tatsächlich poetisch anzugehen. Auch wenn der gewöhnliche Mensch da eher denkt: „Rollenspieler?“ Da kommen ganz bestimmt lauter hübsch gereimte Gedichte über Theater und Schauspieler heraus.“
Denkste.
Wer bin ich?
Vielleicht haben hier auch schon vorhergehende Aufgaben und die dann im „Poesiealbum neu“ veröffentlichten ausgewählten Ergebnisse ihre Wirkung gezeigt. Die Teilnehmer jeder neuen Runde wissen jetzt, dass von ihnen kein Larifari erwartet wird. Man spürt regelrecht, wie da in Stuben, Arbeitszimmern oder wo sonst immer Leute ihre Texte verfassen, aufgeatmet wurde. Und sich so manche und so mancher dachte: Endlich. Denn das ist im Grunde das Urthema aller Poesie: die Frage nach dem Wer-bin-ich?
Spielt das eine Rolle? Spielen wir alle nicht eine Rolle? Und merken es oft genug vor dem Spiegel, dass die Rolle nicht ganz zu uns passt? Und wer verpasst uns eigentlich unsere Rolle? Oder fügen wir uns nur in Erwartungen und werden todunglücklich, weil wir uns in diesen erwarteten Rollen nicht wohlfühlen?
Darum geht es tatsächlich in so gut wie allen Gedichten, die die strenge Jury nun für diese Auswahl zusammengestellt hat. Gedichte, die sich eben auch damit beschäftigen, wie unsere Mitwelt permanent an uns herumformt, uns in ein Schema zu pressen versucht, weil wir sonst nicht in ihre Erwartungsmuster passen. Es geht also vielschichtig und durchaus verwirrend zu in unserem Leben.
„An jeder Ecke lauern Sprüche, / die einen besseren Menschen / aus mit machen wollen“, beginnt z.B. Esther Horat ihr Gedicht. Und Eva Juan: „Es war einmal / ein kleines Mädchen / mit traurigen dunklen Augen / unverstanden / einsam …“
Wir tragen also auch noch unsere eigenen Rollen mit uns herum, die wir im Leben spielten oder glauben, hinter uns gelassen zu haben. Das ganze Leben ein einziges Rollenspiel mit verschiedensten Masken – aber welches ist unsere wirkliche Maske? Oder gibt es die gar nicht? Sind wir im Traum andere als im Wachsein, schlüpfen dort in Kostüme, mit denen wir uns tagsüber gar nicht auf die Straße trauen würden, weil wir so mutig wirklich nur im traum sind? „Tanze nachts / auf wilden Wellen“, beginnt Manfred Schlüter sein Gedicht.
Und Wolfgang Stock denkt intensiv darüber nach, wie er draußen in der Welt versuchte, sich die zeitgemäße Rolle zuzulegen: „Ich hab mir meine Rolle / mit Mühe beigebracht …“
Im großen Improvisationstheater
Da tun sich Fragen auf. Wer sind wir dann eigentlich? Die Person, die andere in uns sehen? Die Person, von der wir wollen, so gesehen zu werden? Oder tauchen wir in eine Rolle, die uns ganz zufällig übergeholfen wurde? „Im großen Improvisationstheater / Ist keine Generalprobe vorgesehen“, wie Patricia Falkenburg ihr Gedicht beginnt. Also keine Chance: Wir müssen nehmen, was uns im Fundus angezogen wird.
Und stehen dann verwirrt auf der Bühne, haben vorgefertigte Texte und das dumme Gefühl, doch von den anderen durchschaut zu werden: „wir sitzen am tisch / du reichst mir das salz / ich gieße dir ein“, so wie Barbara Finke-Heinrich ihr Gedicht beginnt, in dem sie am Ende die durchaus verwirrende Frage stellt: „doch wer hält die fäden“?
Spielen wir also ein Stück, in dem andere die Texte und Regeln vorgegeben haben? Regeln, die wir verinnerlicht haben in der Kindheit und die auf einmal aufbrechen im Erwachsenenalltag, wenn wir nicht damit rechnen. So wie im Gedicht von Lutz Rathenow: „Ich wollte nie werden wie mein Vater / spricht ein Vater zu seinem Sohn / spricht der Sohn zu seinem Vater …“
Man merkt: Es ist verstörend. Was eigentlich jeder weiß, aber nicht jeder artikuliert. Weil wir meistens einfach nur in den üblichen Rollen auftreten, unsere Sprüche sagen, uns ins Erwartete fügen und abtreten. Und das Gefühl verdrängen, dass wir gar nicht selbst agiert haben. Nur funktioniert. Wie immer. Auch weil wir Erwartungen genügen wollen, die wir im Kopf tragen. So wie die alte Frau in Sabine Fischs Gedicht: „Noch als alte Frau / zeigt sie allen Menschen / ihr freudiges Lächeln …“
Da landet man im Humus unserer Gesellschaft, in den Bildern, die wir uns voneinander machen, auch über uns selbst. Manchmal werden wir uns so selbst fremd, erkennen wir uns im Spiegel nicht wieder. Oder werfen es Anderen vor, dass sie nicht mehr dem Bild entsprechen, das wir von ihnen im Kopf haben: „Ich bin’s noch, aber Du? / Dich kenn ich nicht wieder“, wie Ulrike Diez ihr Gedicht beginnt.
Wer sieht uns?
Wer in sich geht, merkt, wie es in uns gärt und die Unstimmigkeiten uns durch unser Leben begleiten. Oft ohne dass wir herauskommen aus der Verschlossenheit. Und trotzdem wünschen, wir könnten uns verwandeln wie in einem Märchen von Hans Christian Andersen.
„Immer sehnte ich mich nach dem Land der Menschen“, beginnt Charlotte Uecker ihr „Seejungfrau“-Gedicht. Es ist also nicht neu, dass wir uns im Widerspruch zu der Rolle befinden, die wir spielen. Oder die anderen uns zusprechen, während wir das dumme Gefühl haben, am falschen Ort im falschen Text zu sein.
So wird das Heft geradezu zur Anregung, sich auf vielerlei Weise mit dem Rollenspiel zu beschäftigen, aus dem unser Leben besteht. Unseren Masken und unserer Ratlosigkeit, wenn wir uns im großen Bühnenspiel selbst nicht wiederfinden. Nicht gesehen oder nicht gemeint fühlen. Womit die Frage bleibt: Wer sind wir wirklich? Oder sind wir tatsächlich ganz Verschiedene, je nachdem, welchen Raum wir betreten und welche Erwartungen uns entgegensehen? Oft nur in unserem Kopf. Aber das genügt zur totalen Verunsicherung: Welcher Text ist jetzt der richtige? Genügen wir der Rolle? Oder ernten wir ein verstörtes Publikum?
Auch das kommt in einigen der Gedichte vor. Denn am Ende sehen wir uns ja erst selbst, wenn wir gesehen werden. Und andere uns spiegeln, wer wir – jetzt – in ihren Augen sind. Ob wir uns da wiedererkennen, ist eine andere Frage. Aber eben eine, die uns ein Leben lang beschäftigt.
Poesiealbum neu „Rollenspieler – Tag und Nacht“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2026, 10 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:


















Keine Kommentare bisher