Die Packung verrät natürlich nicht, was drin ist. Das erfährt man erst, wenn man sie öffnet und drei kleine Hefte herauszieht. Echte Quickies. Der Verlag mit den Quickies im Namen nimmt sein Anliegen sehr ernst. Er hat schon mehrere solcher „Pralinenschachteln“ veröffentlicht, die den Käufern kurze und schnell zu konsumierende Lektüre bieten. Die jüngste enthält lauter kurze kriminelle Geschichten von zwei Autoren und einer Autorin.

Im Grunde sind es Fingerübungen für Autor/-innen, die sonst gewohnt sind, dicke Romane mit Grusel- und Spannungsfaktor zu schreiben und dabei natürlich viel mehr Seiten zur Verfügung haben, um nicht nur die mühsame Aufklärung eines Kriminalfalls zu beschreiben, sondern auch die finstersten Abgründe der Täter.

Im Kopf eines Mörders

Friedrich Ani hat die Gelegenheit genutzt, sich einmal völlig auf diese finsteren Abgründe zu konzentrieren und in die wirklich nachtschwarze Seele eines Mannes zu tauchen, der keinerlei Skrupel kennt, seine Mitmenschen zu töten. Und das sehr grausam. Unübersehbar hat er auch noch einen Lustgewinn daran, dass er Menschen aus seiner direkten Umgebung zu Tode bringt.

Aber gleichzeitig merkt man: Ihm fehlt es komplett an Empathie. Seine Taten verklärt er vor sich selbst mit einer terroristischen Agenda. Ob Terroristen tatsächlich so denken? Möglicherweise. Denn oft genug vergisst man ja, dass Terrorismus auch nichts anderes  ist als Kriminalität, die sich hinter politischen Botschaften und Forderungen versteckt. Akte der völlig fehlenden Empathie für die Opfer.

Eine Grundfrage, in der sich mörderische Kriminalfälle mit den blutigen Taten von Terroristen treffen. So handeln kann nur, wer die getöteten Menschen nicht als Menschen sieht, sondern als Objekte. Und wer unsere Gegenwart seit 2001 betrachtet, weiß, wie schnell auch Politiker da jeden Maßstab verlieren können und das gnadenlose Denken der Terroristen auch in ihr politisches Handeln einsickern lassen.

Ein kleiner Abschweif, sicher. Aber Ani hat die Anregung selbst gesetzt, als er seinen Protagonisten in der Vorstellung schwelgen ließ, hinter seinen Taten stecke so etwas wie eine terroristische Agenda. Obwohl er selbst im Grunde die ganze Zeit davon erzählt, dass er zu Empathie überhaupt nicht in der Lage ist. Doch wie das so ist mit derart überzeugten Tätern: Sie kehren die Schuld einfach um. „Ich lösche aus, weil ich die Gleichgültigkeit in dieser Stadt nicht mehr ertrage. Ich bin kein Fundamentalist, ich glaube nicht an einen Gott, ich glaube an die Lehre des reinen Menschen und seine Fähigkeit zur Selbstreinigung.“

So einen Quark hat man ja in diversen Manifesten von Attentätern und gewaltbereiten Incels in den letzten Jahren immer wieder lesen können. Die sich scheinbar vermehrt haben wie die Karnickel. Aber das kann trügen, denn es sind die neuen Medien, die ihnen überhaupt erst die Plattform und die Aufmerksamkeit verschafft haben, die ihre Taten scheinbar so bedeutsam machten.

Verliebte Räuber und clevere Hühner

Aber es geht nicht in allen Kurzgeschichten so blutig zu wie bei Ani. Gunter Gerlach hat die Gelegenheit genutzt, ein bisschen mit dem Genre zu spielen und drei junge Leute im Ruhrpott loszuschicken, um Supermarktkassen zu plündern. An der Kasse unterhalten sie sich dann auch noch lautstark über die Liebe, die sie augenscheinlich alle drei noch nicht kennengelernt haben. Und dann fangen sie auch noch an, die Kassiererinnen selbst zu fragen, wie man denn nun zur Liebe kommt.

Mit dem sehr liebenswerten Ergebnis, dass eine Kassiererin tatsächlich darauf anspringt und mit einem der unerfahrenen jungen Männer die Entdeckung des Liebemachens beginnt, während die Kumpel das erbeutete Geld wieder komplett in Lotterielosen anlegen. Denn eigentlich wollen sie raus aus ihrem Leben als Supermarkträuber. Und da hilft am Ende wohl nur ein Millionengewinn.

Und in Anke Küppers Geschichte „Fremde Federn“ ist es am Ende das Huhn Daphne, das der Polizei dabei hilft, den Mörder der Vorsitzenden des Hühnerzüchtervereins dingfest zu machen und den etwas biederen Enno davor zu bewahren, fälschlich als Mörder angeklagt zu werden.

Letztlich hat man mit dieser Pralinenschachtel drei völlig verschiedene Ansätze, sich dem Thema kriminellen Handelns zu nähern. Heiter und augenzwinkernd wie bei Anke Küpper, lustvoll mit dem Genre spielend wie Gunter Gerlach. Oder eben sehr zum Nachdenken anregend und sehr blutig bei Friedrich Ani. Denn wie ticken eigentlich Menschen, die keine Skrupel kennen, ihre Mitmenschen einfach umzubringen? Man taucht in Abgründe, die eben leider zum Teil auch die Abgründe unserer Zeit sind, Fallen des Denkens, in die auch Politiker geraten, die in ihrem Auftreten vergessen, dass es immer um Menschen geht.

Egal, ob sie uns fremd sind oder einfach nicht ins gerade gepflegte politische Raster passen. Ein nicht unwichtiges Thema in einer Zeit, in der immer mehr Menschen an ihren elektronischen Geräten vereinsamen und verlernen, die Nähe und Präsenz der Außenwelt zu ertragen.

Thomas Muske: „Krimi-Konfekt. Kurzgeschichten“ Literatur Quickie Verlag, Hamburg 2026, 12,50 Euro.

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