Manchmal kann man auch einfach Romane schreiben, weil man die Nase voll hat von all den noblen Herren in ihren Ämtern und Gewändern, die nicht mal ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich auf aller Kosten bereichern, Menschen manipulieren und ihre Straftaten mit amtlicher Beihilfe vertuschen können. Man darf sich durchaus an einen von Prachtentfaltung besessenen deutschen Bischof erinnert fühlen, wenn Gerhard Weinreich einen Bischof namens Ehrmann aus deutschen Südgefilden zum Mörder werden lässt.
Ist es ein Kriminalroman? Nicht wirklich. Auch wenn der Chef der römischen Glaubenskongregation seinen hartnäckigsten Ermittler, Monsignore Ries, nach Bayern entsendet, um im Leben des karrierebewussten Bischofs dunkle Stellen zu finden, um zu verhindern, dass dieser Bischof nach dem Tod des aktuellen Papstes nach Rom wechselt und den Leiter der Glaubenskongregation in seinem Amt beerbt.
So richtig viel Vertrauen in die Amtswalter der katholischen Kirche hat Gerhard Weinreich ganz offensichtlich nicht mehr. Und im Grunde thematisiert er mit seinem Roman einen schon lange unhaltbaren Zustand, der den Gläubigen mit einer geradezu unantastbaren Kirchenhierarchie begegnet, in der Verfehlungen und Übergriffe vertuscht werden, Kommissionen ihre Untersuchungen unter Verschluss halten und kirchliche Würdenträger, die sich ganz unchristlicher Dinge schuldig gemacht haben, einfach nur versetzt werden, um sie aus der Schusslinie zu nehmen.
Es ist auch ein gewisser Blick in die deutsche Provinz, wo jeder irgendwie vom anderen abhängig ist, Seilschaften darüber entscheiden, wer Karriere macht, und am Ende eine Atmosphäre der Lügen, Intrigen und kleinen Verrätereien entsteht, bei der alle wissen, dass gelogen und vertuscht wird.
Kungeleien in der bayerischen Provinz
Gerhard Weinreich inszeniert es wie ein Krippenspiel. Er lässt den nur scheinbar allmächtigen Kardinal Bruno in Rom seine eigenen Spielchen spielen, indem er seinen gerade erst in lauter Skandale verwickelten Ermittler Ries nach Norden entsendet, scheinbar ganz ohne offiziellen Auftrag.
Es geht ja auch um seine Karriere. Und Ries fährt und bringt in dem Städtchen an der Donau einige Leute ins Schwitzen – den Bischof, der seinen Kassenwart beseitigt hat, weil der androhte, seine geschäftlichen Kungeleien öffentlich zu machen, aber auch seine Architektin, die ihm einen bombastischen Bischofssitz bauen soll, gleichzeitig aber auch noch seine Geliebte ist und von jeder Ausschreibung profitiert.
Man merkt: Hier hat einer Spaß daran, die kirchlichen Würdenträger an ihrer schmierigen Moral zu packen, die ja bekanntermaßen wenig mit der Bibel zu tun hat. Und eigentlich gibt es auch noch zwei Personen, die sich darum kümmern sollten, dass die Dinge ihren rechtlichen Gang gehen – die Justiziarin des Bischofs und den Staatsanwalt. Doch der hat lieber die Ermittlungen zum mysteriösen Tod des Kassenwarts einstellen lassen, denn der Herr Bischof hat Kontakte und Einfluss und kann eine Menge tun, ihm die Versetzung in die Landeshauptstadt München zu verhageln. Oder zu ermöglichen.
Gottchen, sagt man sich da. Ist das wirklich so in der bayerischen Provinz? Aber nichts sagt einem, dass es nicht so ist. Denn so wird verständlich, wie Politik nicht nur da unten in katholischer Selbstgefälligkeit passiert. Unsere Hierarchien sind voller Abhängigkeiten. Und es gibt genug Leute, die über Leichen gehen oder Delikte vertuschen würden, wenn sie dadurch nur den nächsten Schritt auf der Karriereleiter steigen könnten. Und nicht nur der Staatsanwalt tickt so. Auch seine Geliebte, just die Justiziarin des Bischofs.
Kirchspiel mit Hintergedanken
Und augenscheinlich wissen alle alles übereinander, jedes Detail der heimlichen Vertuschungen. Auch Monsignore Ries, der in diesem Spannungsfeld so etwas spielt wie den allwissenden Sherlock Holmes. Sein ledergebundenes Notizbuch scheint jedes Detail aus dem dunklen Vorleben der Leute zu enthalten, denen er bei seinen unkonventionellen Ermittlungen auf die Pelle rückt. Ermittelt er überhaupt? Oder spielt er einfach mit den Erwartungen und Selbstgerechtigkeiten der Leute, die ihm im Grunde alle Momente für einen nur zu begründeten Verdacht frei Haus liefern?
Während der Bischof die Aura der Unantastbarkeit um sich nährt. Wer kann ihm schon? Der Mord ist bestens vertuscht (auch wenn die ganze Zeit darüber geredet wird) und den Schnüffler aus Rom hat man ohnehin kaltgestellt, denn auch der Bischof hat seine Drähte „nach oben“, weiß also schon lange, dass Ries gescheitert ist.
Dass Weinreich seine Kirchspiel mit einigen Hintergedanken geschrieben hat, wird schon früh klar, als der zwischen Selbstüberschätzung und gelindem Opportunismus schwankende Staatsanwalt feststellt: „Wir sind schließlich in Bayern. Ich kann doch nicht gegen einen Bischof ermitteln!“
So ist das in Ländern, wo eine Hand die andere wäscht und Beziehungen „auf höheren Ebenen“ alles sind und über Karrieren und Schicksale entscheiden. Da muss Monsignore Ries gar nicht viel tun, nur all den am Ende doch etwas besorgten Leuten im Umfeld des Bischofs ins Gesicht sagen, was er von ihnen hält. Sie kommen ja geradezu angelaufen, um es ihm brühheiß zu erzählen.
Nur hat Ries einen Vorteil, der eigentlich ein Nachteil ist: Er will gar keine Karriere machen, strebt kein höheres Amt an. Und der Gedanke, seinen Job loszuwerden und auch aus dem Orden der Dominikaner geschmissen zu werden, erschreckt ihn nicht. Nicht mal die Aussicht, man könnte ihn auf eine ferne Insel im Ozean versetzen.
Lügner und Strippenzieher
Man wird zwar nicht wirklich warm mit ihm. Aber er lebt eine Haltung, die man in diesem Umfeld (und auch in der bayerischen Kirchenprovinz) so nicht erwartet hätte: Ihm sind die Rangeleien um Ämter, Vorteile und Mammon fremd. All diese Dinge, die Menschen so verführbar, abhängig und opportunistisch machen. Er kann sich auch ein anderes Leben vorstellen. Auch eins mit weiblicher Begleitung.
Und ihm ist es egal, wie der nächste Papst heißt und ob seine Ermittlungen einen Beschiss um all seine Träume von purpurfarbener Würde bringen. Er lässt sich nicht mal einschüchtern, als dieser Bischof ihm in theatralischer Pose erklärt, dass er verloren hat.
Hat er das? Hat sein Gegenspieler denn nicht alle Beweise vernichtet?
Da Weinreich die Gedankenspiele seiner Protagonisten recht ungeniert vor dem Publikum ausbreitet, ist schon lange vor dem Ende klar, wie jeder in diesem illustren Kreis lügt, vertuscht, manipuliert und am Ende eigentlich alle alle verraten. Als käme uns das nicht nur zu bekannt vor. Als wäre unsere Gesellschaft nicht genauso gestrickt. Geld und Karriere machen Menschen zu Opportunisten und Meuchelmördern, zu Lügnern und Strippenziehern. Gerade in Hierarchien.
Und genau das weiß Ries zu schätzen. Er muss eigentlich gar nichts tun, nur den Verrat ein wenig befeuern.
Die Käuflichen
Dass das so einfach in der Wirklichkeit nicht funktioniert, wissen die Ermittler, die tatsächlich mal in die verrauchten Hinterzimmer der Schönen, Reichen und Mächtigen hineinleuchten. Wenn sie das denn mal dürfen und von ihren Vorgesetzten nicht zurückgepfiffen werden. Oder aus simpler Vorsicht kneifen wie der Staatsanwalt in dieser Geschichte, weil die feinen Herren ja beste Beziehungen zu den eigenen Vorgesetzten pflegen.
So gesehen ist Weinreichs Buch auch ein Spiegel unserer ganz zivilen Gesellschaft. Auch wenn er lauter Leute handeln lässt, mit denen man nicht mal einen Bourbon trinken würde, weil ihre Selbstgerechtigkeit längst zum Habitus geworden ist.
Man gönnt es Ries am Ende, dass er zumindest einen dieser Selbstgerechten zur Strecke bringt. Auch wenn man nicht so recht glauben mag, dass er die Fortsetzung seiner eigenen Geschichte nicht vorher mitbedacht hat. Aber solche Typen mag es tatsächlich noch geben, die einfach tun, was ihnen als Aufgabe gestellt ist. Ohne daran zu denken, womit sie hinterher von einem der einflussreichen Herren belohnt werden. Oder gekauft. Den Unterschied merken ja Leute nicht mehr, die von klein auf gelernt haben, dass alles käuflich ist. Auch sie selbst.
Gerhard Weinreich, „Die üblichen Mauern“, Sisifo/Leipziger Literaturverlag 2026, 14,95 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:















Keine Kommentare bisher