Der Stachel sitzt tief. Auch wenn niemand mehr redet über den sogenannten Sachsensumpf, der um die Jahrtausendwende für einige Aufregung gesorgt hat in Sachsen. Und etwas gezeigt hat, was der gesetzestreue Bürger manchmal zwar ahnt, aber nicht wirklich glauben will: dass vor dem Gesetz eben nicht alle gleich sind. Und dass Leute mit Macht und Einfluss meist ungeschoren davonkommen, während der kleine Mann für Jahre hinter Gitter wandert.

Dieser Krimi von Andreas M. Sturm könnte genau in diese Gefilde führen. Tut er auch beinahe.

Aber das liegt in der Natur der Sache. Oder genauer: Es liegt in der Natur eines Mannes, der für die Heldin dieses Thrillers am Ende zur leiblichen Gefahr wird. Ein Typ, wie er sich im kriminellen Milieu am wohlsten fühlt, Leibwächter, Schutzgelderpresser, Schläger. Ein Kerl, wie man ihn schon in der Schule zu fürchten lernt, weil ihm an friedlichem Umgang gar nichts liegt. Rücksichtslos denkt er nur an sich selbst. Und was er will, setzt er mit Drohungen und Gewalt durch.

Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Und natürlich verschlägt es solche Typen auch in die Politik, wo sie sich dann – wenn das ahnungslose Volk sie zu Präsidenten gewählt hat – eben weiter benehmen wie die Bullys vom Schulhof.

Und im Grunde ist eine leise Botschaft in diesem Krimi, die Andreas M. Sturm mitgibt: Eigentlich haben wir keine wirklich wirksamen Rezepte gegen die brachiale Bosheit dieser Typen. Im Gegenteil. Sie werden oft genug auch noch bewundert und angehimmelt. Und sie kommen immer wieder straffrei davon, weil sie sich auch die wohlfeilen Anwälte kaufen können und genau wissen, wo die Ermittlungsgrenzen von Polizei und Staatsanwaltschaft sind.

Eine furchtlose Zoe

Dagegen ist Zoe ein kleines Licht. Eigentlich eine Ermittlerin, die man in so einem Fall nicht erwartet. Angestellt in einem Dresdner Callcenter, wo sie die ganze Erniedrigung einer Jobberin erlebt, die in einer gefühllosen Hierarchie feststeckt und den Leuten am Telefon Versicherungspolicen aufschwatzen muss, die kein Mensch braucht.

Ganz unten in der Welt der „billigen“ Jobs herrscht ein rauer Ton. Der direkte Vorgesetzte ist auch noch ein schmieriger Macho und lässt die kleine Angestellte seine Macht spüren, sie auch noch aus diesem Job zu feuern, wenn sie nicht willig ist.

Kein Wunder, dass man sich als Leser erst einmal an den Kopf fasst, als Zoe nicht nur eines Morgens völlig verkatert neben einem toten Mann aufwacht, sondern sofort beginnt, selbst zu ermitteln. Und das ganz offensichtlich nicht nur, weil sie nicht als Verdächtige in Untersuchungshaft landen will. Und es wird schnell noch erstaunlicher, denn sie kennt auch die Verantwortliche in der Gerichtsmedizin und weiß erstaunlich gut, welche Spuren man sichern muss, um sich zu wappnen.

Dass Zoe ganz und gar kein ahnungsloses Mäuschen ist, erfährt man erst spät. Da hat es den Leser schon mehrfach in Angst und Schrecken versetzt. Denn dass Zoe bei ihren Ermittlungen auch die Dresdner kriminelle Unterwelt aufsucht und dabei Typen gegenübersteht, denen man nicht mal bei Sonnenschein auf der Straße begegnen möchte, lässt einen bangen um das Leben der Umtriebigen.

Die sich nicht mal dann abhalten lässt, auf eigene Faust loszuziehen, als sie selbst körperlich angegriffen wird. Hat sie sich jetzt wirklich mit dem großen Verbrechen in Dresden angelegt?

Falsche Fährten

Zumindest eins weiß sie: Die sich auf einmal mehrenden Mordfälle haben etwas mit ihr selbst zu tun. Sie weiß nur nicht, was. Und wie das in diesem Roman so ist: Nicht nur in der Gerichtsmedizin findet sie verständnisvolle Unterstützung, auch eine Kriminalkommissarin wird am Ende zur Freundin, auch wenn sie dringend warnt, dass Zoe einfach weitermacht. Nur: Ihr eigener Vorgesetzter hat sich in falschen Vermutungen verrannt.

Was nur allzu folgerichtig ist, wie man ganz am Ende merkt, als Zoe Baustein um Baustein zusammensammelt und auf die Spur eines 20 Jahre zurückliegenden Vorfalls kommt, bei dem eine junge Frau bei einem wilden Autorennen über den Haufen gefahren wurde. Die Täter tauchten damals ab. Doch es gibt genug Spuren, die Zoe nach und nach die damaligen Vorgänge rekonstruieren lassen. Die Frage ist nur: Wer ist nun – 20 Jahre später – derjenige, der ganz offensichtlich Rache nimmt? Und welches Motiv steckt hinter den Morden?

Andreas M. Sturm zieht alle Register, um seine Leser und Leserinnen möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen. Umso überraschender ist die Auflösung, nachdem man drei paar Hemden durchgeschwitzt hat, weil man um die scheinbar so leichtsinnige Zoe bangt, die ziemlich spät daran denkt, sich gegen mögliche Übergriffe zu verteidigen.

Und gleichzeitig um jeden Euro in ihrer Börse bangen muss. Denn eigentlich reicht das Geld aus dem Callcenter nicht für all die Extra-Ausgaben, die auf einmal entstehen, als Zoe quer durch Dresden laufen und fahren muss, um mögliche Zeugen zu finden: Leute, die sich gar erinnern an das, was vor 20 Jahren geschah.

Dass sie selbst dabei eigentlich ausgenutzt wird, ahnt sie auch erst spät. Aber das ist letztlich der Schlüssel, den Fall zu lösen.

Manns-Bilder

Womit sich eigentlich der Motivbogen schließt. Denn was bleibt eigentlich den von einer Straftat Betroffenen, wenn die Polizei den Fall nicht lösen kann und die Täter frei herumlaufen? Möglicherweise selbst psychisch demoliert, wie es einigen der Akteure geht, die in diesem Krimi zu Tode kommen.

Aber Männer wie der rücksichtlose Benjamin zeigen ganz offensichtlich keine Skrupel, leben weiter ein Leben voller Gewalt in der Dresdner Halbwelt, die so halb nicht ist, denn sie ist auch mit jener Sumpflandschaft verflochten, in der die Reichen und Mächtigen ihr Süppchen kochen und auf die für alle geltenden Regeln pfeifen.

Ein ziemlich gegenwärtiges Thema. Welchen Schutz genießen eigentlich die gesetzestreuen Bürger, wenn Männer in hohen Positionen ihr Amt missbrauchen, einander Deckung geben und auch mögliche Anklagen zur Farce machen?

Eine Frage, die auch Zoe schon beschäftigt hat – auch in ihrem Leben vor dem Absturz ins Callcenter, als sie es nicht nur mit einem gewissenlosen Richter zu tun bekam, sondern auch ihren Job verlor. Eben weil sie sich die Männerbündelei mit ihren gerade für Frauen brutalen Folgen nicht gefallen lassen wollte. Wie stark ist ein Rechtsstaat tatsächlich, wenn seine Verteidigerinnen gegen einflussreiche Karrieristen keine Chance haben? Eine nicht ganz beiläufige Frage in Sturms Roman, in dem Zoe am Ende den Fall löst, wieder einmal heftigst enttäuscht wird und auch noch ihren Job im Callcenter verliert.

Ein Krimi, der so nebenbei zum Nachdenken bringt über eine Gesellschaft, in der eben nicht alle vor dem Gesetz gleich sind. Sondern Geld und Einfluss Sonderrechte schaffen – in der Regel für Männer, die keine Skrupel kennen, ihre Eigeninteressen durchzusetzen. Mit aalglatten Anwälten, besten Beziehungen und dem nötigen Geld. Das Türen öffnet und Türen verschließt.

Andreas M. Sturm „Tödliche Wetten. Ein Dresden-Krimi“, edition krimi, Hamburg 2025, 14,90 Euro.

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