Eigentlich geht es gar nicht um den Tod in den zwei Erzählungen der portugiesischen Autorin Yvette K. Centeno, die in diesem Band vereint sind. Eher um die Sterne: „Na Hora de Estrela“, wie die erste Geschichte betitelt ist: „In der Stunde des Sterns“. Eine Annäherung an die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector (1920–1977), die in der Ukraine geboren wurde. Genauer: in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die Familie floh vor Pogromen – erst nach Hamburg, dann ins ferne Brasilien.

Eigentlich ist es keine Erzählung in dem Sinn, sondern eine Annäherung an eine ferne und früh verstorbene Autorin, die beim Schreiben ganz ähnliche Steine wälzte, wie es Yvette K. Centeno tut. „Doch ich bin abgeschweift, und was ich zu tun hatte, war, mich mit größerer Rücksicht, Originalität und simpler Nüchternheit einzulassen auf die Steine ihres Schreibens. Das Schreiben, ein Weg voller Steine.“

Sie erkennt sich wieder in der Mühsal, mit der Clarice Lispector sich ihr Schreiben abringt, letztlich sogar in die Figur eines männlichen Erzählers namens Rodrigo schlüpft, um überhaupt erzählen zu können. Wenn das Sprechen selbst zu einem kraftraubenden Akt wird.

Und die Autorin mühselig arbeiten muss, um sich aus dem Schweigen zu befreien: „Clarice Lispector wird der Satz nachgesagt: Wenn ich schweige, dann, weil etwas in mir schreit und ich hören muss. – Ich verstehe das vollkommen, so war ich früher, mein Schweigen war das Hören von etwas anderem in mir. Jetzt ist es anders. Mein Schweigen ist bloß eine Leere an Worten, an Sinn, an Zeichen, die mit der Zeit vertrocknet sind.“

Die Schatten der fernen Migration

Logisch, denn Centeno reflektiert ja gleichzeitig auch ihr Alter und die Gebrechlichkeit ihres Körpers. 83 Jahre alt ist sie, als sie „Clarice“ schreibt. Und sie hat selbst eine Migrationsgeschichte. Das wird deutlicher im zweiten Prosatext in diesem Band: „Genia und Asger. Asger und Genia“. Auch das ist eine Erzählung über eine Beinahe-Begegnung. Obgleich in diesem Fall die Begegnung mit Genia Richez tatsächlich real war. Denn Genia war Yvettes Tante, Inhaberin einer Galerie in Paris, in der sie die Kunst der Moderne ausstellte.

Und die in den 1930er Jahren Geliebte des jungen dänischen Künstlers Asger Jorn war, der 1939 Paris verlassen musste, weil er nach Jahren des Hungers mit der Tuberkulose zu kämpfen hatte, die er in seiner Heimat Dänemark ausheilen musste. Der Zweite Weltkrieg verhinderte dann, dass er alsbald nach Paris zurückkehren konnte. Das war erst danach wieder möglich. Da hatten beide schon geheiratet.

Aber Genia und Asger verband eine lebenslange Freundschaft, wahrscheinlich auch eine dieser stillen, ungebändigten Lieben, die nur in Paris möglich sind. Gleichzeitig waren beide eng verbunden mit der Künstlerszene, die vor dem Nazi-Überfall auf Frankreich in Paris lebendig war und dort nach 1945 wieder aufblühte.

Und auch Yvette Centeno lernte diese inspirierende Szene noch kennen, als sie in Paris studierte. Wo Henri Michaux – wie sie schreibt – ihr wichtigster Mentor war. Noch kurz vor seinem frühen Tod lernte sie dort auch Asger Jorn kennen. Auch wenn sie da bislang nicht ahnte, wie tief die Verbindung von Asger und Genia war. Das machte ihr erst ihre Suche in antiquarischen Büchern und Katalogen deutlich.

Denn Genia selbst konnte das alles nicht mehr erzählen, weil ihr Alter von Alzheimer überschattet war. Da vergaß Genia sogar die französische Sprache und kehrte zurück in die Sprache ihrer Kindheit: Polnisch.

Wie entstehen Bilder und Texte?

Im Grunde handeln beide Texte in diesem Buch von den stillen Folgen jüdischer Vertreibung. Von der Suche nach einer neuen Heimat in Kunst und Literatur. Und dem, was am Ende doch nur unter Qualen zu schreiben ist, weil die Vergangenheit als Trauma im Hintergrund lodert. Wobei sich sowohl Asger als auch Genia an ihrem jeweiligen Zufluchtsort im Widerstand betätigten.

Still, ohne auf Ruhm aus zu sein. Ganz selbstverständlich, weil man sich gegen die Barbarei wehren muss. Weil man seine Menschlichkeit nur bewahrt, wenn man sich wehrt.

Aber im Zentrum von Centenos Spurensuche steht auch hier die Kunst. Besonders Jorns Suche nach dem, was als Bild zu seinen Betrachtern sprechen kann. Immerhin die Grundfrage der modernen Kunst: Finden die Betrachter im Bild etwas, das ihnen das Gemalte aufschließt? Ein tief verwurzeltes Symbol, das Bilder auch dann lesbar macht, wenn sie keine Geschichte erzählen? Gibt es den gerade von den Surrealisten beschworenen rein psychischen Gestaltungsprozess, aus dem der Künstler ohne bewusstes Konstruieren sein Werk schöpft?

Jorn hat nach diesem Etwas gesucht. Selbst bei Kafka. Aber letztlich scheiterte er wie all die anderen Theoretiker, die hinter dem „unbewussten“ Schaffen der modernen Kunstströmungen einen Quell völlig autarker Kunst vermuteten. Nichts da, schreibt Centeno: „Es ist unmöglich, sich auf absolut psychische Weise auszudrücken. Die Tatsache, uns überhaupt auszudrücken, impliziert von vornherein eine Materialisierung des Denkens.“ Nichts da mit dem „reinen Denken“ á la André Breton.

Von fern grüßen Descartes und Schopenhauer, Heidegger und C. G. Jung. „Denken heißt, an etwas denken, man denkt nicht im Leeren, im Nichts. Was ist die Realität, die das Denken begründet?“

Die stillen Geschichten

Man merkt, dass Centeno als Professorin für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft in Lissabon gearbeitet hat. Sie lässt auch Jorn nicht einfach durchgehen, was er sich so übers Kunstschaffen gedacht hat – ganz ähnlich wie Breton und die anderen „Theoretiker“ des Symbolismus. Denn da gelten in der bildenden Kunst dieselben Gesetze wie in der Literatur. Da kennt Centeno sich aus.

Sie hat sich intensiv mit Pessoa, Brecht, Goethe, Stendhal beschäftigt. Da kommt man um die Fragen nicht herum, die sich auch die Schriftsteller stellen: Aus welchem Stoff entsteht eigentlich ihre Literatur?

Ganz gewiss nicht aus dem Nichts. So wenig, wie ein Leben ohne Geschichten auskommt. Und wenn es die Geschichte einer stillen Liebe ist, die zwei Menschen wie Genia und Asger verbindet. Und welche die Nichte erst spät wirklich entdeckt und begreift. Auch wenn sie sich an diese einzige Begegnung noch erinnert, in der sie 1971 in der Wohnung ihrer Tante „einem großgewachsenen, gutaussehenden Mann gegenüber“ stand, „der eine Mappe mit Zeichnungen in der Hand hatte und nach Madame Richez fragte“.

Manchmal weiß man es ja einfach nicht, dass eine große, stille Liebesgeschichte vor einem steht. Manchmal braucht es eine lange Spurensuche, um der Liebe und dem früheren Leben der geliebten Tante auf den Grund zu gehen. Genau das tut Centeno in dieser Erzählung, die damit auch ein Stück Leben sichtbar macht, das unter dem späten Vergessen ihrer Tante Genia verschwunden war.

Yvette K. Centeno „In der Stunde des Todes leuchten die Sterne am hellsten“, Sisifo/ eipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, 16,95 Euro.

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